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Umbau der Bundesregierung Ein bisschen Diversität, endlich

Sabine am Orde

Kommentar von

Sabine am Orde

Endlich setzt Merz nicht nur auf Männer, die so ticken wie er. Das ist nötig, um seine Kanzlerschaft herumzureißen. Aber das allein wird nicht reichen.

D er Rücktritt von Jens Spahn war ein unverhofftes Sommergeschenk für den Kanzler. Völlig eigenständig hat der eigentlich so ausgebuffte, bislang so mächtige, jetzt ehemalige Fraktionsvorsitzende der Union den eigenen Rücktritt unvermeidlich gemacht – in den Augen der Öffentlichkeit und einer breiten Mehrheit in der CDU. Zwar verliert Friedrich Merz damit einen Fraktionschef, der zuletzt eine tragende Säule der Koalition war.

Aber Merz ist eben auch kampflos einen einflussreichen Konkurrenten los, auf den er einerseits angewiesen war, dem er anderseits nie ganz trauen konnte. Mit einem vakanten Posten kann er nun sein Kabinett umbilden, ohne als Startschuss gleich jemand feuern zu müssen, wovor er sich offenbar scheute.

Es ist eine Chance, seiner Regierung einen Neustart zu verpassen, was ohne Zweifel notwendig ist. Die schlechte Meinung über ihn und seine Koalition hat sich derart verfestigt, dass auch ein paar aus Unionssicht gelungene Reformen daran nichts ändern werden. Mit Merz’ Arbeit sind nach dem jüngsten ARD-Deutschlandtrend fünf von sechs Deutschen unzufrieden. Das ist der schlechteste Wert, der in der 30-jährigen Geschichte des Deutschlandtrends je von einem amtierenden Kanzler gemessen wurde. Und nach verschiedenen Umfragen liegt die AfD derzeit 5 Prozentpunkte vor der Union. 5 Punkte!

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Hat Merz diese Chance nun genutzt? Jein. Er hätte seine Wirtschaftsministerin ersetzen können, die ideologisch getrieben fossile Politik betreibt und gänzlich unfähig erscheint, gegenüber den mitunter gebeutelten Bür­ge­r:in­nen auch nur den Hauch von Mitgefühl auszustrahlen. Stand jetzt aber bleibt sie. Auch dass unter dem bisherigen CDU-Generalsekretär die Gesundheitspolitik weniger soziale Schieflage erhält, was für das Gerechtigkeitsgefühl in der Bevölkerung wichtig wäre, kann man bei dem wirtschaftsliberalen Carsten „Einfach mal machen“ Linnemann wohl ausschließen. Karl-Josef Laumann vom CDU-Sozialflügel aus Düsseldorf nach Berlin zu holen oder Dennis Radtke aus Brüssel wäre ein anderes Zeichen gewesen: nämlich dass Merz verstanden hat, dass er die inhaltliche und personelle Verengung der Partei zu weit getrieben hat.

Aber diese Personalrochade ist auch nicht nichts. Im Gegenteil. Merz geht ins Risiko. Drei zentrale Schaltstellen von Regierung und Partei besetzt er neu: das Kanzleramt, den Fraktionsvorsitz und mit dem Generalsekretär auch die Partei, was vor den anstehenden Landtagswahlen im Herbst bemerkenswert ist. Und auch der tatenlose Verkehrsminister Patrick Schnieder muss offenbar gehen, auch wenn es Merz am Freitagmorgen noch nicht bestätigt hat. Dass Merz Thorsten Frei – trotz seiner Fehler – vom Kanzleramt auf den Fraktionsvorsitz weglobt, ist dabei wahrscheinlich noch die geringste Herausforderung.

Merz hat in der CDU kein großes Netzwerk von Menschen, das er über Jahrzehnte aufgebaut hat und denen er vertraut. Er hat sich bislang mit einem kleinen Führungszirkel umgeben, der sich durch Loyalität auszeichnet und dadurch, dass alle so ticken wie Merz. „Boy-Group“, so wird dieser Kreis, zu dem Frei und Linnemann gehören, genannt. Alles Männer, alle westdeutsch, alle wirtschaftsliberal und gesellschaftspolitisch konservativ. Kein Korrektiv weit und breit. Das ist ein Problem für Merz' Kanzlerschaft.

Ein heterogener Blick würde Fehler verhindern und neue Perspektiven eröffnen. Auch könnten andere das kompensieren, was Merz fehlt: Empathie zum Beispiel, Fingerspitzengefühl und eine gewisse Leidenschaft für soziale Gerechtigkeit. Und wenn er es selbst nicht vermag, eine Zukunftsgeschichte für dieses Land zu erzählen, könnten sich nicht andere an diese Erzählung machen?

