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Soziologe über AfD-Erfolg bei Arbeitern„Die linken Arbeitenden in den Blick nehmen“

Klaus Dörre forscht zu radikalen Rechten und Arbeiterschaft. Kann die SPD bei der Arbeiterschaft wieder Gewinne einfahren, oder fehlt ihr dafür das Profil?

Dörre: „Es gibt nicht nur 37 Prozent Arbeiter, die in BaWü rechts außen wählen, sondern auch 63 Prozent, die das nicht tun“ Foto: Daniel Bockwoldt/dpa
Gareth Joswig

Interview von

Gareth Joswig

taz: Herr Dörre, sie haben viel zu Einstellungen in der Arbeiterschaft geforscht. Die SPD hat bei Arbeitern in Baden-Württemberg ganze 5 Prozent geholt, die AfD liegt bei 37 – wie erklären Sie das ?

Dörre: Die SPD hat ein strukturelles Problem. Es gibt gute Vorschläge dazu, wie man die radikale Rechte besiegen kann – etwa die Vorschläge von Isabella Weber zur antifaschistischen Wirtschaftspolitik oder auch den Haustürwahlkampf in New York von Zohran Mamdani. Auf dem Papier hat die SPD mit 310.000 Mitgliedern auch großes Potenzial dazu, aber praktisch ist sie völlig überaltert. Die Sozialdemokraten haben selbst in Baden-Württemberg den Kontakt zur IG Metall verloren. Die SPD hat keine zivilgesellschaftlichen Kontakte mehr, ist im produzierenden Gewerbe und selbst im Dienstleistungssektor kaum noch präsent. Es droht eine Entwicklung wie in Frankreich oder Italien, wo die Sozialdemokraten vollständig verschwunden sind.

taz: Das klingt düster, auch mit Blick auf die anstehende Wahl in Rheinland-Pfalz.

Im Interview: Klaus Dörre

Jahrgang 1957, ist Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Uni Jena. Bis 2021 leitete er zusammen mit Stephan Lessenich und Hartmut Rosa das Kolleg Postwachstum. Seit Jahren erforscht er den zunehmenden Anklang der radikalen Rechten in der Arbeiterschaft.

Dörre: Dort ist die Lage mit Spitzenkandidat Alexander Schweitzer ein bisschen anders. Er kann ähnlich die Mitte polarisieren, wie es Cem Özdemir für die Grünen sehr erfolgreich im Südwesten gemacht hat. Und er tritt selbst aus der Position des Ministerpräsidenten an. Zudem hat Malu Dreyer hier die Kontakte in den Wirtschaftsbereich und zu Gewerkschaften gehalten – es gibt einen Rat mit Gewerkschaft, Wirtschaft und Staat, wenn auch leider ohne ganze Breite der Zivilgesellschaft, um über Fragen der Transformation zu sprechen.

taz: Aber auch hier leidet die Wirtschaft unter Folgen der Energiekrise.

Dörre: BASF leidet unter einer dramatischen Strukturkrise, die Hälfte des dort verwendeten Erdgases kam ursprünglich aus Russland, und erhebliche Teile der Belegschaft könnten dazu neigen, das Kreuz bei der AfD zu machen. Aber hier hat man das Problem früher erkannt und Verbindungen zur Zivilgesellschaft in der Arbeitswelt erhalten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Schweitzer ein ähnlicher Coup gelingt wie Özdemir.

taz: Was ist denn das Grundproblem?

Dörre: Die SPD hat im berechtigten Anliegen, moderner zu werden, ihre Stammwählerschaft in der konventionellen, produzierenden Arbeiterschaft verloren. Sie ist in der permanenten Regierungsverantwortung völlig profillos geworden. Das gilt auch für das entspannungs- und friedenspolitische Profil. Die SPD hat ihren Markenkern verloren und verliert nach rechts und links.

taz: Welche Lehren sollte die SPD daraus ziehen?

