piwik no script img

Spaniens Triumph im WM-FinaleEin kleiner Sieg für den Fußball

Spanien lässt den überharten Argentiniern keine Chance und wird Weltmeister. Bei der Siegerehrung mit Donald Trump wird das Finale zur Propagandashow.

Alina Schwermer

Aus East Rutherford

Alina Schwermer

Wie viele neutrale Fußballfans mögen sich wohl still und leise bedankt haben bei Ferrán Torres? In der 106. Minute dieses Finals legte Nico Williams im Strafraum per Kopf vor, nicht ganz klar, ob das überhaupt so gewollt war, dann drosch Torres den Abstauber für Spanien ins Netz. Besonders elegant war das 1:0-Endergebnis nicht herausgespielt, es roch eher nach Arbeit als Magie. Aber gegen Argentinier, die sich dem Fußballspielen verweigerten, zählte Glanz längst nicht mehr.

WM-taz-Logo
Die taz bei der Fußball-WM

Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.

Zwanzig Torschüsse standen am Ende für den neuen Weltmeister Spanien zu Buche, ganze zwei für Argentinien. Dessen Spielidee bestand darin, Spanien mit nickeligen Fouls das Fußballspielen madig zu machen. Zumeist gelang das. Und irgendwann vor Minute 106 in der Verlängerung beschlich einen dieser Gedanke: Würde es am Ende so laufen wie immer in der K.o.-Phase dieses Turniers? Würde Argentinien wieder gewinnen mit diesem schwer erträglichen Geholze?

Ferrán Torres und Kollegen hatten was dagegen. Nachdem Argentinien sich kurz vor der Verlängerung selbst durch eine überfällige Gelb-Rote Karte für Enzo Fernández geschwächt hatte, fand Spanien mehr Lücken. Es half auch, dass Luis de la Fuente klug wechselte, unter anderem den wieder sehr umtriebigen Mikel Merino brachte und den feinen Techniker Nico Williams, der auf links das Spiel breiter machte und damit auch Yamal half. Und eben Torres. Wie schon gegen Portugal entschieden die Joker das Spiel. Insgesamt dreimal traf Spanien in der Verlängerung den Kasten, zu Recht zählte nur einer der Treffer.

Zähes Finale, unterhaltsame Verlängerung

Damit war die Verlängerung gewiss der unterhaltsamste Teil eines sonst an Chancen armen und zähen Finals. Argentinien hatte das Spiel auf sein Niveau runtergezogen, und weil Spanien zugleich die argentinische Offensive so effizient aus dem Spiel nahm wie zuvor schon die von Frankreich, passierte sehr lange nicht viel – abgesehen von Fouls.

Ein Arbeitssieg war es letztlich für den neuen Weltmeister – gegen einen alten Weltmeister, der so klar seinen Zenit überschritten hatte, dass er Spanien spielerisch wohl gar nicht hätte stellen können. Lionel Messi, bei seiner nun vielleicht wirklich allerletzten WM angelangt und am Schluss in Tränen, blieb unsichtbar. Und das sagenumwobene Glück der Argentinier in den letzten Spielminuten bei dieser WM schien nun auch mal aufgebraucht.

Lob des Weltmeisters

Was für ein Team dagegen bietet wieder einmal der neue Weltmeister Spanien! Der erst 19-jährige Innenverteidiger Pau Cubarsí wurde völlig zu Recht als bester Nachwuchsspieler des Turniers ausgezeichnet. Der gleichaltrige Lamine Yamal sah Licht und Schatten, aber gibt natürlich reichlich Versprechen. Architekt Rodri spielte ein brillantes Turnier mit umwerfenden 93 Prozent Passgenauigkeit bis zum Finale; ebenfalls groß waren der oft unterschätzte Dani Olmo sowie Marc Cucurella auf links. Viele erfahrenere Spieler der zweiten Reihe glänzten, darunter Fabián Ruiz und Mikel Oyarzabal.

