Weimers Kampf gegen Literatur: Keine Kultur, kein Konservativer
In die Deutsche Nationalbibliothek gehören gedruckte Bücher. Kurz vor der Leipziger Messe bringt Weimer die komplette Branche gegen sich auf.
I n der Biblioteca Laurenziana zu Florenz befindet sich ein unschätzbar wertvolles Objekt. Der Codex Amiatinus ist eine der ältesten Bibel-Handschriften der Welt. Er stammt aus dem 8. Jahrhundert. Die illuminierte Schrift glänzt seit weit über eintausend Jahren.
Elektronische Datenträger sind eine Erfindung der letzten 60 Jahre. Niemand weiß, wie haltbar diese Instrumente sein werden. Aber schon heute findet sich kaum mehr ein Rechner, der in der Lage wäre, die Inhalte einer Floppy-Disk zu laden. Dabei sind die Dinger erst 1969 erfunden worden. Ob die elektronischen Datenträger von unseren Nachfahren auch in eintausend Jahren noch gelesen werden können?
Aber Kulturstaatsminister Wolfram Weimer verkündet das Aus für den dringend nötigen Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek und empfiehlt stattdessen, dass die Bibliothek lieber elektronische Ware sammeln soll. Er tritt damit ganz nebenbei 7 Millionen Euro in die Tonne, die schon für die Planung des Gebäudes geflossen sind. Weimers Entscheidung räumt mit dem Missverständnis auf, beim Kulturstaatsminister handele es sich um einen konservativen Kopf.
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Konservativ ist es natürlich nicht, mal eben ein seit dem 17. Jahrhundert verbreitetes System der Pflichtexemplare abzuschaffen. Konservativ war auch nicht Weimers Entscheidung, linken Buchhandlungen einen Preis vorzuenthalten. Wer konservativ denkt, will bewahren. Wer konservativ handelt, ist ein Verfechter der Meinungs- und Gedankenfreiheit. Weimer dagegen ist lediglich ein Kulturbanause, dessen Interesse für Gedrucktes nicht über das Sammeln von Geldscheinen hinausgeht.
Mit seinen Entscheidungen hat er das Kunststück fertiggebracht, eine ganze Branche just vor der Leipziger Buchmesse gegen sich aufzubringen. Das hat für eine bemerkenswerte Klarheit gesorgt, die sich sicherlich auf den erwarteten Auftritt des Kulturstaatsministers bei der Messe-Eröffnung am Mittwochabend niederschlagen wird. Dafür sei ihm an dieser Stelle ausdrücklich gedankt.
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