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Wahlverhalten in Sachsen-AnhaltEs sind Faschisten – und nicht bloß unglückliche Dödel

Niemand, der die AfD wählt, soll sich auf Frustration und Zukunftsängste berufen. Wer Faschisten wählt, nimmt freudig die Jagd auf Andersdenkende auf.

D ie Wahllokale in Sachsen-Anhalt waren gerade erst eröffnet, da setzten schon die verharmlosenden Sprachspiele ein, die stets wie eine tibetanische Gebetsmühle in Schwung gebracht werden: Sind ja nicht alles Nazis, die meisten AfD-Wähler seien einfach frustriert. Doch nach diesem Wahlkampf kannte wohl jeder die radikalen Figuren hinter dem dauergrinsenden Uli mit dem Hamsterblick. Jede Wählerin konnte wissen, welch eine radikale Partei die AfD in Sachsen-Anhalt ist. Niemand hat sich hier aus Frust verwählt.

Wer im vollen Bewusstsein eine faschistische Partei wählt, ist ein Faschist, und nicht bloß ein unglücklicher Dödel, der nicht weiß, was er tut. Gewiss wäre die Sache weniger katastrophal ausgegangen, wenn es nicht ein gut begründetes Gefühl der Verunsicherung, Zukunftsangst und auch Kränkungen gäbe, die viele Menschen empfinden; vermutlich wäre es auch glimpflicher gekommen, würde in Berlin nicht eine weitgehend dysfunktionale Koalition regieren, mit Friedrich Merz an der Spitze, der personifizierten Unfähigkeit.

Aber nichts davon schafft die Verantwortung der Wählerinnen und Wähler aus der Welt, die bereit waren, bei Hasspredigern ihr Kreuz zu machen – und die das sogar noch in weiten Teilen mit Begeisterung taten. 43,8 Prozent in Sachsen-Anhalt, das ist wie ein Beweis aus dem Labor, wie die Verwandlung von Menschen geschieht, wie man sie durch Agitation und Propaganda dazu bringt, die Häme, die Bösartigkeit zu bejubeln und die Freude daran, Rache an den scheinbaren Feinden zu nehmen.

Wetten, die Demokratie gewinnt? ​

Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie hier.

Seien das Künstler, innere Feinde, die „Betrüger“ aus den „Altparteien“, die Ausländer, wer auch immer. Die Agitation und Propaganda, mit der die Faschisten und ihre Helfershelfer in Boulevard und Pseudomedien die Menschen Tag für Tag beschießen, versetzt diese in einen Zustand permanenter Erregung und Empörung und in eine paranoide Pseudorealität, indem ihnen in den Kopf gehämmert wird, dass die Welt ein düsterer Ort ist, in dem sie täglich unter die Räder kommen; ein Gewaltpfuhl und Kriminalitätsloch.

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Sadismus ersetzt Empathie

Im zweiten Schritt wird ihnen erklärt, dass das nicht einfach ein beklagenswerter Prozess ist, sondern hinterhältig von sinistren Kräften und betrügerischen Feinden des Volkes so eingefädelt wird. Dann aber, drittens, wird ihnen zugerufen: Die Rettung naht, in Gestalt des Anführers oder der Gruppe an Heilsbringern, die nicht nur die Erlösung bringen, sondern mit den Kräften des Bösen abrechnen werden. Was diesen angetan werden wird, das ist sogleich Gegenstand lustvoller Ausmalung, von Grausamkeitsrausch und Härteekstase.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Mit der Botschaft der Angst und dem Schüren der Lust an der Grausamkeit werden die Menschen allmählich in andere verwandelt. Empathie wird ausgeschaltet, Sadismus gesteigert, und bei allen anderen wird ein Prozess der Gewöhnung verstärkt. Der Prozess der Faschisierung ist ohne diese Massenpsychologie nicht zu verstehen, zumal die Anhängerschaft nicht einfach „verführt“ ist, sondern mit ihrem hoch affektiven Mittun sich wechselseitig auch noch radikalisiert.

