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Weimers Kampf gegen LiteraturKeine Kultur, kein Konservativer

Kommentar von

Klaus Hillenbrand

In die Deutsche Nationalbibliothek gehören gedruckte Bücher. Kurz vor der Leipziger Messe bringt Weimer die komplette Branche gegen sich auf.

Ist nach Ansicht von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer schon groß genug: die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig Foto: Sebastian Willnow/dpa

I n der Biblioteca Laurenziana zu Florenz befindet sich ein unschätzbar wertvolles Objekt. Der Codex Amiatinus ist eine der ältesten Bibel-Handschriften der Welt. Er stammt aus dem 8. Jahrhundert. Die illuminierte Schrift glänzt seit weit über eintausend Jahren.

Elektronische Datenträger sind eine Erfindung der letzten 60 Jahre. Niemand weiß, wie haltbar diese Instrumente sein werden. Aber schon heute findet sich kaum mehr ein Rechner, der in der Lage wäre, die Inhalte einer Floppy-Disk zu laden. Dabei sind die Dinger erst 1969 erfunden worden. Ob die elektronischen Datenträger von unseren Nachfahren auch in eintausend Jahren noch gelesen werden können?

Aber Kulturstaatsminister Wolfram Weimer verkündet das Aus für den dringend nötigen Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek und empfiehlt stattdessen, dass die Bibliothek lieber elektronische Ware sammeln soll. Er tritt damit ganz nebenbei 7 Millionen Euro in die Tonne, die schon für die Planung des Gebäudes geflossen sind. Weimers Entscheidung räumt mit dem Missverständnis auf, beim Kulturstaatsminister handele es sich um einen konservativen Kopf.

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Konservativ ist es natürlich nicht, mal eben ein seit dem 17. Jahrhundert verbreitetes System der Pflichtexemplare abzuschaffen. Konservativ war auch nicht Weimers Entscheidung, linken Buchhandlungen einen Preis vorzuenthalten. Wer konservativ denkt, will bewahren. Wer konservativ handelt, ist ein Verfechter der Meinungs- und Gedankenfreiheit. Weimer dagegen ist lediglich ein Kulturbanause, dessen Interesse für Gedrucktes nicht über das Sammeln von Geldscheinen hinausgeht.

Mit seinen Entscheidungen hat er das Kunststück fertiggebracht, eine ganze Branche just vor der Leipziger Buchmesse gegen sich aufzubringen. Das hat für eine bemerkenswerte Klarheit gesorgt, die sich sicherlich auf den erwarteten Auftritt des Kulturstaatsministers bei der Messe-Eröffnung am Mittwochabend niederschlagen wird. Dafür sei ihm an dieser Stelle ausdrücklich gedankt.

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taz-Autor
Jahrgang 1957, ist Mitarbeiter der taz und Buchautor. Seine Themenschwerpunkte sind Zeitgeschichte und der Nahe Osten. Hillenbrand ist Autor mehrerer Bücher zur NS-Geschichte und Judenverfolgung. Zuletzt erschien von ihm: "Die geschützte Insel. Das jüdische Auerbach'sche Waisenhaus in Berlin", Hentrich & Hentrich 2024
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21 Kommentare

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  • Eine Regel aus dem vorletzten Jahrhundert sollte man vielleicht tatsächlich mal überdenken. Es stellt sich die Frage ob das blinde sammeln von gedrucktem unverändert fortgesetzt werden muss, schließlich ist seit der Zeit die Menge an Veröffentlichungen explosionsartig gestiegen seit jeder meint zu allem mal ein Buch zu schreiben. Allein die Zahl der Kochbücher ist beeindruckend und in der Menge sinnlos.

  • Ich erinnere an Nicolas Roeg ( „Wenn die Gondeln Trauer tragen“), der mal anekdotisch die Erfindung der Buchdrucks bedauern konnte, weil sich dadurch das „Geschichtenerzählen“ veränderte.

    Für mich sind Geschichten, Erzählungen, Poesie DIE Kultur, nicht Papier, Strom oder was auch immer.