Politische Instrumentalisierung gab es dann auch noch – wen wundert’s bei dieser WM

Und dann hat Spanien ja auch noch den mit einer Verletzung zur WM angereisten Nico Williams und den diesmal formschwachen 23-jährigen Hochbegabten Pedri zu bieten. Schwer vorstellbar, dass diese erneute Dominanzphase der Spanier mit diesem WM-Titel endet. Und wer amtierender Weltmeister bei Männern und Frauen, dazu bei beiden Geschlechtern U19-Europameister und amtierender Europameister der Männer ist, macht jedenfalls nicht so viel verkehrt.

Auftritt Donald Trump

Politische Instrumentalisierung gab es dann auch noch – wen wundert’s bei dieser WM. Die Fifa gestattete Donald Trump freundlich, sich wie schon bei der Klub-WM als Teil der Siegesfeier zu inszenieren und die gewünschten Propagandabilder zu schaffen.

Es war die nächste höchst unangenehme WM-Siegerehrung, nachdem 2022 der Autokrat Tamim bin Hamad Al Thani ein katarisches Gewand um den überrumpelten Messi gelegt und damit das eigene Emirat symbolisch auf jedem Siegerbild verewigt hatte, und 2023 der damalige spanische Verbandspräsident Luis Rubiales seine Spielerin Jenni Hermoso mit einem übergriffigen Kuss demütigte. Wer mehr über den Zustand des internationalen Fußballs wissen will, braucht sich nur WM-Siegesfeiern anzusehen.

Die extra laut gedrehte Musik konnte übrigens nicht verhindern, dass die Buhrufe gegen Trump und Infantino deutlich vernehmbar waren, als die beiden das Spielfeld betraten. Gern wollte Donald Trump den Pokal überreichen, als erster Staatschef überhaupt und mit klarem Narrativ: ein Weltmeister von Gnaden eines US-Präsidenten. Fifa-Präsident Gianni Infantino dürfte indes aufgefallen sein, dass nach all den Vorwürfen, er habe den Fußball in Trumps Hände gegeben, es vielleicht ungünstige Bilder produzierte, wenn er den WM-Pokal wörtlich Trumps Händen überließe.

So tänzelten die beiden im Gleichschritt in Richtung des spanischen Teams, mit allen vier Händen am Pokal. Die zutiefst lächerliche Szene hatte etwas von Verrenkung beim Kindergeburtstagsspiel. Und jeder wollte steuern.

Nach der Übergabe weigerte sich Trump zunächst, die Bühne zu verlassen, wie schon bei der Klub-WM. Infantino machte einen halbherzigen Versuch, ihn aus dem Weg zu zupfen, dann überließ er dem faschistoiden Milliardär und Kriegstreiber höflich das Podium. Und Trump platzierte sich auf dem Siegerfoto. Welche Regierung diese WM zur Imagepflege nutzte, auch das also wird künftigen Generationen bildlich in Erinnerung bleiben.

Am Ende hat der Fußball gewonnen

Sportlich immerhin lässt sich bilanzieren, dass der Fußball am Ende gewonnen hat. Und das, obwohl es zwischenzeitlich wirkte, als hätten die USA und die Fifa ein allzu spürbares Interesse an einem WM-Titel für Messi in seiner Wahlheimat. Spanien hat das zu verhindern gewusst. Das Team von Luis de la Fuente hat den Wettbewerb dabei nicht zweifelsfrei dominiert.

Auch im Finale war spürbar, dass oft ein klassischer Vollstrecker im Sturm fehlt und zu viele gute Chancen nicht verwertet werden. Etwas zu kompliziert wollten es die Spanier machen. Aber am Ende machten sie es eben. Die Argentinier erwiesen sich als so schlechte Verlierer, wie sich schon während des Spiels befürchten ließ. Leandro Paredes ging nach Abpfiff erst Eric García an die Kehle und schlug dann Gavi ins Gesicht, er sah dafür Rot. Gewonnen hat am Ende der Anstand im Fußball. Zumindest ganz kurz mal bei dieser WM.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

19 Kommentare

 / 
  • "Dessen Spielidee bestand darin, Spanien mit nickeligen Fouls das Fußballspielen madig zu machen. Zumeist gelang das."