Anhänger werden in Wütende verwandelt, in Raserei versetzt, das Ressentiment wird ihnen zur zweiten Natur, die Verbitterungsstörung zu einem zentralen Charakterzug. Zugleich kann das auch, wie wir sehen, mit Euphorie einhergehen. Studien haben gezeigt, dass Menschen, kommen sie in die Fänge dieser Agitation, zunächst deutlich unglücklicher werden – bis sich die (Un-)Glücklichkeitskurve wieder leicht nach oben bewegt.

Der Zornesmensch, dessen Negativismus radikalisiert wird, empfindet ein Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe der anderen Rasenden, was seine Stimmung wieder hebt. Dieses Gemeinschaftsgefühl hat man in diesem Wahlkampf gut erkennen können, nicht zu Unrecht haben Beobachter beschrieben, dass die AfD-Kampagne Züge einer euphorischen „Bewegung“ angenommen hatte.

Nur keine abfälligen Kommentare

Da man dies alles ohne das Vokabular der Massenpsychologie gar nicht akkurat beschreiben kann, wird man die Verwandlung der Anhänger in Rasende und Verbitterte nicht verstehen können ohne die Begrifflichkeiten der Psychologie. Ironischerweise bekommt man gelegentlich zu hören, man solle doch Menschen mit anderen als den eigenen Ansichten nicht pathologisieren. Was natürlich theoretisch richtig wäre, wenn es sich bloß um Ansichten handeln würde und nicht mit hohem affektivem Furor vorgetragene Besessenheiten.

Wer im vollen Bewusstsein eine faschistische Partei wählt, ist ein Faschist und kein Dödel

Aber gerade diese sind es ja, die die Anhänger der faschistischen Bewegungen zu erbitterten Gefolgsleuten machen. Die Agitation zielt direkt auf deren psychischen Apparat. Und im Übrigen wissen wir natürlich auch aus anderen, persönlicheren Krisen, was Instabilität, Reizbarkeit, Verdunklung des Seins, chronische Belastungen und anders mit uns machen können, nämlich eine schleichende Verwandlung unseres Wesens. Genauso ist es da, wo sich das Soziale und das Individuum kreuzen.

Somit ist die politische Krise, in der eine Gesellschaft steckt, in der abermals Rechtsradikale einen solchen Zuspruch erfahren, eine, die in einem eminenten Sinne „Heilung“ verlangt als bloß im metaphorischen. Man kann beinahe sagen, dass es eine Maxime aus dem Themenkreis des „Woken“ geworden ist, nur ja nichts Abwertendes über den psychischen Zustand von Menschen zu sagen, während die Rechtsradikalen sich verständlicherweise dagegen wehren, irgendwie als durchgeknallt dargestellt zu werden.

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Lustigerweise ist das wahrscheinlich die einzige Thematik, bei der es eine Woke-Faschisten-Allianz gibt. Theodor W. Adorno hat in einer Ära ohne solche Empfindsamkeiten, Jahrzehnte nach den „Studien über den autoritären Charakter“ in der 60er-Jahre-Bundesrepublik davon gesprochen, dass das Individuum, das den Autoritären nachläuft, „ähnlich wie in einer bestimmten Form der Geisteskrankheit, nämlich in der Paranoia“ gefangen ist und in einen Zustand gerät, in dem die „Aggression kein Ende“ nähme.

Der Rechtsradikalismus verspricht seinen Anhängern sadistischen Lustgewinn. Brandmauern gegen Parteien reichen nicht. Die halten nicht ohne Dämme gegen die Gefühlsrohheit.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Robert Misik

Robert Misik

Geboren 1966, lebt und arbeitet in Wien. Journalist, Sachbuchautor, Ausstellungskurator, Theatermacher, Universaldilettant. taz-Kolumnist ("Das Schlagloch"), als loser Autor der taz schon irgendwie ein Urgestein. Schreibt seit 1992 immer wieder für das Blatt. Jüngste Buchveröffentlichung: "Erziehung der Grausamkeit" (Suhrkamp-Verlag) Davor Autor von Büchern wie "Genial dagegen", "Marx für Eilige", "Die falschen Freunde der einfachen Leute" oder "Das große Beginnergefühl. Moderne, Zeitgeist, Revolution" usw. Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik 2009, Preis der John Maynard Keynes Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik 2019.
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23 Kommentare