Dörre: Es ist ganz schwer, da kurzfristig was zu ändern. Vor allem bei denjenigen, die glauben, dass der eigentliche soziale Konflikt nicht zwischen oben und unten läuft, sondern zwischen innen und außen oder die sozialökologische Transformation für ein ausgedachtes Elitenprojekt halten, um die deutsche Industrie zu schwächen und die Arbeitenden ärmer zu machen. Aber vielleicht kann man noch Neuwähler der AfD erreichen.

taz: Wie?

Dörre: Die Politik muss die Grundbedürfnisse absichern, ohne dabei Klimaschutz über Bord zu schmeißen: Wohnen, Mieten, Strom. Nicht nur Mindestlohn, sondern „Living Wages“, die ein einigermaßen gutes Leben ermöglichen. Genauso wichtig ist die Sicherheit von Arbeitsplätzen und Status. Das haben die Sozialdemokraten längere Zeit nicht mehr glaubwürdig vertreten können. Özdemir hat das übrigens geschickt gemacht und hat Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit gekoppelt.

taz: Versucht die SPD nicht Ähnliches in der Regierung?

Dörre: Das Problem der SPD ist, dass sie als technokratische Partei erscheint ohne Zukunftsvision und Emphase, der man nicht mehr glaubt, dass es einen ökologisch-demokratischen Sozialstaat geben kann. „Cost of Living“ war auch genau das Erfolgsrezept von Mamdani, aber die Frage ist auch: Wer als Person kann das in der SPD glaubwürdig verkörpern? Wer sind Personen, denen man eine Vision glauben würde?

taz: Was treibt die Arbeiterschaft, die der SPD von der Stange gegangen ist, am meisten um?

Dörre: Aktuell haben wir Produktionsstandorte und Zuliefererbetriebe in Südwest-Sachsen und Nordhessen untersucht, aber wir haben vor einiger Zeit auch Befragungen in Baden-Württemberg gemacht. Die zeigen: Rassismus ist nicht der Hauptgrund, sondern die Angst vor Statusverlust. Das Argument ist immer: Es geht zu viel Geld ins Ausland und wird verschwendet für Radwege in Peru oder an die, die es sich in der Hängematte des Wohlfahrtsstaates bequem machen. In Sachsen gibt es zudem ein ausgesprochen ausgeprägtes betriebswirtschaftliches Bewusstsein in der Arbeiterschaft.

taz: Inwiefern?

Dörre: Viele sagen, die IG Metall hat Mitschuld an Krise, weil die Forderungen zu hoch seien. Sie halten den Mindestlohn für zu hoch. Ebenso gibt es massive Ressentiments selbst bei Gewerkschaftsmitgliedern gegen das Bürgergeld. Für nichts sei Geld da, aber dann kommen die, die wir nicht gerufen haben. Das wirkt zusammen mit Ablehnung von muslimischer Einwanderung, die natürlich mit rassistischer Konnotation als Problem für die Sicherheit dargestellt wird. Eine dritte Erzählung, die sich verfestigt: Die sozialökologische Transformation führt dazu, dass Arbeiter ärmer gemacht werden.

Als wir vor einigen Jahren bei Mercedes in Baden-Württemberg geforscht haben, war der Ehrverlust ein entscheidender Punkt: Die Arbeit als ehrwürdiges Tun – das gehört zur Industriearbeiterschaft immer ganz stark dazu. Das wird nicht mehr ausreichend gesellschaftlich, politisch respektiert – auch nicht seitens der SPD. Das führt nicht gleich nach rechts außen, aber kann von Rechtsradikalen instrumentalisiert werden, indem man es in Außenseiterstolz umwandelt.

taz: Was kann man dem entgegensetzen?

