Krisenkommunikation des Berliner Senats: Erst weitflächiger Stromausfall, dann politischer Blackout
Statt rechtzeitig bei den Menschen zu sein, spielt der Regierende Bürgermeister Wegner lieber Tennis. Und offenbart sein Un-Talent für politische PR.
A ls alles vorbei war und der Strom nach tagelangem Blackout wieder floss, schickte das Land Berlin seinen Bürger:innen eine Notfallnachricht auf ihre Smartphones: „Extreme Gefahr. WARNUNG MITTEL. Achtung! Warnung, Stromausfall für Berlin.“ Äh, wie jetzt? Schon wieder? Fieberhaft suchten die Empfänger:innen im Netz nach Informationen – und fanden nichts: kein weiterer Stromausfall. Was also war das? Wohlwollend könnte man sagen: Topp, der Senat warnt die Menschen. Too little, too late, aber immerhin weiß Kai Wegner als Regierender Bürgermeister, was zu tun ist.
Leider trifft genau das Gegenteil zu. Ein besseres Aushängeschild für einen desaströsen Umgang mit dem Blackout und eine katastrophale Kommunikation des Senats kann es gar nicht geben. Nicht nur, dass die kryptisch formulierte Pushnachricht zu einer Zeit kam, als es gar nichts mehr zu warnen gab, lieferte sich Wegner auch noch selbst ans Messer. Als die Menschen im Südwesten auf Hilfe warteten, spielte ihr Bürgermeister Tennis. Nichts gegen sportive Politiker:innen, aber in einer Notlage wie dieser müssen sie vor Ort sein – und vor allem vorsichtig mit dem, wann sie was wie sagen. Ist jemand erst einmal der Lüge überführt – und das trifft für Wegner und den Zeitpunkt seines Tennisspiels zu –, könnte es bald vorbei sein mit dem Regieren.
Vorbei sein könnte es mit Wegners Karriere allerdings auch, weil er offenbar nicht einmal ein Gefühl für seine eigene Wählerklientel besitzt. Der Südwesten Berlins ist parteipolitisch so schwarz wie die Ecke während des Blackouts. Hat Wegner keine PR-Beratung? Wenigstens einen Coach, der ihm so was sagt wie: „Mensch, Kai, die Leute da im Südwesten, das sind deine Leute, die brauchen dich. Du musst mitfühlend und zugewandt sein, mit ihnen sprechen, so von Bürgermeister zu Bürgerin. Am besten teilst du Decken und Kaffee aus, so was kommt gut an.“
Vielleicht zeigt der Coach Wegner auch ein paar Fotos und sagt: „Schau mal, so macht man das!“ Auf den Bildern sieht man Matthias Platzeck, der 1997 als „Deichgraf“ das Oderhochwasser managte – in TV-trächtigen Gummistiefeln. Oder Ernst Albrecht, der als niedersächsischer CDU-Ministerpräsident in den 1980er Jahren vietnamesische Boatpeople ins Land holte. Am besten zeigt er ihm aber Bilder von Anne Spiegel. Die Grüne hatte es 2021 als Umweltministerin in Rheinland-Pfalz versäumt, während der Flutkatastrophe im Ahrtal rechtzeitig in der Krisenregion zu sein. Sie hatte nur Zeit für eine Stippvisite, fuhr lieber in den Urlaub – und musste später zurücktreten.
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Vielleicht würde der Coach dann sagen: „Siehste, Kai, so was kommt von so was.“ Und ihm raten, nicht mehr rumzueiern und lieber Fehler zuzugeben. Am besten mit einem Fünkchen ehrlichen Humors. Ein kleiner Witz kann eine verfahrene Situation schon mal ein bisschen retten. Aber Wegner sagt eher so Sätze wie: „Ich habe nicht die Füße hochgelegt.“ Bei solchem Talent für politische und erst recht menschliche Kommunikation hat es auch der beste Coach schwer.
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