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  • Wanderin

    Teilweise scheinen ja auch schon taz Autoren im Euphorie-Taumel vom AfD Wahlkampf zu berichten: "Nicht die AfD ist ausmobilisiert, wie man lange hoffte. Die Demokraten sind es. (...) Warum? Eine Antwort ist: AfD wählen macht gute Laune. (...) Nun aber hat die schlechte Laune die Seiten gewechselt. Es sind die Parteien der Mitte, die sagen, was alles nicht geht. Die Rechtsextremen dagegen laden zum Selfie ein, strahlen und schreiben auf ihre Plakate: Alles wird gut."



    .



    Die Medienstrategie hinter dem Personal Branding des AfD Kandidaten wird unhinterfragt übernommen ( "Sunnyboy") und vervielfältigt. Ich habe die Auftritte nicht gesehen, aber von der Beschreibung klingt die Masche, die mit Siegmund angetestet wurde, wie der Stil der US- Tele-Evangelisten oder säkularen US-Motivations-Coaches wie Tony Robbins.

  • Wanderin

    "Lustigerweise ist das wahrscheinlich die einzige Thematik, bei der es eine Woke-Faschisten-Allianz gibt."

    Ich kann die Seitenhiebe auf die Woken nicht mehr hören. Die waren die Kanarienvögel in der Grube, die vor 10 Jahren gesagt haben: der Rechtsextremismus ist nicht nur am Rand, er kommt aus der Mitte und ist breit anschlussfähig. Denn sie haben den rauen Wind am eigenen Leib gemerkt, anders als die Linken, die mit, sorry, aber: männlich, weiß, hetero-Norm- Status vor solchen Realitäten gut gepolstert waren oder nicht wirklich hinhören wollten, was in ihrer Umgebung für Bemerkungen fallen.



    .



    Anders als viele aus der linken Mitte wussten die Woken schon lange mit wem sie es zu tun haben. Diese Klarheit wurde ihnen ständig perfiderweise von Mitte links vorgeworfen- denn sie hätten mit ihrer Existenz die AfD provoziert und seien überhaupt erst Schuld am Entstehen der AfD.



    .



    Es sind nicht die Woken, die AfD- Wähler bemuttern und infantilisieren und davon reden, sie mit mehr "Daseinsfürsorge" und sozialer Politik zu belohnen. Es sind mittig Linke, keine Woken, die sich mit den AfD Wählern identifizieren und ihre Probleme in sie reinprojizieren, die der AfDler gar nicht hat.

  • Clobert

    Volle Zustimmung!Diesem Kommentar kann ich mich nur anschließen.

  • Elke Weyel

    Sehr gute Analyse

  • Abdurchdiemitte

    Ich stehe noch etwas unter dem Eindruck eines Videos des YouTube-Bloggers Marcant. Darin interviewte er Teilnehmer eine AfD-Festes in Querfurt in SAH.



    Die Interviewten, vornehmlich ältere Herren, machten keineswegs einen frustrierten, vielmehr einen hochmotivierten und aggressiven Eindruck.



    Vor laufender Kamera kam es sogar zu unmissverständlich antisemitischen Einlassungen.



    Das macht mir Angst, viel mehr Angst als lautstarke Proteste und ‚Yalla, Yalla Intifada‘-Rufe palästinensischer Aktivisten auf Berlins Straßen.



    Denn auf diesem AfD-Straßenfest in Querfurt hatte sich die neue Mitte der Gesellschaft versammelt.

  • oldshatterhand

    Tatsächlich die konistenteste und erklärungsmächtigste Analyse, die ich kenne. Wer & was sich dermassen von Sachlogik entkoppelt muss es aushalten, dass er/sie in psychologisierenden Begriffen beschrieben wird. Massenwahn.

  • Rinaldo

    Danke für diese klare Analyse und Darsteliung der Mechanismen der Massenpsychogie des Faschismus.

