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Friedrich Merz und der IrankriegDesillusioniert von der „Drecksarbeit“

Daniel Bax

Kommentar von

Daniel Bax

Kürzlich bejubelte der Kanzler das US-israelische Vorgehen in Iran, jetzt sieht er alles anders. Das offenbart seine außenpolitische Kurzsichtigkeit.

Immer schön den Durchblick behalten, Kanzler Friedrich Merz im Bundestag Foto: Political-Moments/imago

D ie Lernkurve des Kanzlers ist bemerkenswert. Vor neun Monaten bezeichnete Friedrich Merz die Angriffe Israels auf iranische Atomanlagen noch als notwendige „Drecksarbeit“, die Israel für seine westlichen Verbündeten erledige. Der völkerrechtswidrige Angriff auf Iran liege auch im deutschen Interesse, behauptete er. Nun zeigt er sich „desillusioniert“: Die USA und Israel hätten sich geirrt. Das „Problem“ mit Iran sei nicht innerhalb weniger Tage gelöst worden, wie sie es versprochen hatten. Ach!

Welche Illusionen hatte der Mann? Hat Merz ernsthaft den Beteuerungen aus Washington und Tel Aviv geglaubt, die Probleme mit Iran ließen sich durch einen Krieg in kurzer Zeit „lösen“? Schon im Januar zeigte Merz sich ja zuversichtlich, „die letzten Tage und Wochen“ des Regimes seien angebrochen. Da hatte das Regime die Proteste auf den Straßen des Landes gerade blutig niedergeschlagen. Experten warnten, massives Bombardement werde das Regime eher noch festigen. Doch Israels Premier Netanjahu fand in Donald Trump einen Dummen, der ihm glaubte, dieses Rezept könne zum Erfolg führen. War Merz etwa auch so naiv?

Es waren leider keine humanitären, menschen- oder völkerrechtlichen Bedenken, die zum Sinneswandel des Bundeskanzlers geführt haben, sondern der Blick auf die Energiepreise, die weltweit in die Höhe schnellen. Und noch immer schreckt Merz davor zurück, gegenüber Israels Premier Netanjahu andere Saiten aufzuziehen, dabei hat der sich das Desaster mit eingebrockt. Im Gegenteil: Deutschlands Außenminister findet es „unangebracht“, auch nur das Assoziierungsabkommen der EU mit Israel zu stoppen. Das Ausbleiben jeglicher Konsequenzen animiert Israels Regierung dazu, in Libanon weiter Krieg zu führen.

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Die iranische Führung habe die USA gedemütigt, ätzt Merz nun. Doch das gilt auch für Europa und Deutschland. Nun scheint es im deutschen Interesse zu liegen, mit dem iranischen Regime zu verhandeln. Solch eine Kehrtwende spricht nicht für außenpolitischen Tiefgang und Prinzipien, sondern für ziemliche Planlosigkeit.

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Daniel Bax
Redakteur
Daniel Bax ist Themenchef im Regieressort der taz. Er schreibt über Politik, Kultur und Gesellschaft in Deutschland und hat bisher zwei Bücher veröffentlicht: “Angst ums Abendland” (2015) über antimuslimischen Rassismus und “Die Volksverführer“ (2018) über den Trend zum Rechtspopulismus. Sein neues Buch "Die neue Lust auf Links" über das Comeback der Linkspartei ist gerade im Goldmann Verlag erschienen.
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8 Kommentare

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  • Meine Rede!

  • Nanu, möchte hier niemand mehr die Beiträge von Daniel Bax kommentieren?



    Ahnend, dass er in dieser Sache nur schwer zu wiederlegen ist? Dass man ihm hier nicht stereotyp antiamerikanische oder antiisraelische Motive in die Schuhe schieben kann?



    Und was den Bundeskanzler betrifft: na, da hoffe ich mal, dass er seinen Worten auch Taten folgen lässt und in Verhandlungen mit dem Iran eintritt. In Abstimmung mit den Partnern in der EU. Und im deutschen Interesse.



    Auf einen Regimewechsel im Iran - der für die strategischen Überlegungen der USA und Israels ohnehin zweitrangig erscheint - können wir nicht warten.