    Am Ende bleibt der Eindruck, dass annähernd jeder Finalgegner aus der Gruppe der teilnehmenden Nationen sich wahrscheinlich vor dem Weltpublikum dann doch besser benommen hätte als die Argentinier.



    Die mach(t)en aus dem Spiel im Zweifelsfall einen einseitig erklärten "Beinahe-Treter-Kleinkrieg" auf dem grünen Geläuf, dies Unterfangen war schon früher in der WM-Geschichte manchmal eher peinlich als männlich.



    Bitte zukünftig eher rigoros das Motto: "Karten raus!"



    Schließlich können wir alle Einstellungen und Statistiken auch verfolgen.

  • Mein Eindruck von zumindest Teilen der argentinischen Mannschaft und ihres Anhänge hat sich bestätigt. Nicht gegen den genialen Spielmacher und großen Sportsmann Lionel Messi, aber sein übles Gegenstück in der Mannschaft ist natürlich Leandro Paredes, kein jugendlicher Hitzkopf, sondern ein gestandener Spieler und Familienvater von 32 Jahren. Treffende Bemerkung im Netz: Wie will der, das was er nach dem Abpfiff getan hat, einmal seinen Kindern erklären? Oder will er, dass sein Sohn schon im Kindergarten den anderen zeigt, wer Chef im Ring ist?



    Und im Netz tauchten zuverlässig heute früh schon Die ersten Kommentare auf, in denen die argentinische Mannschaft als Opfer unfair spielender Spanier und eines parteiischen Schiedsrichters beschrieben wird.



    Das Schlimme ist, dass hier Rechte und selbsternannte Linke sich hier einig sind.



    Die argentinische Fußball-Ideologie, die immer auch politische Ideologie ist, wird hier sehr treffend beschrieben:



    taz.de/WM-Halbfina...edeutung/!6195601/

  • Die rote Karte nach dem Abpfiff, darf der Paredes dann bei der nächsten WM einmal aussetzen?



    Das Gehampel hätte sich Trump auch schenken können, die Bilder bastelt doch die KI nach belieben.

  • Wär ja auch der „Oberhammer“ gewesen, wenn diese ungehobelte Truppe (mit vielfach ungestraften Handlungen) Weltmeister geworden wäre.

  • Höchst Verdient gewonnen! Die Peinlich Show von Trump einfach gut überstanden.



    Gratulation an Spanien! :)

  • Ich wollte, dass Mexico oder der Iran Fußball-Weltmeister werden. Ein Land, welches Donald Trump aufgrund seines Rassismus nicht mag.

    Spanien? Ist okay. Die haben gegen Trump ein Veto eingelegt wegen seiner Militäreskapaden im Iran.

    Argentinien wäre ein Disaster gewesen, weil dann Trump und Milei zusammen stolz verkündet hätten, wie stark die Partnerschaft ist und was für Übermenschen die Argentinier seien.

    • @Troll Eulenspiegel:

      Mexiko und Iran ein Land? Ich bezweifle,dass die Mullahs eine (noch dazu jüdische) Frau, wie Claudia Sheinbaum in der Regierung akzeptieren würden. Aber Sie hätten ihnen ja den Propaganda-Erfolg Fußball-Weltmeister gegönnt. Gut, dass daraus nichts geworden ist...

    • @Troll Eulenspiegel:

      Genau.

      Wenn Chamenei junior dann die Überlegenheit der iranischen Theokratie und des schiitischen Islams am Beispiel der gewonnenen WM erläutert, ist das eine Aktion für Demokratie und Weltfrieden.