  • Perkele

    Niemand soll/darf sagen, er/sie hätte "...das nicht gewusst..." Bei den heutigen Gelegenheiten sich zu informieren, tausendfach, ist das kein Argument, eher Feigheit und Scham.

  • Deep South

    "Ironischerweise bekommt man gelegentlich zu hören, man solle doch Menschen mit anderen als den eigenen Ansichten nicht pathologisieren."

    Ach, kann man alles machen. Und im Prinzip isses ja nicht falsch zu sagen, wer Faschisten wählt und unterstützt macht sich verantwortlich. Die Frage ist, hat das unentwegte "Pathologisieren" der AfD geschadet? Hat es die Menschen davon abgehalten, ihr Kreuz dort zu machen? Hat es irgendeinen Mehrwert für den Kampf gegen Rechts gebracht, pauschal "den AfD Wähler" abzuheften?



    Wenn nicht, dann isses nichts als blasierte Selbstvergewisserung, dass man zu den Guten gehört. Die Rechten haben über die letzten Jahre hinweg kontinuierlich Menschen Millionen Wähler aus allen anderen Lagern abgezogen. Warum ist das so? Warum sind aus ehemaligen Demokraten Faschisten geworden? Warum wird nicht nur den GroKo Parteien mißtraut, sondern auch denen, die sich als Alternative wähnen? Das "linke Lager" hatte in SA 2011 52,3%. Heute jubelt man über die Hälfte. Weshalb hat man die Leute verloren?

    Da find ichs wirklich schwierig, dass man als Reaktion auf den Wahlsieg der AfD mit einem (Achtung Sarkasmus!) "Man wird doch wohl noch Faschist sagen dürfen" reagiert.

  • Hans Hauke

    Es gibt im Osten eine riesige, oft leise Mehrheit, die sich in Vereinen, Initiativen und der Zivilgesellschaft für Toleranz und Geflüchtete einsetzt. Diese geht in den lauten Medienberichten über Wahlergebnisse und Proteste oft unter. Das muss ich mir selbst immer wieder vor Augen halten, seit etwa zehn Jahren aus dem Westen kommend hier ansässig, nicht zu Hause.

    Ich kann die Hinweise auf Fehler der Treuhand und fehlende Anerkennung der Lebensleistung nicht mehr hören, sie verdecken die fehlende Aufarbeitung eines wirtschaftlich und soziokulturell gescheitertes System. Das Ergebnis sieht man in der Wahl vom vergangenen Sonntag in Sachsen-Anhalt.

    Es flossen Milliarden, wenn nicht Billionen und die Renten werden immer noch vom verhassten Westen subventioniert. Es gibt keinen Grund, zu übertriebener Rücksicht. Der Westen hat mehr als seine Schuldigkeit getan, unbenommen aller entstandener Härten. Jetzt muss der Westen darauf bestehen, dass die Verfassung durchgesetzt wird.

    Wir haben immer noch eine der besten Verfassungen der Welt und leben in einem der lebenswertesten Ländern der Erde

  • Nuklon

    Aber was bringt es die Wähler als Faschisten zu bezeichnen? Reaktion: dann bin ich halt einer, wenn ich die AFD wähle.



    Sie sehen es als Auszeichnung, nicht als Schandmal.



    Ich kann ihnen aber keine Alternative anbieten. Die anderen Parteien kommen mit ihrem Programm nicht an. Die merken dass ihnen bei der Wahl 2 Monate Aufmerksamkeit kommen, dann wieder Jahrelang vernachlässigt werden. Die AFD tourt seit 10 Jahren durch die Kneipen und verankert sich. Diffamiert erfolgreich alles andere ( Parteien, Schule, Institute).



    Immer nur mit der Gießkanne bissl Geld werfen funktioniert nicht, wenn die AFD emotionalisiert.



    Und selbst nach dieser Wahl werden die Parteien sich noch härter in Verteilungskämpfen zerfleischen, statt die großen Würfe zu machen.



