Die trüben Tage verpennen: Winterschlaf für alle!

Was Murmeltiere von Natur aus können, könnte nun auch für den Menschen möglich werden. Und sich sogar positiv auf die Gesundheit auswirken.

Luftbild eines verschneiten Waldes

Wenn der Schnee schmilzt, wachen wir wieder auf Foto: Matthias Bein/dpa

Tagelang Minusgrade, die Sonne nur noch auf den Fotos vom Sommerurlaub zu sehen und die Straßen so glatt, dass man sich bei jedem Schritt wie eine scheiternde Eiskunstläuferin fühlt – in anderen Worten: Es ist Winter in Deutschland. So manch ei­ne:r ertappt sich dieser Tage vielleicht dabei, während man auf dem Sofa lümmelnd Tierdokus bingt, eifersüchtig auf die Bären und Murmeltiere zu werden, die sich den ganzen Winterunsinn einfach sparen. Sie schlafen in trockenen Höhlen oder an den Wurzeln eines schützenden Baumriesen durch den Winter. Kein Bär muss durch Wind und Regen zur Arbeit, kein Murmeltier nachts auf bloßen Füßen über die eiskalten Badfliesen zur Toilette tippeln.

Was Bären und Murmeltiere von Natur aus können, könnte nun vielleicht auch für den Menschen möglich werden. In mehreren Studien versetzten Forschende Ratten und Mäuse in einen winterschlafähnlichen Zustand, indem sie mit Ultraschallimpulsen bestimmte Nervenzellen im Gehirn der Nager aktivierten, die daraufhin die Körpertemperatur und die Stoffwechselaktivität reduzierten. Diese Art von Forschung wird vor allem von Raumfahrtagenturen wie der US-Weltraumbehörde Nasa vorangetrieben. Der Grund: Könnte auch der Mensch einen künstlichen Winterschlaf erreichen, wäre beispielsweise die sechs- bis neunmonatige Reise zum Mars unkomplizierter. Doch kann der Mensch es dem Tier in Zukunft gleichtun?

Laut einer im medizinischen Fachmagazin BMJ veröffentlichten Studie war eine winterschlafähnliche Praxis unter russischen Bauern in der Region Pskow vor etwa hundert Jahren weit verbreitet. Beim ersten Schneefall versammelte sich jede Familie um ihren Ofen und legte sich hin. Einmal am Tag wachten alle auf, aßen ein Stück hartes Brot, spülten es mit einem Schluck Wasser hinunter und schliefen wieder ein. Die Familienmitglieder wechselten sich ab, das Feuer am Brennen zu halten. Sobald das erste Gras zu sehen war, wachten die Bauern auf und machten sich an die Sommerarbeit.

Auch aus Japan gibt es eine erstaunliche ­Meldung: Dort überlebte im Jahr 2006 ein Mann 24 Tage lang im kalten Gebirge. Die Rettungsmannschaften fanden ihn mit einer ­Körpertemperatur von 22 Grad Celsius. Der Arzt erklärte anschließend, die Körpertemperatur sei sehr schnell sehr stark abgesunken und das ­Gehirn durch die verringerte Herz-Kreislauf-Tätigkeit geschützt worden. „Ich lag auf ­einer Wiese im Sonnenschein und fühlte mich gut, und dann bin ich eingeschlafen“, sagte der ­damals 35-Jährige der Nachrichtenagentur APA. „Das ist das Letzte, an das ich mich erinnere.“

In den Tierexperimenten versuchen die ForscherInnen nun, diesen Zustand kontrolliert auszulösen. Die ersten Forschungsergebnisse klingen vielversprechend: Der Ultraschallimpuls senkte die Körpertemperatur der Mäuse um 3 bis 3,5 Grad, die Herzfrequenz sank um fast die Hälfte und die Nager verbrannten zur Energiegewinnung ausschließlich Fett. Nach etwa einer Stunde erwachten die Mäuse wieder. Das Forschungsteam versetzte die Mäuse durch wiederholte Ultraschallimpulse insgesamt für bis zu 24 Stunden in diese Art künstlichen Winterschlaf. Sie wiederholten das Experiment mit Ratten, die im Gegensatz zu Mäusen keine biologische Veranlagung für außergewöhnlich lange Nickerchen in Stresssituationen haben. Ihre Körpertemperatur sank um 1 bis 2 Grad.

Für die Forschenden Grund genug, zu glauben, dass sich Ähnliches auch beim Menschen erreichen ließe. Die Körpertemperatur abzusenken und die Stoffwechselaktivität zu reduzieren, könnte sogar die Überlebenschance von Schlaganfall- oder Herzinfarktpatienten er­höhen, mutmaßen sie. Die Natur jedenfalls war immer schon eine unterschätzte Lehrmeisterin.

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