Debatte Rechte und linke Diskurse

Überall erwartbare Reflexe

Die Diskussionen bei Linken und Rechten folgen einem festen Muster. Sie stecken in fixen Rollen. Muss das so sein?

mehrere Oscars

„Auch der linke Kulturkampf setzt auf die Fantasie der Herstellbarkeit einer Welt nach eigenem Bilde“ Foto: dpa

Reflexe, überall Reflexe. Die frühe Psychologie dachte, dass Reflexe eine Reaktion auf ein Außen sind: Die pragmatistische Kritik des Reflexbogens konnte jedoch zeigen, dass Reflexe nicht von außen, sondern von innen ausgelöst werden.

Man kann von einem Selbstauslöser sprechen: Nicht der äußere Reiz macht die Reaktion. Es ist vielmehr der innere Zustand des Reagierenden, der die Reaktion zur Aktion macht – und je erfolgreicher diese sich bewährt, desto deutlicher stabilisiert sie sich und neigt zu Wiederholungen. Man nennt das Pfadabhängigkeit.

Die Idee des Selbstauslösers kann womöglich den Eindruck besser verstehbar machen, dass in öffentlichen Diskursen kaum Überraschungen stattfinden, sondern alle Beteiligten Rollen spielen, als gäbe es ein Drehbuch, das Antipoden so aufeinander bezieht, dass das Stück genügend Variation und Differenz aufweist, um erzählbar zu bleiben. Natürlich gibt es kein Skript, einen Regisseur schon gar nicht – aber eine stupende Erwartbarkeit.

Die sogenannte Flüchtlingskrise war der vielleicht eklatanteste Reiz der letzten Jahre, der für allerlei Selbstauslöser gesorgt hat. Die vielen Menschen, die besonders zahlreich seit dem Sommer 2015 in Deutschland ankamen, sind tatsächlich so etwas wie ein äußerer Reiz. Ich hoffe, es ist nicht zu despektierlich, die starke, unerwartbare, international einzigartige Form der Willkommenskultur als einen merkwürdigen Selbstauslöser zu interpretieren. Es war großartig, wie sich hier eine Form der Hilfsbereitschaft etabliert hat, die so ganz anders war als die Reaktion auf die Flüchtlinge während des Jugoslawienkrieges vor 25 Jahren.

Benno Ohnesorg liegt blutend auf dem Boden, Friederike Hausmann beugt sich über ihn

2. Juni 1967: Ein Schuss tötet den Demonstranten Benno Ohnesorg. Dieses Datum markiert den Beginn einer bis heute geführten Debatte über Gegenöffentlichkeit, über die Medien, über Wahrheit und Lüge, oder, wie man heute formulieren würde, über Fake News und alternative Fakten, über Verschwörungstheorien, bürgerliche Zeitungen und alternative (auch rechte) Blätter, über die „Wahrheit“ und die Deutungshoheit gesellschaftlicher Entwicklungen. Nachdenken über 50 Jahre Gegenöffentlichkeit: taz.gegen den stromDie Sonderausgabe taz.gegen den strom – jetzt im taz Shop und auf www.taz.de/gegenoeffentlichkeit

Am Ende war die Selbsterfahrung mit der Willkommens­euphorie so stark, dass es in weiten Teilen zu einer fast reflexhaften Abwehr gegen Fragen kam, die auch Aufmerksamkeit verdient hätten: dass es zu Kulturkonflikten kommt, dass die meisten für den ersten Arbeitsmarkt kaum je zur Verfügung stehen werden, dass es mit manchen Gruppen durchaus erhebliche Kriminalitätsprobleme geben würde, dass für manche Milieus Fremdheit anders als im kulturwissenschaftlichen Proseminar nicht so einfach kontingent zu setzen ist.

Es kam zu einer starken Dethematisierung solcher Fragen – und man reagierte mit einer ziemlich merkwürdigen Form, den sprechenden Flüchtling als Partner zu präferieren, denjenigen, den man auf Theaterbühnen zu seinem Schicksal befragen kann und der dann auch in einer Form Auskunft gibt, die der Willkommenskultur eine selbstbestätigende Form verleiht.

Hinweise auf die Mühen der Ebenen wurden mit dem Hinweis auf Menschenrechte, auf Humanität und moralisch hohe Hürden unsichtbar gemacht. Die engagierten Milieus sind darin geübt, starke Sätze zu sprechen und andere zum Sprechen zu bringen – und diese Sätze haben sich allzusehr stabilisiert.

Verarbeitet wurden letztlich die Informationen, die das Milieu bestätigt haben: auf der richtigen Seite zu stehen.

Reflex rechts: Den anderen als „Anderen“ darstellen

Mindestens so sehr wurden die Flüchtlinge von der ganz anderen Seite willkommen geheißen. Was wären Pegida, AfD und begleitende Publizistik ohne die Flüchtlingskrise?