    Jede Interessengruppe sieht ihr Thema als Lösung an, Experten werden weiterhin ignoriert und Lösungen aufgeweicht.



    Es wird nicht besser..

  • Offebacher

    Das Problem ist, was sollen die Menschen wählen, wenn in ihren Augen alle Parteien versagt haben? Dazu sagt Herr Misik leider nichts.



    In Ostdeutschland kommt dazu noch die Erinnerung an die Blockparteien, da konnte man zwar wählen, aber eben nur die Einheitsliste der Blockparteien - oder man hat das Wählen eben gelassen bzw. eine ungültige Stimme abgegeben, was an den Parlamentssitzen genau gar nichts geändert hat.



    Mir fällt da nur eine einigermassen praktikable Lösung ein, nach der auch nicht abgegebene oder ungültige Stimmen ein gewisses Gewicht haben, dass die Parteien auch bemerken: Wenn die Wahlbeteiligung gewisse Schranken unterschreitet, sinkt die Anzhal der Abgeordneten. Das ändert dann zwar nichts an der prozentualen Verteilung der Sitze, aber die Abgeordneten, die Angst um ihre persönliche Zukunft haben, würden dann vielleicht eher gegen unfähige Regierungen rebellieren. Außerdem wäre es ein Ventil, um die Wähler zu besänftigen, die einfach nur entäuscht und verärgert von den jetzigen Abgeordneten sind und diese durch Wahlverweigerung auch aus dem Parlament "rauswählen".

  • shitstormcowboy

    So genau ist. Und deshalb ist die Verweigerung des Verbotsantrags durch Merz Und Söder unverantwortlich, menschenverachtend und menschengefährdend.

  • EchteDemokratieWäreSoSchön

    Der Autor schreibt: "Wer im vollen Bewusstsein eine faschistische Partei wählt, ist ein Faschist"



    Ich finde einen solchen Satz absolut inakzeptabel. U.a. weil damit ca. 1 Million Menschen in Sachsen-Anhalt wohl als Faschisten abgestempelt werden sollen. Entspricht ein solcher Satz der Netiquette der taz? Oder gilt die Netiquette nicht für Autoren der taz selbst?

    Aber mal abgesehen davon, dass ich es für völlig inakzeptabel halte, 1 Millionen Menschen einfach mal so zu Faschisten zu erklären, hätte ich gedacht, dass das Verständnis der Problematik "Zu viele Wähler für die AfD" inzwischen weiter ist. Ein Teil der Wähler der AfD sind sicher Rechtsextremisten und vielleicht auch Faschisten. Aber ein großer Teil wählt die AfD, weil sie von diesen Parteien in den letzten Jahren und Jahrzehnten übel im Stich gelassen wurden. Und solange die AfD nicht verboten ist und solange die etablierten Parteien kein Angebot an diese Wähler machen für eine Politik, mit der diese zufrieden sind, haben die etablierten Parteien eine genauso große Schuld an diesem Problem wie die AfD-Wähler. Und AfD-Wähler zu verteufeln, ist weder zielführend noch gerechtfertigt. Wie Schulze sagte: Das ist Demokratie.

  • Volker Scheunert

    Ganz soweit, wie der von mir hochgeschätzte Robert Misik, AfD-Wähler in ihrer Gänze als Faschisten zu bezeichnen, würde ich nicht gehen, aber Adornos "autoritärem Charakter" entsprechen sie wohl so ziemlich alle - und daher würde ich für keinen AfD-Wähler in Sachen demokratische Gesinnung (Eintreten für Gewaltenteilung, gleiches Recht für alle, Aushandeln von Kompromissen, Mehrheitsbeschlüsse unter Berücksichtigung von Minderheitenschutz, Unantastbarkeit der Würde JEDES Menschen) meine Hand ins Feuer legen...