      Sie haben schon Humor.

    • @Troll Eulenspiegel:

      Und ich dachte die ganzen fünf Wochen lang, es ginge um Fußball und nicht darum, welche Politikernase besser gefällt. Aber scheinbar wurde hier Weltpolitik gemacht.

  • Nun hab ich mir die Siegerehrung extra nicht angeschaut, um den Clown nicht sehen zu müssen. Könnt ihr es nicht einfach lassen, ihm zu gönnen, daß ihr ihn erwähnt?

    • @axiom:

      Da es unwahrscheinlich ist, dass er den TAZ Artikel ausschneidet und in sein Album klebt, kann man ihn in dem gut geschriebenen Artikel ruhig erwähnen, zu weiteren Bestätigung seines Narzismusses und dem fehlenden Anstand.

      PS Es ist leider auch schwierig, einen online Artikel auszuschneiden und zu kleben.

  • Der Auftritt der Argentinier war schon arg peinlich.



    Eine robuste Defensivtaktik gegen einen technisch und spielerisch starken und überlegenden Gegner ist natürlich legitim und nicht zu beanstanden.



    Dieses Spiel mit unzähligen Nickeligkeiten bis hin zu offenen und leider kaum geahndeten Tätlichkeiten seitens der Argentinier ist man auch seit Jahrzehnten gewohnt. Das konsequent zu ahnden wäre Aufgabe des Schiedsrichters. Wenn dieser das weitestgehend laufen lässt, gibt es keine Veranlassung, das zu unterlassen. Wobei der Schiedsrichter gestern alles in allem schon in Ordnung war.



    Aber dass man erst in der Verlängerung zum ersten Schuss auf das Tor überhaupt kommt, das ist schon verheerend. So etwas Schlechtes habe ich in einem Finale noch nie gesehen.

  • Fußball wird immer politisiert und natürlich lässt sich Donald Trump in seiner ewigen stümperhaften Gier so etwas nicht entgehen.

    Trotzdem muss ich bemerken, dass wirklich das beste Team gewonnen hat (Spanien fehlt definitiv ein Haaland, Mbappé oder Kane, dann wären sie perfekt). Ihr Spielen ist - wie bereits in den 10er Jahren - megalangweilig anzusehen, jedoch in der Kontrolle beeindruckend.

    Meine Sympathie ist immer bei dem französischen Team, das ich seit 1998 liebe. Die spielten schöner, nur leider weniger erfolgreich. Spanien war einfach besser, effizienter. Weit weniger instabil. So ist das Leben.

    Kurz: Sportlich alles in allem ok (abgesehen von einigen Fehlentscheidungen), normales Maß an Missbrauch und Korruption (Trump und Fifa). Bitte keine Halbzeitshows.

    • @Stavros:

      Gerade weil sie keinen Haaland, Kane oder Mbappe haben, sind sie so stark. Bei den Spaniern ist jeder Spieler ersetzbar. Selbst Rodi wurde ausgewechselt, und es gab keinen Qualitätsverlust.

  • Technokratenkicker aus Spanien gegen testosterongesteuerten Schlägertrupp aus Argentinien, man hat sich lange gegenseitig das Spiel zerstört, sah nicht nach dem Gipfel im Weltfußball aus. Superätzende Halbzeitshow, die man ebenso wenig gebraucht hat wie die Abschlussveranstaltung. Natürlich Trump-Peinlichkeiten am Ende, reicht dann jetzt auch.

  • Endlich vorbei!

    • @Ki. Ki.:

      Wahre Worte!

  • Wenn jetzt noch der spanische König seinem grinsenden Premier die Bühne überlassen hätte, gegen jeden Comment, nur um Trump zu ärgern ...



    Vorbei jetzt, Hände waschen, weiter.

    • @Janix:

      Ja, das wäre ein Highlight gewesen :-)