Kolumne So nicht

#ganzberlinistgegenankerzentren

Der Anti-AfD-Protest in Berlin erinnert an die Demos in den 90ern. Doch geht es den Aktivisten um mehr als nur ein gutes Bild der Deutschen?

Von unten aufgenommen: Ufermauer an der Spree, über die verchiedene Leute schauen. Einer hält über die Mauer ein „Stoppt AfD“-Plakat

Nicht ganz der „Wall of Sound“ – der tönte aber ganz in der Nähe Foto: dpa

Wegbassen. Es ist noch lange hin, aber mutmaßlich ist dieses Wort von den Zuständigen schon jetzt für das Wort des Jahres 2018 in die engere Auswahl genommen worden.

„Wall of sound“, wie der Guardian den Anti-AfD-Rave vom Sonntag nannte und ihm damit noch einen historischen Aspekt unterstellte, war das bislang effektivste Mittel, um das blödsinnige Geschwätz der AfD zu überblenden. Da, wo einst der antifaschistische Schutzwall verlief, zwischen Hauptbahnhof, Kanzleramt und Brandenburger Tor, brummte es am letzten Mai-Sonntag gegen die Braunen.

Wegbassen klingt wie ein Konzept aus den 90er und frühen Nullerjahren. Als beispielsweise in einer Kreuzberger 1.-Mai-Nacht der Wasserwerfer der Polizei dem schwarzen ­Antifa-Truck auf dem Oranienplatz gegenüberstand und die beiden sich mit Wasserfontänen und Technobeats bekriegten und sich der Wasserwerfer schließlich geschlagen zurückzog.

Ich sah beim Wegbassen viel Hübsches, zum Beispiel jemanden, der seine Waden mit „No AfD“ tätowiert hatte und mit nichts außer einer pinken Unterhose bekleidet war. So weit, so geil, so warum nicht!

Dass ich dennoch Restunbehagen hatte, lag am Schlachtruf und Hashtag #ganzberlinhasstdieafd. Ein Spruch, mit dem die AfD empfangen beziehungsweise verabschiedet wurde.

Auf Twitter konnte man unter diesem Hashtag nicht wenige Male lesen, dass man heute wegbassen war, damit nicht Bilder um die Welt gingen, in denen die AfD widerspruchslos am Brandenburger Tor ihren Hass verbreitet! „Das soll nicht das Bild von Deutschland sein, das die Welt sieht!“

Ich weiß nicht, ob das Twitterironie war. Ich glaubs aber nicht. Zu laut war das Geschrei darum, dass ganz Berlin, ja ganz Berlin, ganz superdolle ist. Doller als alle anderen. Berlin, Berlin über alles. Neben diesen sich selbst feiernden Demonstranten, erinnert aber der Drang danach, tolle Bilder zu produzieren auch wieder an die 90er Jahre.

Das Argument mit dem Ansehen der Deutschen im Ausland wurde damals schon einmal benutzt: nach den Anschlägen von Rostock, Mölln und Solingen – Letzerer jährt sich just an diesem Dienstag zum 25. Mal.

Damals inszenierte man mit Lichterketten den „Aufstand der Anständigen“. Für die damalige anti­rassistische Lichterkette in München wurde unter dem Motto „Deutsche wehrt euch“ mobilisiert. Gegen die AfD wird heute immerhin mit „Anständige, wehrt euch gegen Rassismus“geworben.

Gegen diesen „städtischen Feldgottesdienst“, wie Eike Geisel in der taz 1992 die Lichterketten nannte, hätte es kaum Einwände geben können, wäre nicht zeitgleich die Abschaffung des Rechts auf Asyl mit großer Mehrheit beschlossen worden und plötzlich waren nur noch die Betroffenen, die Linksradikalen und die Kirchenmitglieder auf der Straße, um zu demonstrieren.

Auch wenn damals in München nicht Technobeats, sondern Kirchenglocken läuteten, die Situation heute ist erschreckend ähnlich. Auch heute läuft die Debatte über Abschiebung auf Hochtouren und auch in den linken Kreisen kann man hören: Wer unsere Gesetze missbraucht, soll gehen.

Ich bin gespannt, ob Berlin auch so laut und dolle glitzert und wummert, wenn die Ankerzentren eingeführt und die Grundlagen für schnellere Abschiebungen geschaffen werden. Erst dann und wenn dann auch so viele auf der Straße sind und der Hashtag ­#ganzberlinistgegenankerzentren lautet, bin ich beruhigt.

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seit 2008 Redakteurin der taz, seit 2012 taz.am Wochenende, davor Redakteurin bei „Jungle World“ und „Sport-BZ“

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