Mehr Frauen an der Macht

Mit Nina Warken wird nun erstmals eine Chefin ins Kanzleramt einziehen. Und sollte Franziska Hoppermann neue CDU-Generalsekretärin werden, würden gleich zwei Frauen in den engeren Machtzirkel vorstoßen. Zwei Frauen zwar, die ihre politschen Aufstieg Merz zu verdanken haben. Aber auch zwei, die sich beide in der Frauenunion engagieren, in der eine gehörige Skepsis gegen Merz herrscht. Die beiden Frauen wären dann auch Teil des mächtigen Koalitionsausschusses – die CDU wäre dort plötzlich mit mehr Frauen vertreten als die SPD. Dass Hoppermann aus dem CDU-Sozialflügel kommt, verbreitert die Perspektiven zusätzlich. Und dann ist da noch der Ostdeutsche und mit 33 Jahren relativ junge Philipp Amthor, der allerdngs bereits einen Lobbyskandal hinter sich hat, als neuer Bund-Länder-Koordinator; diese Zusammenzuarbeit zu verbessern, ist dringend notwendig.

Die Portion Diversität, die Merz sich jetzt traut, ist wichtig, allein mit seiner kleinen Männertruppe wird diese Kanzlerschaft nichts mehr werden. Ausreichend aber ist diese Öffnung natürlich nicht. Die Neuen müssen beweisen, dass sie ihre Jobs beherrschen – ohne allzu viele handwerklichen Fehler, wie sie der Union bislang in der Regierung unterlaufen sind. An Warken gab es, wie auch an Frei, deutliche Kritik. Dass es bei der Gesundheitsreform, die eigentlich ein Sparpaket ist, an eigenen Impulsen gemangelt habe etwa, auch weil Warken das Thema wohlmöglich nicht durchdrungen habe. Auf Frei und sie aber kommt es jetzt besonders an. Merz ist ins Risiko gegangen. Seine Zukunft hängt von ihnen ab.

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Sabine am Orde

Sabine am Orde Innenpolitik

Jahrgang 1966, Politikwissenschaftlerin und Journalistin. Seit 1998 bei der taz - in der Berlin-Redaktion, im Inland, in der Chefredaktion, jetzt als innenpolitische Korrespondentin. Inhaltliche Schwerpunkte: Union und Kanzleramt, Rechtspopulismus und die AfD, Islamismus, Terrorismus und Innere Sicherheit, Migration und Flüchtlingspolitik.
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17 Kommentare

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  • Dass Amthor, der seine politische Karriere mit Skandalen begonnen hat, in der Union immer noch als „politisches Talent“ gehandelt wird, zeigt den maroden Zustand der Partei.



    Was die Diversifizierung betrifft, so trat die Ampel mit einer paritätischen Gruppe aus Minister*Innen und Staatssekretär*Innen auf. Dass die Union nun, mehr zufällig als geplant, die „erste Staatssekretärin im Kanzleramt einsetzt, ist demgegenüber unbedeutend.



    Warken hat sich mit der Ankündigung einer Reform wenig Freunde gemacht.



    Dass nun Jemand anderes die Arbeit machen soll, ist auch nicht besonders nett.



    Betrachtet man die Beliebtheitswerte der Politiker*Innen, so wäre es zielführend, Reiche auszutauschen.



    Der Austausch des Verkehsministers wäre demgegenüber belanglos.



    Da muss noch viel gearbeitet werden, bevor sich Ergebnisse zeigen.



    Grundsätzlich ist so eine Kabinettsumbildung natürlich nur Makulatur.



    Statt schneller, wird es eher mehr Zeit brauchen, bis sich die Neuen in ihr Amt eingearbeitet haben, ganz zu schweigen von konstruktiven Ideen an der neuen Stelle.



    Es ist bemerkenswert, was Andy Burnham in England in den ersten Tagen so alles verändert, doch sowas ist mit der piefigen Union unmöglich.

  • Stuhltanz bleibt Stuhltanz, völlig egal, welcher Name auf dem Stuhl sitzt. Wenn dieser Name nicht die richtigen Weichen stellt, dass in Dtl, die Wirtschaft in Gang kommt, genau das ist von niemandem, auch von niemander aus der cdu zu erwarten.



    In der Diagnose und den möglichen Antworten der cdu darauf, wird sich nichts verändern.



    Ob Frei ob sonstewer, letztlich egal... ein Befreiungsschlag ist so faktisch unmöglich, nur ein großer Zufall, der aus dem Ausland die dt Situation positiv beeinflußt ist der einzige Hoffnungsschimmer.



    Aber eher friert wohl die Hölle zu....

