Kolumne Liebeserklärung

O'bazd is

Der Obazda soll geschütztes Lebensmittel werden. Der Käsepamp darf dann nur noch streng nach Rezept zubereitet werden. Ein Schmarrn!

Der Obazda darf kein Luxusprodukt werden Foto: Tom

Mein lieber Obazda, ich schreib dir, weils dich bald nicht mehr gibt. Man muss deinen Namen für die Menschen außerhalb Bayerns übersetzten: Angepatzter. Du bist der ungekrönte König der Resteküche. Schon meine Oma hat, wenn Camembert, Brie oder auch ein Bavaria Blue im Kühlschrank zu laufen begannen, den Käse genommen, mit gehackten Zwiebeln, Butter und Paprika gemischt.

Schließlich lässt man nichts wegkommen. Manchmal kam auch Kümmel hinein, eine dicke Prise Zucker oder Hüttenkäse – was halt da war. Aus ein wenig stinkendem Käse wurde so eine Schüssel bester Aufstrich: rezent wie man in Bayern sagt, zugleich rauchig-süß (vom Paprikapulver) und schwefelig-scharf (rohe Zwiebel).

Dich herzustellen ist ein Verfahren, eine Tradition. Man braucht keine Mengenangaben, keine Anleitung, nur eine Gabel, mit der man alles manscht, bis es eben schmeckt. Man könnte es eine Pippi-Langstrumpf-Rezeptur nennen. Ich batz mir die Welt, so wie sie mir gefällt. Und genau so, in der ganzen Vielfalt, die dabei entsteht, hast Du, mein lieber Obazda in den vergangenen Jahren auch die bayrischen Wirtshäuser und Biergärten zurückerobert. Wunderbar.

Wenn da nicht die Landesvereinigung der Bayerischen Milchwirtschaft wäre. Die hält vom freien Batzen gar nichts. Sie hat eine Schutzgemeinschaft gegründet, als stündest Du auf der roten Liste aussterbender Gerichte, wie das saure Lüngerl oder der Presssack. Die tun das nämlich wirklich.

Und was eine Schutzgemeinschaft ist, die setzt auch ein Reinheitsgebot durch, schon vor zwei Jahren ist das passiert. Liberalitas bavariae hin oder her: Obazda darf nur noch genannt werden, was aus bayrischen Zutaten nach einem genauen Rezept gefertigt ist. Und schlimmer, wer dich auf der Karte stehen hat, soll auch noch 300 Euro Schutzgebühr dafür zahlen.

Das ist ja ein noch größerer Schmarrn als Du, mein Käse. Als Luxusprodukt wirst Du keine Zukunft haben. Die Wirte reagieren schon, sie streichen dich von der Karte oder benennen dich um. In Bierkas, Brezenkas oder Bräubazi. Vielleicht wirst Du bald auch Käsecreme nach Obazda-Art heißen, wenn Du nicht der Bürokratie schmeckst. Aber sowas, das kann ich dir sagen, essen höchstens Preußen.

 

Seit 2001 bei der taz, 2008 bis 2012 Stellvertretender Chefredakteur "der Freitag", seit 2015 Kulinarischer Korrespondent für taz und zeozwei

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