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Wohlstandsverteilung in DeutschlandBis alles brennt

Carolina Schwarz

Kommentar von

Carolina Schwarz

80 Prozent finden die Wohlstandsverteilung ungerecht. Die Politik sollte froh sein, dass die Menschen politische Mittel fordern – und nicht einfach alles anzünden.

Zumindest in den USA sehen immer mehr Menschen „alles anzünden“ als Lösung Foto: Ralf Grossek/plainpicture

V or ein paar Tagen saß ich mit drei Freundinnen beim Kartenspielen in einer Bar, als eine von ihnen uns ihre besten Diebstahltricks verriet. Einer ihrer Tipps war zum Beispiel: immer auch etwas bezahlen und das Diebesgut einfach sichtbar in der Hand halten. Das ist weniger verdächtig.

Sicherlich geht es meiner Freundin auch um den Adrenalinkick beim Klauen, doch es ist auch eine Reaktion auf die Verschlimmerung unserer Zustände, in denen wir leben. Denn sie klaut nicht beim unabhängigen Klamottenladen oder dem Restaurant von nebenan, sondern bei großen Unternehmen. Es ist also auch ein Versuch ein kleines bisschen Gerechtigkeit herzustellen.

Das Leben in Deutschland wird immer teurer, doch die Verteuerung trifft nicht alle gleich. Während viele Menschen nicht mehr wissen, wie sie ihre Miete oder ihre Lebensmittel bezahlen sollen, wächst die Zahl der Superreichen in diesem Land. 3.900 Menschen besitzen heute ein Drittel des gesamten Finanzvermögens, das aus Familienunternehmen, Einzelhandel oder Industrie stammt.

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Was also sollte daran verwerflich daran sein, wenn ich bei einem Discounter eine Bio-Avocado für zwei Euro mitgehen lassen, wenn der Besitzer des Discounters Milliarden auf dem Konto liegen hat und seinen Angestellten einen Lohn zahlt, der oft nicht zum Leben reicht?

Empfinden und Wahlwirklichkeit

Dass mit der Verteilung des Wohlstands in diesem Land etwas falsch läuft, ist mittlerweile Mehrheitsmeinung in Deutschland. Laut einer repräsentativen Umfrage von infratest dimap, die von der ARD beauftragt wurde und für die 2.000 Menschen aus verschiedenen Alters- und Einkommengruppen befragt wurden, finden 81 Prozent der Deutschen es ungerecht, wie der Wohlstand verteilt ist. Nur 15 Prozent empfinden den Status Quo als gerecht.

Komisch ist, dass sich dieses Gefühl der Ungerechtigkeit nicht in den Wahlergebnissen der Bundes- und Landtagswahlen widerspiegelt. Doch es zeigt zumindest, dass die Mehrheit etwas an den Zuständen ändern möchte. 64 Prozent fänden es demnach gut, wenn die Vermögenssteuer zurückkehrt, 61 Prozent, wenn die Steuer auf hohe Erbschaften angehoben würde.

Es sind einfache Hebel, mit der man der ständigen Verschärfung der Schere zwischen Arm und Reich entgegenwirken kann. Doch die Regierung plant stattdessen weitere Sozialreformen, die zu noch weiteren Verschärfungen führen werden. Dabei sollte die Politik froh sein, dass Bevölkerung überhaupt noch an politischen Instrumente zur Herstellung von Gerechtigkeit glaubt. Das kann schnell kippen. Gerade in den USA wird sichtbar, was passiert, wenn einige wenige einen Rachefeldzug starten, statt auf politische Veränderungen zu hoffen.

Anderthalb Jahre ist es her, dass Luigi Mangione auf offener Straße Brian Thompson, einen Multimillionär und CEO einer Krankenversicherung, getötet haben soll. Seitdem wird Mangione von vielen als Nationalheld, als eine Art Robin Hood gefeiert. Er wird dafür gefeiert, dass er bereit ist zu morden, um sich für all diejenigen zu rächen, denen von der Versicherung medizinische Hilfe verweigert wurde. Bislang wartet er noch darauf, dass sein Gerichtsprozess beginnt, doch Nachahmer gibt es bis heute.

