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Regionalwahlen in GroßbritannienDas althergebrachte Parteiensystem geht unter

Dominic Johnson

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Dominic Johnson

Bei den Regionalwahlen in Großbritannien dürfte Labour seine größte Niederlage einfahren. Warum das nicht nur für die Partei, sondern sogar für Europa gefährlich ist.

Foto: Stefan Rousseau/PA Wire/dpa

W enn nicht sämtliche Prognosen falsch liegen, wird die regierende Labour-Partei in Großbritannien am Donnerstag die höchste Wahlniederlage ihrer Geschichte einfahren. Bis zu vier Fünftel aller zur Wahl stehenden kommunalen Mandate könnten bei den Kommunalwahlen in England für Labour verloren gehen, dazu drohen der Regierungsverlust im Labour-Stammland Wales und ein Absturz in Schottland. In Englands alten Industriehochburgen rechnen die Rechtspopulisten von „Reform UK“ mit Erdrutschsiegen, und im weltgewandten London wenden sich zahlreiche Menschen den Grünen am linken politischen Rand zu.

Für Labour-Premierminister Keir Starmer wäre dies keine zwei Jahre nach seinem Erdrutschsieg bei den britischen Parlamentswahlen ein historisches Debakel. Und dann dürften am Wochenende seine Partei und sein Kabinett zur Revolte schreiten. Längst bringen sich parteiinterne Rivalen in Stellung und schmieden Pläne, wie man den renitenten Regierungschef auch gegen seinen Willen aus dem Amt entfernen könnte.

Eine Stabilisierung und Beruhigung der britischen Politik, wie sie Keir Starmer bei seinem Amtsantritt 2024 nach Jahren des Tory-Chaos versprach, wären damit allerdings vom Tisch. Mit Grauen erinnert man sich an das sich immer schneller drehende Karussell der Konservativen, als sie David Cameron erst mit Theresa May, dann mit Boris Johnson, danach mit Liz Truss und schließlich mit Rishi Sunak ersetzten, nur um am Ende im Totalabsturz zu landen. Schickt Labour sich jetzt an, diesen Irrsinn zu wiederholen – vielleicht mit einer Abfolge von Wes Streeting, Andy Burnham, Angela Rayner und Ed Miliband –, werden beide Träger des traditionellen britischen Zweiparteiensystems in der politischen Versenkung verschwinden, und Populisten von ganz rechts und ganz links werden das Land zerreißen.

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Großbritannien ist oft ein Seismograf für Europa. Dass alle Parteiführer negative Sympathiewerte aufweisen, dass keine Partei dauerhaft mehr als ein Viertel der Wähler vertritt, dass keine realistische Regierungskonstellation Mehrheiten überzeugt – all das ist in Deutschland und in Frankreich nicht anders. Überall liegen Rechtspopulisten, die allein nicht mehrheitsfähig sind, in den Umfragen vorn, am linken Rand rumort es und die restlichen Parteien verrenken sich in Machtspielchen.

So ist kein Land überlebensfähig, denn es wird nicht mehr gut regiert. In Großbritannien beobachten wir den Untergang eines Parteiensystems, das einst das stabilste der Welt war. Und die Trends in Großbritannien von heute, so ist zu befürchten, sind die in Deutschland von morgen.

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Dominic Johnson
Ressortleiter Ausland
Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.
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16 Kommentare

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  • Die britischen Grünen als "Populisten ... von ganz links" zu bezeichnen ist sicherlich eine eklatante Fehleinschätzung, die freilich ganz auf der Linie von Markus Söder im Verhältnis zu den deutschen Grünen liegt.

  • Die Politik überall muss sich langsam entscheiden wofür es da ist, steht es an der Seite seiner Bürger um die Lebenswirklichkeit jedes einzelnen zu verbessern, oder arbeitet die korrupte Politik ausschließlich als dreckiger Gehilfe für das Kapital siehe die heutige ( Vermögensverteilung ), ich sollte lieber schreiben, Gehilfe für die heutige unerhörte Vermögenskonzentration. Die Menschen haben es satt, immer wieder nur hohle Phrasen in Form von Lippenbekenntnisse zu hören, während es immer schwerer wird für die Mehrheit zu überleben, wobei das ja bei vielen kein überleben mehr ist, sondern ein immer schlimmer werdendes chancenloses dahin vegetieren, ohne Sicht auf eine wirkliche Besserung.