    Weimer möchte ich damit nicht gut reden; er wirkt auf mich engstirnig und voller Dünkel.

  • Ich finde es seltsam, dass hier in den Kommentaren nur über Nachhaltigkeit unterschiedlicher Medien gefachsimpelt wird, anstatt sich mit diesem unsäglichen Kulturbanausen Weimer auseinander zu setzen.



    Es liegt auf der Hand, dass gedruckte sowie elektronisches Medien wichtig sind.



    Aber dieser Typ will die Kultur schleifen.



    Und diesmal nimmt er sich das gedruckte Buch vor.



    Opportunistisch wie er ist macht er kaputt was wichtig und richtig ist.



    Wer weiss, vielleicht profitiert dieser Medienraffke auf irgendeine Weise von der Digitalisierung von Literatur.



    Wundern würde es mich nicht.



    Und der Kanzler sollte die Nähe zu dieser Fehlbesetzung vielleicht mal überdenken...

  • Als Bibliophiler Mensch lässt mich der Minister sprachlos zurück. So ein Vandalismus such seines gleichen.

  • Wenn man den Bock zum Gärtner macht, frisst der - wenig überraschend - das Gemüse.

  • Sehr präzise Beschreibung des Kulturministerdarstellers. Nur eine Anmerkung: Die 7 Millionen Euro für die Planung sind nicht in der Tonne. Es sei denn, die Planer:innen und sonstige mit der Planung befassten Personen haben ehrenamtlich gearbeitet.



    Beste Grüße!

  • Größenwahn liegt mir da auf der Zunge.



    Aber weil er die Bibli ja schrumpfen will, passt das wohl nicht so gut ...

  • Da kann man wirklich nur zustimmen. Mehr Banausentum als das von Herrn Weimer geht kaum. Natürlich brauchen wir weiterhin gedruckte Bücher! Bei sorgfältiger Lagerung halten sie sich locker 500-1000 Jahr lang - mindestens. Die Cost of ownership gedruckter Werke dürfte weit unter der elektronischer Medien liegen, die man alle 3-5 Jahre auf neue Datenträger kopieren muss (nachdem das Ende von CDs und DVDs auch schon zu erahnen ist). Haltbarer und nachhaltiger als gedruckte Werke sind nur noch in Stein gemeißelte Inschriften (man nehme am besten Granit oder Basalt).



    Auch aktuelle Verkaufszahlen sprechen für das gedruckte Buch, denn der Anteil von E-Books kommt auch jetzt nur mit großer Mühe über 10%, wenn man die Wahl hat, dasselbe Buch als Taschenbuch, Hardcover oder E-Book zu kaufen.

    • @Aurego:

      kl. geschichtliche Anmerkung



      🤖 Der Papierwechsel im 19. Jahrhundert, insbesondere ab der Mitte des Jahrhunderts, markiert einen Wendepunkt in der Haltbarkeit von Büchern. Der Übergang von langlebigem Hadernpapier (aus Textilfasern) zu holzhaltigem Papier (auf Holzschliffbasis) führte zu einer massiven Verschlechterung der Papierqualität und Haltbarkeit.



      Waldwissen.net



      Waldwissen.net



      +1



      Haltbarkeitsprobleme des 19. Jahrhunderts (Säurefraß):



      Holzschliff und Säure: Ab ca. 1840/1850 wurde Papier zunehmend aus Holzschliff hergestellt. Dieses Papier enthält Lignin, welches durch Lichteinwirkung und Luftsauerstoff vergilbt und Säure bildet.



      Alaun-Leimung: Um das Papier im Druckprozess tintenfest zu machen, wurde oft Alaun verwendet, was die saure Zersetzung (Säurefraß) weiter beschleunigt.



      Zerfall: Bücher aus dieser Zeit werden oft braun, spröde und zerfallen im schlimmsten Fall bei Berührung



      Unterschiede in der Herstellung:



      Vor 1850: Bücher aus Hadernpapier (Leinenlumpen) sind extrem langlebig und oft auch nach Jahrhunderten noch in gutem Zustand.