Mancher der zentralen Akteure hat inzwischen eingeräumt, was für ein Gottesgeschenk die Flüchtlinge waren, weil sie das Unbehagen mancher an einer unübersichtlichen, sich wandelnden, pluralistischen Welt so sichtbar und ostentativ bestätigt haben.

Der Hinweis auf ein Außen hat ein starkes Wir ermöglicht. Der Hinweis auf das Eigene wird erst möglich, wenn es sich am Fremden scharfstellen kann.

Dieser Selbstauslöser hat jede andere Information zunichte gemacht.

Was wären Pegida, AfD und

begleitende Publizistik ohne

die Flüchtlingskrise

Die Reflexe ähneln sich

Beide Seiten bestätigen sich selektiv selbst, sie werden resistent für Informationen, also für Abweichungen, für etwas, das einen Unterschied macht. Die Konzentration auf die Bewährungsbedingungen des eigenen Milieus stabilisiert die Verhältnisse – machen die Antipoden zu Komplizen. Denn für die bedingungslosen Verfechter des Willkommens dient all das auch dazu, die eigene Perspektive zu stabilisieren und sich in der Kritik der Verhältnisse einzurichten, die man nie wirklich begrüßen würde.

Wie dieser „äußere“ Reiz dem AfD- und Pegida-Milieu dazu dient, sich in der Ablehnung einer pluralistischer werdenden Welt einzurichten, ist es für manches linke und mit allen Differenzwassern gewaschene Milieu willkommener Anlass, die Distinktion zu den weniger aufgeklärten Milieus zu pflegen.

Ich gebe zu, dies so zugespitzt zu schreiben ist ebenso schwierig wie riskant. Es hört sich so an, als würde ich das neutral beschreiben, als handle es sich um beliebige Seiten auf Augenhöhe. Ich mache keinen Hehl daraus, wo meine normativen Präferenzen liegen – selbstverständlich kann unsere Gesellschaft die Flüchtlingskrise bewältigen.

Dennoch: Man kann kaum daran vorbeisehen, dass beide Reaktionsformen sich ähnlicher sind, als sie es sich gegenseitig zugestehen wollen. Beide Seiten arbeiten mit Unbedingtheiten, also mit selektiven stabilen Blicken, deren Hauptfunktion darin besteht, sich nicht verunsichern zu lassen.

Moral und Natur

Diese Unbedingtheiten hören auf die Namen Natur und Moral. Die rechten Kritiker der „Überfremdung“ und des „großen Austauschs“ referieren letztlich auf eine unveränderliche Natur, selbst wenn sie als kulturelle Form der Zugehörigkeit nur zweite Natur ist. Für manches völkische Denken ist es freilich durchaus in der ersten Natur fundiert.

Eine ähnliche Funktion hat die Unbedingtheit moralischer Forderungen. Eine der Unbedingtheiten etwa des Rekurses auf Menschenrechte und die radikale Symmetrisierung aller Menschen ist die Absehung von der konkreten Person im Interesse eines abstrakten Humanums.

Diese Denkungsart ist eine zivilisatorische Errungenschaft sondergleichen – aber eben auch eher eine abstrakte Figur. Als hätte es die langen Debatten um die universalistische Geltungsbedingung der Menschenrechte in partikularen Bürgerrechten nie gegeben, als gäbe es nicht so etwas wie empirische Bedingungen der Herstellung von Solidarität, als wären selbst eingebildete Sorgen nicht wirksam und real.

Man kann darüber hinwegsehen und sich moralisch immunisieren – bleibt dann aber im Konfliktsystem der Antipoden gefangen. Meinen Vorwurf kann man leicht kontern: Er nehme all die kulturwissenschaftlichen, universalistisch-moralischen und unbedingten (sic!) Geltungsbedingungen des Guten nicht ernst und betreibe das Spiel der kleinbürgerlichen Mahner und „besorgten Bürger“. Dieser Vorwurf bestätigt, was ich hier sagen will: Man sieht nur, was man sehen will.

Die Intelligenten sind gar nicht so schlau

Übrigens kann auch hier die Sozialpsychologie weiterhelfen: Im letzten Jahr haben der Niederländer Karl Brandt und der Amerikaner Jarret Crawford im Hinblick auf Stereotype zwei Gruppen beschrieben: Geringe Intelligenz korreliert ziemlich eindeutig mit der Unfähigkeit, sich auf Ungewohntes einzustellen. „Intelligenz“ ist sicher ein nicht ganz unproblematisches Konzept, aber es verweist auch auf erworbene Fähigkeiten und Erfahrungen in bestimmten Milieus.