    Die selben Wähler die uns in diese Situation gebracht haben an dem Punkt wo wir heute sind, die glauben wirklich ihren Heil in den heutigen Rattenfängern zu finden, die wieder wie schon einmal alles nur noch schneller im Abstieg, schlimmer, katastrophaler und zur Hölle für uns alle gemacht haben, diese Wähler versprechen sich wirklich eine Besserung dadurch, auf diese verblendete hohle Idee und Überzeugung muss man erstmal wirklich kommen.

  • Der rechte Flügel von Labour führt die Partei, gelangt an die Regierung, macht rechte Politik, und die Partei stürzt ab. Das ist ja eine sensationelle Überraschung. Niemand konnte das wissen. Woher auch?



    Achja, schöne Grüße an Gerd Schröder und Tony Blair.

  • Das englische Wahlsystem hatte ja immer seine Tücken. Immerhin sorgt es meist für einigermaßen klare Verhältnisse und es mussten kaum Koalitionsregierungen gebildet werden.

    Was sich allerdings enorm verändert hat, und nicht nur im UK, ist die Erwartungshaltung des Elektorats. Die wünschen sich immer sofort eine Lösung für alle Probleme. Dicke Bretter bohrt kaum noch einer. Die bricht man augenscheinlich lieber übers Knie.

  • keir starmers labour war der heillose versuch eine verlängerung der technokratisch-neoliberalen umverteilungspolitik, der mit tony blairs sog. third way politics begann und im kern ein autoritäres demokratiefeindliches projekt darstellt, dass sich gegen die interessen des großteils der arbeitenden und sorgenden menschen richtet und ihre lebensgrundlagen zerstört, indem es sie verwertet und der kleptokratie preisgibt. es ist gut, dass dieses projekt an sein ende kommt. es ist allerdings gruselig, dass es der extremen rechten auch in gb aktuell gelingt, aus den verheerenden konsequenzen von 45 jahren neoliberaler konkurrenzgesellschaft kapital zu schlagen, indem es diese erfolgreich zum resultat von migration und zuwanderung umdeutet während farage und co. gleichzeitig beabsichtigen, die privatisierung voranzutreiben und superreiche noch reicher und arme noch ärmer zu machen. aber es gibt eine alternative – mit der green party um zack polanski, die für die möglichkeit eines progressiven und zukunftsfähigen großbritannien steht. schade, dass davon in diesem artikel kein wort zu lesen ist. zentristischer bias?

  • Kann das alles bestätigen. Die Gefahr von Unregierbarkeit in großen Teilen Europas ist offensichtlich. Die Ränder nehmen zu, die Mitte muss sich mit immer neuen 'unmöglichen' Konstellationen zusammenrotten um Rändermehrheiten zu verhindern. Mit der alleinigen Argumentation, dass die Ränder gefährlich sind.



    Das ist wohl richtig, leider wird darüber vergessen gute Politik zu machen, also auch Entscheidungen gefällt werden, die bei den Menschen spürbar werden. Das tut sie aber viel zu wenig. Lasche Reförmchen die keiner versteht, wo keiner was für sich als Veränderung bemerkt. Steuer, Gesundheit, Infrastruktur.... und ja, auch beim unsäglichen Thema Asyl. Die Menschen wollen Veränderungen sehen.

  • Da hilft nur eine Intervention aus dem Weißen Haus: Donald Trump, der sich beim Bankett im weißen Haus von seiner Majestät Schlaumeierei blamiert fühlte, verabredet mit Kir Starmer den "Keir Royal"-Putsch, aus dem König Keir der I. des Vereinigten Königreiches hervorgeht. Ganz modern im neoliberalen Modus fällt aber Charles III. nicht die Treppe runter, sondern rauf: Narendra Modi bestellt ihn zum "Kaiser Charlendra von Indien" und macht sich selber zum Superkanzler Indiens nach dem Vorbild Bismarcks, dem es egal ist, wer über ihm Kaiser ist. WIchtig ist nur imperialroyaler Glanz, der das indische Volk ablenkt von dessen eigener schleichenden Absetzung als Souverän. König Keir I. verliert sich derweil in den tausend Räumen des riesigen Buckingham-Palastes. Da kann sich der neue Premierministe Nigel Farage abmühen wie er will: Ohne königliche Unterschrift bleiben alle seine neuen Gesetze ungültig - seine Majestät ist wiegesagt quasi "lost in space", d.h. somewhere in the palace ... :-)

  • Wer zu verzagt nicht Labour wagt



    dann leider über Starmer klagt.