      Nach 1850 (Industriepapier): Die Massenproduktion forderte günstige Rohstoffe, was zu der minderwertigen Qualität führte.



      Waldwissen.net

    • @Aurego:

      Ja. Aber.



      Das einleitende Beispiel der Bibel ist natürlich toll. Aber das waren aufwendig hergestellte, besondere Erzeugnisse. Wenn es stimmt, dass die Nationalbibliothek grundsätzlich von jedem Druckerzeugnis zwei Exemplare haben möchte, gibt es bei der heutigen Bücherschwemme viele Erzeugnisse, der keiner mehr in 2, 50 oder gar 1000 Jahren lesen möchte. Diesen Ansatz sollte man überprüfen, sonst benötigt man in 5 Jahren das nächste superteure Magazin mit Architekenausschreibung. Alternativ einfach ein schmuckloses Hochregallager. Die Software findet darin jedes Buch (solange noch jemand den Computer bedienen kann).

      • @fly:

        ... nur noch die guten Bücher einlagern, wär eine Lösung. Vielleicht bietet sich der Weimer an, die schlechten Bücher auszusortieren. Ironie off.

      • @fly:

        Das ist halt die Problematik an der Sache. Man weiß heute nicht, was die Menschen in hunderten Jahren interessieren wird. Da scheint es schon sinnvoll möglichst breit zu sammeln

        • @fourorty:

          In hundert Jahren wird niemand mehr irgendwelche Bibliotheken besuchen. Denn unser Planet wird so lange nicht mehr durchhalten - bei dieser Politik, wie sie heute betrieben wird....

      • @fly:

        Die Antwort auf die Frage, ob das in 1000 Jahren jemand lesen will, sollten wir denen überlassen, die in 1000 Jahren in den Bibliotheken herumstöbern.



        Es gibt in den europäischen Bibliotheken noch ältere Handschriften ab dem 4. Jahrhundert (z. B. Codex Vaticanus (Vat. Gr. 1209), besonders in Paris, Florenz und im Vatikan, aber auch Werke wie den Codex Argenteus in Uppsala, ein sprach- und kulturgeschichtlich einzigartiges Werk.



        Für die Ablieferungspflicht gilt grundsätzlich das Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek (DNBG)



        www.gesetze-im-int...BJNR133800006.html



        Zusätzlich haben einige Bundesländer (z. B. Bayern) eigene Ablieferungspflichten.



        Aber ein Tipp für die Langzeitarchivierung (>100 Jahre): Vergessen Sie Elektronik und Software! Dieses Zeug verändert sich schneller als alles andere. Daher sind grundsätzlich immer analoge und redundante Aufbewahrungsformen zu bevorzugen.

  • Dieser Minister und seine Kollegin Reiche im Wirtschaftsministerium sind die mit großem Abstand unfähigsten Regierungsmitglieder, die in einer Bundesregierung je gewesen sind. Und Merz lässt das alles einfach so laufen....

  • Gut gebrüllt, Löwe 🎩



    Jedoch verpufft?



    taz.de/Streicht-Wo...bb_message_5182741

  • Ich warte ungeduldig auf seinen Rücktritt!

  • Ein KULTURstaatsminister sollte über einen gewissen Durchblick oder gute Berater verfügen, aber weder noch und tollpatschig dazu ist schon besonders dramatisch, der Kanzler hat das beim Golfen wohl nicht mitbekommen (können!).

  • Wollte die Regierung nicht die Infrastruktur in D stärken?



    Bibliotheken sind Infrastruktur - und das gilt auch für die Nationalbibliothek.

  • Digitale Daten können ohne großen Aufwand tradiert werden. Wenn sie sich nicht mehr auf Disketten finden, dann bestimmt auf anderen Speichermedien - oder sollen wir jetzt wieder alle Bücher auf Vellum veröffentlichen? Paper hält nämlich auch nich über Jahrhunderte. Man könnte natürlich auch alle Texte in Tonscherben einritzen, das wäre aber recht aufwendig.