Mangione als Vorbild

Vor wenigen Wochen wurde in Kalifornien ein 29-Jähriger angeklagt, weil er ein Papierlager der Kimberly-Clark Coop angezündet hat. In einem Video soll der Mann sich gefilmt haben, wie er mehrere Feuer legte. Dabei ist seine Stimme zu hören, die sagt: „Alles, was ihr hättet tun müssen, wäre uns so zu bezahlen, dass wir davon leben können.“

Gegenüber einem Kollegen soll er sich mit Luigi Mangione verglichen haben. Ein anderer Man hat kurz darauf einen Molotow-Cocktail auf das Haus von OpenAI-CEO Sam Altman geworfen, er nannte es „Luigi’ing some CEOs“.

Hoffnungsvoller wäre dagegen ein kollektiver Aufstand, eine Revolution

Die Motive hinter den Gewalttaten können sicherlich viele nachvollziehen. Doch es ist eine gruselige Vorstellung, dass wir in einer Gesellschaft leben, in denen einige bereit sind zu töten, um sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren.

Weniger gruselig und hoffnungsvoller wäre dagegen ein kollektiver Aufstand, eine Revolution, gegen die ungerechte Wohlstandsverteilung in diesem Land. Denn bislang gilt: Wer von den Armen stiehlt, wird reich. Wer von den Reichen stiehlt, kommt ins Gefängnis. Wenn vier von fünf Menschen das falsch finden, sollte es doch Mittel und Wege geben, daran etwas zu ändern. Vielleicht haben unsere Freundinnen ja ein paar Tipps.

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Carolina Schwarz
Ressortleiterin taz zwei
Ressortleiterin bei taz zwei - dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Schreibt hauptsächlich über intersektionalen Feminismus, (digitale) Gewalt gegen Frauen und Popphänomene. Studium der Literatur- und Kulturwisseschaften in Dresden und Berlin. Seit 2017 bei der taz.
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2 Kommentare

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  • "Komisch ist, dass sich dieses Gefühl der Ungerechtigkeit nicht in den Wahlergebnissen der Bundes- und Landtagswahlen widerspiegelt."



    tut es doch.... Die hohen Umfragewerte der aphde, fallen nicht vom Himmel, sind aber ganz sicher ein Ausdruck von " es läuft etwas falsch".

  • Fast zwei Drittel der Bevölkerung fordern also eine Vermögensteuer und eine höhere Erbschaftsteuer.

    Es ist interessant, dass außer bei der Linken diese Forderungen von PolitikerInnen kaum formuliert werden. Unter Kanzler Kohl wurde die Vermögensteuer noch erhoben und der Spitzensatz der Einkommensteuer war deutlich, nämlich um ca. 25%(!), höher als heute.

    Nach der Grundsteuerreform hätte man leicht dieselben Daten, die für die Grundsteuer erhoben wurden, verwenden können, um die Vermögensteuer verfassungsrechtlich wieder in Ordnung zu bringen (wir erinnern uns: Beim Beschluss des BVerfG zur Vermögensteuer ging es im Wesentlichen um Immobilienbewertungen). Für die Erbschaftsteuer wird inzwischen der aktuelle Verkehrswert der Immobilien zugrunde gelegt. Dasselbe sollte bei der Vermögensteuer auch funktionieren.

    Bedenken sollten wir auch, dass sowohl die Vermögen- als auch die Erbschaftsteuer Landessteuern sind: Sie werden an das Bundesland entrichtet.



    Warum verzichten die Bundesländer also auf diese Steuereinnahmen, jammern uns jedoch gleichzeitig die Ohren voll, dass sie zu wenig Geld hätten?

    Brandstiftung, Diebstahl und Gewalt sind keine Lösung des Gerechtigkeitsproblems!