    Labourzirrhose, Katerschmerz.



    Corbyn hatte noch ein Herz.

  • Ich möchte daran erinnern, dass Labour sich das komplett selbst zuzuschreiben hat. Da ist nichts Zwangsläufiges daran. Schließlich haben sie einen Jeremy Corbyn, der sehr populär war, auf ziemlich üble Weise mit Antisemitismusvorwürfen abserviert. Meiner Meinung nach war der Mann einfach nur klug und anständig und hat die israelische und auch die Weltpolitik realistisch gesehen. Eben einfach ein Linker der alten Schule, denen man noch nicht beigebracht hat, dass Krieg gleich Frieden ist und Freiheit gleich Sklaverei.

  • Bisher kam der Scheiss doch immer aus Amerika. Bislang habe ich noch nicht mitbekommen dass unsere Verstrahlten den Kontakt zu den Rechtsextremisten im Vereinigten Königreich suchen, die Spahns und Weidels kriechen doch bei Trump.

  • Es ist eine ökonomische Krise, eine ökonomische Krise der unteren bis mittleren Schichten. Das Gefühl, dass das eigene Leben auch in Zukunft sicher ist, möglicherweise sogar besser werden kann, dass was nach dem Krieg die Menschen an die Demokratie gebunden hat, ist erodiert, deshalb verlieren alle Parteien, allem voran in UK, dass schon viel früher begonnen hat die ausgleichende Funktion des Staates zurückzufahren.



    Fast überall versuchen die großen Parteien mit den gleichen Rezepten mehr vom Alten, weniger Staat, Unternehmen entlasten, Bürger belasten.



    Wirtschaftlich ist das Kamikaze, geringeres Einkommen der Konsumenten führt zu weniger Einnahmen der Wirtschaft und zu einem Abwenden relevanter Teile der Bevölkerung von der Politik. Das, was die Politik versucht ist letztlich eine Subventionierung der Wirtschaft



    Dahinter steht ein grundfalsches Verständnis der Ökonomik.



    Man könnte sagen, wer immer wieder versucht das Gleiche zu tun und auf ein anderes Ergebnis hofft, ist ein Demokratiefeind!

    • @nutzer:

      Der im Raum stehende Elefant ist die Fetischisierung des Shareholder-Value seit Reagan, Thatcher und Kohl. Diese Fixierung der Politik auf die Börse verliert die Bedürfnisse der Bürger aus den Augen. Warum so Viele dann den rechten Rattenfängern auf den Leim gehen ist mir allerdings unverständlich.

    • @nutzer:

      (Ziemlich hingerotzter Artikel, Dominic..)



      Ja, solange vom Namen her sozialdemokratische Parteien versuchen ein Land mit neoliberalen (und erwiesenermassen unwirksamen) Konzepten wieder in Schwung zu bringen, werden diese weiter scheitern und rechte Populisten gewinnen.



      Ohne starke soziale Sicherungssysteme, gerechte Löhne und v.a. gerechte Besteuerung ALLER Einkommen werden unsere Gesellschaftssysteme kaputt gemacht.



      Solange spd und Labour dies nicht erkennen werden sie weiter Wahlen verlieren.



      Wann wachen die auf?



      Ich bin das sehr pessimistisch.

    • @nutzer:

      Sorry, Stichworte einer eher linken Wirtschaftsagenda zu formulieren... das springt mindestens 80% zu kurz. Als Denkanstoß: Konservativ sagt, mehr arbeiten und alles wird besser. sie sagen mehr Geld für die Arbeiter/Angestellten und alles wird besser.



      Ist es nicht so, dass nur produziert/angeboten wird, was einen Abnehmer/Käufer findet der bereit ist dafür Geld auszugeben? Und ist es dann nicht viel sinnvoller in die Entwicklung neuer Produkte, Ideen oder Dienstleistungen zu investieren? Also Bildung, Infrastruktur, Gesundheit. ...



      Gebe den Menschen mehr Geld und alles wird gut ist ja schon länger her als Yesterday. Vorindustriell schon fast.

    • @nutzer:

      Man könnte auch sagen, der brutale globale Kapitalismus ist mit Demokratie nicht vereinbar.

      Er funktioniert nur, wenn große Teile der Mehrheit gerade so dahin vegetieren und einige wenige in Reichtum ersaufen.

      Und der Kapitalismus ist das, was gerade die Welt beherrscht.

      Leider.