Initiative „Pflege gegen rechts“: „Wir würden auch Höcke pflegen“
Auch an Krankenhäusern geht der Rechtsruck nicht vorbei. Internationale Fachkräfte spüren die Folgen besonders stark, sagen zwei Aktivistinnen.
taz: Frau Rosendahl, Frau Beqiri, Sie haben vor etwa zwei Jahren die Initiative „Pflege gegen rechts“ gegründet. Wie kam es dazu?
Anna Bella Mona Rosendahl: Ausschlaggebend war für uns die Correctiv-Recherche. Wir waren vier Begründerinnen und eine davon hat eine Tochter mit inklusivem Hintergrund. Sie hat deshalb in einer privaten Whatsapp-Gruppe ihre Bedenken geäußert, was das für ihre Tochter bedeuten könnte.
Blendina Beqiri: Mich hat das Thema Rassismus schon mein ganzes Leben begleitet. In der Vierergruppe hatten wir einen Safespace, in dem ich meine Sorgen zum Thema Rassismus in der Pflege äußern konnte. Rassismus in der Pflege geht ja nicht nur von Patient:innen aus, sondern kommt leider auch von uns Pflegenden. Da sehe ich schon lange Handlungsbedarf.
taz: Inwiefern hatte das Geheimtreffen in Potsdam denn mit dem Pflegeberuf zu tun?
Die 37-jährige Gesundheits- und Krankenpflegerin Blendina Beqiri ist Mitbegründerin der Initiative „Pflege gegen rechts“. Seit 2024 ist sie als Fachkraft für Diversity Management in der Nähe von Kaiserslautern tätig. Beqiri bietet zudem Workshops zum Thema Antirassismus an.
Rosendahl: Allein deshalb, weil wir in der Pflege mindestens zu einem Viertel aus internationalen Kolleg:innen bestehen. Wenn sich in der Gesellschaft derart faschistisches Denken breitmacht, würde das letztlich auch dazu führen, dass Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, an Stellenwert verlieren würden. Faschismus bedeutet immer auch, dass Menschen, die nicht funktional sind, ausgeschlossen werden. Dafür braucht es nicht mal unbedingt die AfD. Das sehen wir auch bei Parteien wie der CDU oder der FDP, dass soziale Bereiche kaputtgespart werden.
taz: Aber es gibt doch einen Ethikkodex für Pflegekräfte, der gewährleisten soll, dass die Würde und Rechte von Pflegebedürftigen gewahrt bleiben.
Beqiri: Leider sind auch in Pflegeberufen viele Vorurteile im Umlauf, die zu Diskriminierung führen können. Beispielsweise wenn Patient:innen aus dem Globalen Süden kommen, dann heißt es manchmal, dass diese Patient:innen mit ihren Schmerzen übertreiben würden. In der Folge sollen diese dann weniger Schmerzmittel bekommen. Eigentlich müssten Pflegende wissen, dass Schmerz etwas Individuelles ist. So etwas zu unterschätzen, ist so gefährlich. Auch ein Vorname oder Äußerlichkeiten können dazu führen, dass Menschen schlechter behandelt werden.
Rosendahl: Zum Beispiel bekommen Menschen mit Sprachbarrieren nachweislich seltener Rehaplätze zugewiesen. Und Diskriminierung passiert auf vielen Dimensionen. Beispielsweise sehen wir, dass Arztpraxen oft nicht barrierefrei sind und Menschen im Rollstuhl der Zugang erschwert ist.
taz: Hat denn der Rechtsruck bereits jetzt Auswirkungen auf Ihren Berufsalltag?
Rosendahl: Auf jeden Fall. Die Auswirkungen des Rechtsrucks sind dabei aktuell insbesondere für internationale Kolleg:innen verheerend und damit in der Folge für uns alle. Viele gehen wieder in ihre Heimatländer zurück, weil sie sich hier nicht willkommen fühlen.
taz: Viele Kliniken bekennen sich zugleich zu Vielfalt und Toleranz.
Beqiri: Es reicht nicht aus, wenn wir Vielfalt auf Instagram-Seiten feiern. Wir müssen das auch intern leben. Kürzlich habe ich einen Workshop zu interkultureller Kompetenz geleitet. Viele der Teilnehmenden haben rückgemeldet, dass sie sich das schon viel früher gewünscht hätten. Es braucht im Gesundheitswesen deutlich mehr Sensibilisierung für das Thema.
Rosendahl: Ich bin unter anderem in einem Berufsverband aktiv und da organisieren wir vordergründig Bildungsveranstaltungen, auch zu den Themen Vielfalt und Diversität. Dabei stehen wir mit Pflegeschulen in Kontakt. Das Feedback aus den Klassen ist dann teilweise aber eher kritisch und ablehnend. Das liegt meiner Meinung nach auch daran, dass solche Inhalte an Pflegeschulen nicht ausreichend regelmäßig thematisiert werden.
taz: Was macht Ihre Initiative konkret?
Rosendahl: Wir sind ein offenes Hilfsnetzwerk. Aktuell sind wir bundesweit etwa 60 Menschen und organisieren uns in einer Whatsapp-Gruppe. Neben der Tatsache, dass wir alle aus Pflege- oder Gesundheitsberufen kommen, sind wir alle Antifaschist:innen. Manchmal kommen dann auch Menschen mit konkreten Problemen zu uns und wir bieten ihnen unsere Beratung an, da können wir unser Netzwerk gut nutzen.
Beqiri: Wir hatten erst vor Kurzem eine internationale Fachkraft, die rassistisch behandelt worden ist und nicht wusste, wie sie da rauskommt. Dann konnten wir unser Netzwerk spielen lassen. Jetzt ist die Person in einem anderen Krankenhaus in einem anderen Bundesland und fühlt sich dort sehr wohl. Außerdem erstellen wir gerade auch eine Forschungsarbeit zum Thema Rassismus in der Pflege.
taz: Wie steht es um die Resonanz auf Ihre Arbeit?
Beqiri: Wir bekommen viele positive Rückmeldungen, aber leider auch negative. Manche Menschen fragen uns: Heißt das jetzt, ihr behandelt gar keinen mehr, der rechts ist? Nein, wir behandeln jeden Patienten, außer wenn Patient:innen die Behandlung beispielsweise aus rassistischen Motiven ablehnen. Das kommt vor. Dann respektieren wir das.
Rosendahl: Wir haben das auch mal am Beispiel Björn Höcke diskutiert. Wir würden auch Höcke pflegen, der ist ja auch ein Mensch. Natürlich würden wir auch Faschist:innen versorgen. Das fordert auch unser Ethikkodex.
taz: Wenn Sie an die Zukunft denken, was macht Ihnen am meisten Sorgen?
Rosendahl: Meine Sorge ist, dass wir so eine Art Wiederholung der Geschichte erleben und man sich Gedanken darüber machen muss, ob man hierbleiben kann. Auch die demografische Entwicklung macht mir Sorgen. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente, es kommt mehr Pflegebedürftigkeit auf uns zu. Aber ich finde es auch wichtig, dass wir jetzt nicht schon aufgeben, sondern versuchen, dem was entgegenzusetzen.
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