Dörre: Man muss Themen finden, die nicht polarisieren und noch Verständigung ermöglichen. Die Identifikation mit dem Unternehmen ist im Osten gleich null, aber auch im Westen und selbst bei VW rückläufig. Womit man sich aber überall identitifiziert, ist etwa Heimat. Wenn du aus dem Erzgebirge kommst, bist du Erzgebirgler. Gewerkschaftler sagen, sie seien Heimscheißer und kehren extra nach Bayern zurück, auch wenn sie monatlich 1.000 Euro weniger verdienen, um ihre Kinder im Dorf aufwachsen zu lassen. Das sollte man nicht der AfD mit ihrem „Heimat, Volk und Vaterland“ überlassen. Frei nach Tucholsky: In Nationalismus und Patriotismus machen wir nicht mit, aber in Heimatliebe lassen wir uns von niemandem übertreffen.

taz: Die Rechten bei der Heimattümelei überholen – klingt erst mal widersprüchlich.

Dörre: Für Ernst Bloch ist Heimat Sehnsuchtsort und Sozialismus. Man muss die Auseinandersetzung mit radikalen Rechten auch in der Arbeiterschaft über Themen suchen, die Verständigung ermöglichen. Man muss sagen: Schnee im Erzgebirge wird dauerhaft nur noch ausreichend fallen, wenn sich Gesellschaft radikal verändert. Im Thüringer Wald werden in Zukunft nur noch gesunde Bäume stehen, wenn die Klimakrise aufgehalten wird – und deswegen kann man auch nicht prinzipiell gegen Windkraft im Wald sein.

taz: Aber gerade Windkraft ist auch ein Mobilisierungsthema für die AfD.

Dörre: Im Grunde geht es um ein Freiheitsverständnis, das nicht rein negativ ist. Das zeichnet nämlich die AfD aus: Wehe, einer will mir vorschreiben, welches Auto ich zu fahren habe. Dass Freiheit immer auch Verantwortung gegenüber anderen impliziert, wird weggewischt. Aber was ist denn mit den Kindern, wenn ich Klimaschutz hintertreibe? Darüber müssen wir eine Auseinandersetzung führen. Ebenso braucht es einen Perspektivwechsel: Statt dauernd auf die rechtsradikalen Arbeiter zu gucken, ist es sinnvoll, sich auf diejenigen zu beziehen, die sich in der Arbeitswelt bewusst dem Rechtsruck entziehen. Es gibt nicht nur 37 Prozent Arbeiter, die in BaWü rechts außen wählen, sondern auch 63 Prozent, die das nicht tun.

taz: In Baden-Württemberg haben 18 Prozent der Arbeiter Grüne und 21 Prozent CDU gewählt.

Dörre: Die müssen wir stärker in den Blick nehmen, auch die Linkspartei. Hier erwarte ich einen Perspektivwechsel auch in den Parteien: Was brauchen linke Betriebsräte zu ihrer Stärkung und was die zivilgesellschaftliche Initiative vor Ort? Denn auch die gibt es überall. Özdemir hat sich klar gegen rechts außen positioniert und auch gegen die rechtsradikale Pseudogewerkschaft Zentrum ausgeteilt. Das hat dazu beigetragen, dass er das grüne Wählerpotenzial ausgeschöpft hat. Er gilt als authentisch und jemand, der mit Rechtsradikalen keine gemeinsame Sache macht. Ich glaube, dass der Anteil der Arbeiter, die man zurückholen kann, gar nicht so klein ist. Aber man braucht einen langen Atem.

Sollte die Arbeiterschaft wieder mehr von demokratischen Parteien umworben werden?

Dörre: Sie sollten vor allem die linken Arbeitenden in den Blick nehmen. Der Cost-of-Living-Ansatz ist dabei zentral. Das erfordert einen Perspektivwechsel. Auch in ländlichen Industrieregionen gibt es überall Initiativen gegen rechts, auch in kleinen Gemeinden und Städten. Die sind nach wie vor aktiv. Wir sollten sie nicht alleinlassen.

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