  • Ist denn Diversität eigentlich ein Selbstzweck?

    Hatte der Feminismus nicht auch mal den Anspruch, das weibliche Macht dann auch für eine menschlichere, sozialere Politik sorgen kann?



    Erfüllt die Klimaleugnerin Reiche diesen Anspruch?



    Oder Fr Bas mit dem Einreißen der sozialen Sicherungssysteme, Fr Hubert mit ihrer skandlösen Untätigkeit im Wohnungsbau, Frau Warken im Schleifen des Gesundheitssystems, Fr Prien mit einer klassenfeindlichen Schul- und Familienpolitik?

  • diese diversität im cdu/csu-kabinett arbeitet kräftig daran mit, allen sonstigen denkbaren formen von diversität die lebensmöglichkeiten zu beschneiden und die zukunftschancen zu verbauen

  • An diesem Kabinett ist nichts Gutes, auch bei der SPD: Der Versuch Klingbeils, sowohl der Forschungsministerin (Bafög) als auch der Familienministerin (Kürzung bei Alleinerziehenden) schwarze Petris zuzuschanzen, beweist das Hauen und Stechen, bei dem Merz -unfähig und blind, wie er nun mal ist- jegliche Kanzlerqualitäten vermissen lässt. Die letzte Patronen dieser Form von Parlamentarismus wirken als Platzpatronen zum Schaden demokratischer Umgangsformen. Von Krisenbewältigung, ja schon vom Erkennen der Probleme, ist eigentlich nichts zu bemerken, zu abgehoben und nur mit sich selbst beschäftigt ist diese 'Koalition'.

  • Nina Warken führt zu mehr Diversität weil sie eine Frau ist



    selten so gelacht



    die is ne neoliberale Nullnummer wie der Rest der CDU



    die Regierung wird durch diese Person höchstens auf dem Papier diverser



    an ihrer menschenverachtenden Politik wird sich dadurch auch nichts ändern

  • "Ein bisschen Diversität, endlich"



    Es sei angemerkt, dass Diversität des Personals als solche keinerlei Nutzen für anständige Politik bringt.

  • Was macht den Unterschied, wenn er Frauen mandatiert, die "so ticken wie er"?

  • Linnemann war vielleicht mal Teil der Merz-Boys, mittlerweile haben sich die beiden aber sehr entfremdet.



    Die vermeintliche Beförderung zum Minister bindet einen Kritiker in die Kabinettsdiziplin ein, gleichzeitig hat der dann keinen direkten Zugriff mehr auf die Parteiorganisation.

    Erstaunlich clever für Merz, bisher ist er ja nicht durch strategisches Vorgehen aufgefallen.

  • Das ist das reinste Gruselkabinett! Warken, Amthor, Frei.....Während ich den SPD Ministern allesamt wenigstens Note 3 vergebe da keiner negativ heraussticht und Klingbeil 2, - bekommt Warken, Linemann, Span (zum Glück weg), Reiche eine 6, andere 5. Nur Merz mit Note 3, Dobrindt und Weimar mit 2 sind positive Ausreißer. Ich wünsche mir bitte Grün-Schwarz (plus ggf. Rot!) mit Habeck als Kanzler + Finanzminister wenn es ginge.

  • Mit mehr Diversität wird die gleiche reaktionäre Politik doch gleich viel besser!

  • nach der gleichen Logik hätte man sich auch über meloni freuen müssen. Käse bleibt käse, egal welches Geschlecht.

  • Hoffentlich hält er noch sehr lange an Frau Reiche fest. Sie ist die Einzige, die nachvollziehbare Wirtschaftspolitik macht.

  • Wenn der Karren tief im Dreck ist, dürfen offenbar auch Frauen etwas werden auf der rechten Seite der Politik.



    Wenn sie miese Politik machen, bliebe es übrigens miese Politik, um auch das in Erinnerung zu rufen. Warkens unsoziale Schlagseite, Reiches ideologische Klientelpolitik, ...

    • @Janix:

      eben, auf den Inhalt kommt es an, nicht auf Parteibuch, Geschlecht oder sexueller Orientierung (oder jeglichem anderen Gruppenstatus), sonst müsste ja nach Spahn ja alles bestens sein.

    • @Janix:

      Absolut korrekt. Die Frauen in Merz Kabinett machen zum grossen Teil eine absolut miserable Politik (Reiche. Warken, Prien, Bas).. Nicht, dass die Männer bessere Politik machen würden (Klingbeil, Weimar, Schnieder, Merz)



      Aber das interessiert die taz weniger. Hauptsache mehr Frauen und mehr Diversität.

      Das Ergebnis werden AfD-Regierungen im Herbst in den Ländern sein und noch vor 2029 im Bund.