Interessanter ist die von den Wissenschaftlern identifizierte andere Gruppe, nämlich die kognitiven „high capables“. Diese projizieren insbesondere Konservativen gegenüber ihre eigene kognitiv gestützte Fähigkeit, Alternativen zu denken, auf jene Gruppen, von denen sie annehmen, dass sie auch anders könnten, wollten sie nur.

Die Intelligenten, so ließe sich schließen, sind gar nicht so schlau, weil sie ihre Milieu-Eigenschaft der Abweichungstoleranz für etwas Quasi-Natürliches, allgemein Menschliches halten und nicht auch für einen Effekt der eigenen Lebenslage. Abweichungstoleranz schützt also einerseits offensichtlich davor, selbst Ressentiments zu pflegen, macht daraus aber ein Ressentiment gegen jene, von denen man annimmt, sie müssten all das auch können.

Man sieht nur, was

man sehen will

Es bildet schön ab, wie weit gerade die Mittelschichtsintelligenz auf ihrem Feldherrenhügel des besseren Wissens und des größeren Überblicks von den eher konservativen und kleinbürgerlichen Gruppen entfernt ist, denen man ihre Unmündigkeit als selbstverschuldet zurechnet, um sich dann im ressentimentgeladenen Distinktionskampf nach unten auf dem Hügel noch besser einrichten zu können. Dabei wird kaum mitgesehen, wie beweglich auch die konservativen Milieus der sogenannten Mitte sind.

Überraschung: Auch die Rechten sind nicht dumm

Übrigens sollte man nicht so tun, als seien die Protagonisten des Kulturkampfs von rechts weniger intelligent – im Gegenteil. Sie wissen genau, wie sie von der Verachtung der Gebildeten profitieren können und instrumentalisieren das linksliberale Ressentiment gegen die sogenannten kleinen Leute by design.

Vor einiger Zeit hat es eine krokodilstränenreiche Debatte darüber gegeben, das linksliberale Milieu sei schuldig daran, dass die Kleinbürger ins falsche Denken abdriften – man habe sie nicht ernst genommen. Als müsse man es den Dummen einmal richtig erklären, damit sie endlich wollen, was sie sollen! Das ist Unsinn.

Dieser paternalistische Diskursstil bestätigt nur meine Diagnose, das Konfliktsystem gar nicht erst verstanden zu haben, in dem wir uns befinden. Letztlich bewegen sich die Antipoden in einem Old-School-Kontrollspiel, das ebenfalls aussieht, als entstamme es einem Drehbuch.

Der kleinbürgerliche rechte Kulturkampf setzt auf das Kontrollmedium der Übersichtlichkeit und Kalkulierbarkeit des Bekannten – und imaginiert damit jene vertrauten Räume, die das Zeitalter des stabilen Nationalstaats begründet hat und unwiederbringlich vorbei ist. Und der linke Kulturkampf setzt immer noch auf die Fantasie der Herstellbarkeit einer Welt nach eigenem Bilde, nicht mit der Widerständigkeit einer komplexen Welt rechnend.

Die einen blenden die Komplexität der Welt aus, weil sie sich übersichtliche Gärten imaginieren wollen, in denen alles seinen Platz hat, Männer richtige Männer sind, Frauen möglichst nicht, und die kulturelle Differenz parallel zu räumlicher Differenz gestaltet sein soll.

Als müsse man es den Dummen einmal richtig erklären, damit sie endlich wollen, was sie sollen! Das ist Unsinn.

Die anderen können sich nicht vorstellen, dass ihre normativen Vorstellungen nicht von allen geteilt werden und sich nicht einfach wie ein Text auf einem weißen Blatt Papier platzieren lassen.

Beide verfehlen die Komplexität dieser Welt, die alles kennt, nur keine Gesamtvernunft – weder eine ethnisch-kulturelle noch eine moralisch-pluralistische. Bei Letzteren geht es sogar so weit, dass viele Linke im Wahlkampf vor der Stichwahl in Frankreich lieber Le Pen ertragen wollten, als sich die Implosion der eigenen Kontrollfantasien einzugestehen. Und es geht so weit, dass die Rechten sich als Anwälte der kleinen Leute gerieren, die sie damit erst recht klein machen.

Ein Wort an die taz: Sich als Gegenöffentlichkeit zu stilisieren, ist heute nicht mehr so einfach. Manche rechte Gazetten haben diese Funktionsstelle übernommen – und sind damit doch mittendrin im Spiel. Gegenöffentlichkeit – das kann nur noch heißen, ausgeschlossener Dritter allzu stabiler Unterscheidungen zu sein, also auf die Bedingungen hinzuweisen, unter denen all die Sätze funktionieren, die aussehen, als stammten sie aus einem Drehbuch.

 

Wenn Benno Ohnesorgs Tod der Nukleus einer neuen Gegenöffentlichkeit war, wo stehen wir dann heute? Mehr dazu auf www.taz.de/gegenoeffentlichkeit

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