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Weil er Kurdisch sprach

Als Hozan Roj in einer Leipziger Straßenbahn unterwegs ist, eskaliert eine Begegnung mit zwei Männern. Sie zücken Messer. Der Angriff ist kein Einzelfall

Die kurdische Fahne bei einer Demonstration im Mannheim am 24. Januar 2026 Foto: Uli Deck/dpa

Aus Leipzig Yasemin Said

Hozan Roj lehnt sich vor und umschließt mit seinen vergipsten Armen die Tasse. Er balanciert sie zu seinem Mund, nimmt einen Schluck. „Willst du noch Tee?“, fragt er und hebt intuitiv die Hand, bevor er sie wieder senkt: „Nimm dir gern selbst.“ Einen kurzen Moment hatte er vergessen, dass er den Tee gerade nicht einschenken kann.

Roj sitzt auf einem Drehstuhl in seiner Einzimmerwohnung. Seitdem er Ende Januar Opfer eines Messerangriffs wurde, ist er ungern draußen und selten allein. Mehrere Stich- und Schnittverletzungen und die „hundertprozentige Durchtrennung des Gelenks“ stehen auf dem Entlassungspapier des Krankenhauses. Roj hätte den Daumen seiner linken Hand fast verloren.

Rojs Geschichte ist nicht der einzige Vorfall von antikurdischem Rassismus der letzten Wochen. Als in Nordostsyrien die kurdische demokratische Selbstverwaltung Rojava von Truppen der syrischen Armee angegriffen und Kobanê von der Türkei bombardiert wird, organisieren Kur­d*in­nen weltweit Demonstrationen und Solidaritätsaktionen. Diese Sichtbarkeit kurdischen Widerstands trifft jedoch auf Gegenwehr. In mehreren Städten, darunter Halle, Hannover und Antwerpen, werden kurdische Personen angegriffen.

Vor dreieinhalb Jahren ist Hozan Roj nach Deutschland gekommen. Er ist in den kurdischen Gebieten in Iran aufgewachsen, möchte nicht erzählen, wo genau, und möchte auch seinen echten Namen nicht nennen, aus Angst vor weiteren Angriffen. „Ich bin mir der Gefahr bewusst“, sagt er, „ich habe mir das in Deutschland trotzdem anders vorgestellt.“

Ruhig erzählt Roj von der Nacht, als es zu dem brutalen Angriff kommt. Er ist mit einem Freund unterwegs. Beide stehen an der Haltestelle am Hauptbahnhof von Leipzig, unterhalten sich über Rojava. „Wir haben über die Angriffe gesprochen, haben uns auf Kurdisch unterhalten“, erzählt er. Als Roj sich von seinem Freund verabschiedet habe und in die Bahn gestiegen sei, habe er die Blicke von zwei jungen Männern gespürt. Sie redeten auf Deutsch laut miteinander, beleidigten Kurd*innen, hätten ihn provozieren wollen, sagt Roj. Er stockt kurz, als er erzählt. „Es waren viele sexistische Kommentare“, sagt er, „die will ich jetzt nicht wiederholen.“ Es sei gegen kurdische Frauen gegangen, das kurdische Volk, das man vernichten wolle. Irgendwann sei Roj aufgestanden und paar Sitze weiter gelaufen. Die beiden Männer seien ihm gefolgt, fingen an, ihn zu berühren. Erst leicht an der Schulter, dann etwas stärker, so erzählt es Roj. Sie forderten ihn auf, mit ihnen auszusteigen, mehrmals. „Nein, ich muss hier nicht raus“, habe er immer wieder gesagt, bis plötzlich einer der beiden Männer sein Messer zeigt. „Du hast ein Messer?“, habe Roj gefragt, dann habe auch der Zweite ein Messer gezeigt, das in seinem Schuh steckte. „Komm raus hier, ich bring dich um“, habe er gesagt.

Roj kann sich bis zu dem Moment, als das Messer gehoben wird, die Bahn stehen bleibt und die Fahrgäste anfangen zu filmen, detailliert erinnern. „Ich weiß dann nicht mehr, wo genau mich was getroffen hat. Ich bin nach hinten gefallen, habe versucht, die Schläge und Stiche mit meinen Armen abzuwehren“, sagt Roj. Er flüchtet aus der Bahn, die Täter folgen ihm, er kehrt zur Bahn zurück, als er sie nicht abschütteln kann. Kurz bevor die Polizei kommt, habe einer der Angreifer seinen Geldbeutel gefordert. „Die wollten, dass es nach einem Raub aussieht“, sagt er. „Aber die hatten ja ein Problem damit, dass ich Kurde bin. Die wollten nicht mein Geld.“

Die Polizei habe Roj gegenüber erwähnt, dass sie einen der Täter gefasst hätten. Es handele sich um einen 21-jährigen Mann mit syrischer Staatsbürgerschaft. In der Pressemitteilung wird noch von einer „Auseinandersetzung in einer Straßenbahn“ gesprochen, und darin steht auch, dass der Täter nach einer kurzen Vernehmung wieder auf freiem Fuß ist. Roj spricht von versuchtem Mord und davon, dass die Täter versucht hätten, seinen Bauch mit dem Messer zu treffen. Die Daunenjacke sei zum Glück dazwischen gewesen.

Auf der Couch in Rojs Wohnung sitzt Baran Kawa, ein Freund von Hozan Roj, auch er will seinen echten Namen nicht nennen. „Wir werden im Krieg in Nordsyrien getötet, und Roj wird hier in Deutschland angegriffen“, sagt Kawa. Beruflich sei Kawa als Kurde schon diskriminiert worden. Es gebe laut Kawa „kein Bewusstsein für ausländischen Faschismus“. In einer Facebook-Gruppe für arabischsprechende Personen in Leipzig hätte eine Person sehr öffentlich den Tod von Kur­d*in­nen befürwortet.

Allein für das letzte Jahr wurden 217 Vorfälle von antikurdischem Rassismus registriert

Roj erzählt, dass auch der zweite Täter mittlerweile der Polizei bekannt sei. Die Polizei selbst äußert sich auf taz-Anfrage weder zum Tat­hergang noch zum Stand der Ermittlungen.

Um auf die Bedrohungslage der Kur­d*in­nen in Deutschland hinzuweisen, hat sich 2023 die Informa­tions­stelle Antikurdischer Rassismus, kurz IAKR, gegründet. Im Jahresbericht 2024 schreibt sie, dass dieser auch als eine Mahnung gesehen werden soll, denn die kurdische Diaspora sei in Deutschland ernstzunehmenden Problemen ausgesetzt. Allein für das letzte Jahr wurden 217 Vorfälle von antikurdischem Rassismus registriert.

Anfang der Woche schreibt Roj dann, dass die Polizei sich bei ihm gemeldet habe. Man habe ihn gefragt, ob er sich sicher sei, dass der zweite identifizierte Täter die richtige Person sei. Roj sei verwirrt von diesem Anruf gewesen. „Warum dauert das so lange?“, fragt Roj. Man müsse doch das Gesetz ändern, wenn die Täter danach einfach frei sein könnten. „Die haben versucht, mich umzubringen, ich gehe seitdem nicht mehr raus, ohne mein Gesicht zu verstecken. Das ist doch nicht normal.“

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