  • Dieser Krieg ist mehr als ein Verbrechen, er ist ein Fehler

    Zitat: "Nun zeigt er sich „desillusioniert“: Die USA und Israel hätten sich geirrt. Das „Problem“ mit Iran sei nicht innerhalb weniger Tage gelöst worden, wie sie es versprochen hatten.“

    Merz ist nicht „desillusioniert“ über die Völkerrechtswidrigkeit dieses Krieges, sondern lediglich über dessen Ineffizienz und wegen der global-ökonomischen Sekundäreffekte, wegen derer er nun plötzlich aus allen Wolken fällt.

    Dieser Krieg ist per se ohne jegliche völkerrechtliche Legitimität, weder nach Art. VII noch 51 der UN-Charta, denn ein Angriffskrieg des Iran gegen die Aggressoren stand nicht unmittelbar bevor. „Präventivkriege“ wie dieser sind sowohl nach dem Briand- Kellogg-Pakt von 1928, Art. 2 der UN-Charta als auch dem Rom-Statut des Internationalen Strafgerichtshofs völkerrechtlich verboten. „Drecksarbeit für uns alle“ sieht das Völkerrecht als legalen Casus belli nicht vor.

    Angesichts dessen, des ungewissen Ausgangs und der Auswirkungen auf die globalen Kräfteverhältnisse und global-ökonomischen Implikationen ließe sich nach Talleyrand sagen: Dieser Krieg ist mehr als ein Verbrechen, er ist ein Fehler.

  • Merz ist nicht nur in der Außenpolitik ein Blindflieger. Das ist er auch in der Politik gegenüber der eignenen Bevölkerung. Gegen die Erkenntnis eines jeden Experten mimt er die agD in Sprache und Richtung nach - und hilft den Faschos so zu immer mehr Zulauf. Das ist unverantwortlich und mit Kurzsichtigkeit nicht genügend erklärt. Merz interessiert sich nur für die Interessen der Wirtschaft, die des Volkes sind ihm vollkommen wurscht. Das wird deutlich am Umgang mit Klima-/Umweltschutz. Statt massiv in EE zu investieren und alles zu tun um sich von den Fossilen zu entfernen, lässt er seine allein lobbygesteuerte Wirtschaftsministerin jeden Fortschritt schreddern. Auch das ist nicht nur kurzsichtiog, es ist schädlich für das Volk. Schaden wird nicht vom Volk abgewendet, nur von den Profiten der Verantwortlichen in den Konzernen.

  • "Solch eine Kehrtwende spricht nicht für außenpolitischen Tiefgang und Prinzipien, sondern für ziemliche Planlosigkeit."



    Also wie immer. Und das gilt nicht nur außenpolitisch.

  • Kürzlich bejubelte der Kanzler das US-israelische Vorgehen in Iran, jetzt sieht er alles anders. Das offenbart seine außenpolitische Kurzsichtigkeit.



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    Nicht nur in der Außenpolitik hat unser 2. Wahl Amateur Probleme! In der Innenpolitik auch!



    Ist schon erschreckend, dass sich die Vorhersagen von "Vor der Wahl!" sich SO manifestiert haben & ein "Industrie-, Wirtschafts-Praktikum, gleich wo, nicht ausreicht!" :-(



    Mein Fazit: Dazu fällt mir nur noch ein alter Spruch aus meiner Schulzeit ein, bin da "konservativ":



    DBDDHKPUAKKUSAV! (1)



    Das ein Politiker so ohne "konkretes Vorwissen" in seine Position kommt, ist nicht schlimm, ist oft unvermeidlicher Standard! ES/Sie/er haben ein Ministerium VOLLER Fachwissen, das zuarbeitet, Entscheidungen, Variationen vorbereiten & vorlegen können!



    Doch nach über einem Jahr immer noch "Merk befreit" zu erscheinen, ist nicht etwa peinlich, sondern mMn. eher ein Signal für "Berufsunfähigkeit!"

    (1)Die Übersetzung für Jüngere:



    D... bleibt d...! Da helfen keine Pillen und auch keine kalten Umschläge! Selbst Aspirin versagt! :-(

  • Merz ist in vielerlei Hinsicht kurzsichtig, so wie seine Regierung insgesamt. Das mag daran liegen, dass in der Politik heute jedwede Äußerung eine Wahlkampfäußerung ist, egal wie kurzsichtig sie ist. Hauptsache es trifft die vermutete Stimmung. Dass so eine seriöse Politik kaum mehr möglich ist schert niemanden, man kann ja immerhin noch die AFD wählen. Arme Demokratie. So gehst du nun vor die Hunde.