  • MarsiFuckinMoto

    Kann man so schreiben, bringt halt nichts. Herr Misik sollte es (eigentlich) besser wissen, er kriegt es in Österreich doch hautnah mit: hat es was gebracht, die FPÖ Wähler zu beschimpfen? In der letzten Umfrage stand die Partei bei knapp 40%... Oder auch hier, in Richtung der TAZ: Es gibt zig Kommentatoren, die hier die AFD und deren Wähler beleidigen. Ich persönlich habe damit kein Problem (ich bin ja nicht gemeint), aber zu glauben, dass eine Shurjoka, ein Staiy (linke Influenzer, wobei das für viele Linke wohl eine Beleidigung wäre, aber vielleicht ist das auch mein Problem mit „Tastaturaktivisten“ oder auch ein Herr Misik mit platter und pauschaler „Fascho-Kritik“ auch nur irgendwas an zukünftigen Wahlergebnissen ändern: das ist halt naiv und wohl auch nicht die Intention. Letztere ist wohl eher, die eigene Bubble zu bedienen, die aber EH schon dieser Meinung ist. Wie sagte Maxim von KIZ: „Das Einzige was mich zum Schweigen bringt ist Applaus“... Schafft man mit solchen Texten sehr schnell, nachhaltig ist bes halt null Komma null. Schade, wertvollen Platz in der TAZ verschenkt

  • apfelkern

    Genau so.



    AgD-Wählende wissen genau, wen sie wählen und haben eine hämische Freude, allen, die als Gegner:innen ausgedeutet wurden, eins auf den Deckel geben zu können.



    Remigration gibt ihnen ein Gefühl der Macht.



    Sie wollen genau diese "wohldosierte Grausamkeit" wie Höcke es nennt.



    Es sind Rassist:innen und Faschist:innen per defintionem.

    Danke für den Hinweis im Artikel auf die Forschung zur Massenpsychologie.

  • Andreas_2020

    Der Stand der politischen Bildung ist in Deutschland m.M. nicht besonders hoch. Gerade Geschichtsunterricht ist in vielen Bundesländern kein durchgehendes Fach mehr, sondern Teil einer Fächerkombination aus Wirtschaft, Gesellschaft, Geschichte, Erdkunde. Und das bedeutet, dass viele Menschen inzwischen wenig Ahnung von deutscher Geschichte haben und viele auch nie einen echten Politik-Unterricht hatten. Viele Kinder und Jugendliche fahren nie mit ihrer Schule zu einer NS-Gedenkstätte oder besuchen ein ehemaliges KZ.



    Dass diese Menschen keine Hemmungen haben, eine Partei zu wählen, die mehr oder weniger immer mehr auf einen utlrarechten, rechtsextremen und rassistischen Kurs einschwenkt, das überrascht mich nicht.



    Und richtig. Wer so wählt, der handelt, der läuft nicht mit oder schluckt was runter. Und die Problemlösungsideen der AfD sind mehr oder weniger Müll. Rein sachlich will diese Parteie eine Menge Mist erreichen, aber sie sind rassistisch und nationalistisch, sie werten die niedrigsten Nationalgefühle der Menschen auf.

    • Wanderin

      @Andreas_2020:

      Ich bin auch immer wieder überrascht, wenn ich in den Kommentaren so was lese wie, in etwa: "Hää was für Rechtsextremismus? Die Nazis sind doch schon tot."

      Und das ist völlig ernst gemeint.

      Ideologische Kontinuitäten, die nicht nur Antisemitismus umfassen, scheinen nicht verstanden zu werden? Darum gelten auch alle als enorm nervig, die auf diese hinweisen.

      Gleichzeitig wird gerne selbstgewiss behauptet, man sei schon weltweit einsame Spitze im Aufarbeiten der Vergangenheit, eine weitere Vertiefung des Themas sei gar nicht nötig.

  • Fritz Müller

    "das ist wie ein Beweis aus dem Labor, wie die Verwandlung von Menschen geschieht, wie man sie durch Agitation und Propaganda dazu bringt, die Häme, die Bösartigkeit zu bejubeln und die Freude daran, Rache an den scheinbaren Feinden zu nehmen

    Anhänger werden in Wütende verwandelt, in Raserei versetzt, das Ressentiment wird ihnen zur zweiten Natur, die Verbitterungsstörung zu einem zentralen Charakterzug.

    Der Rechtsradikalismus verspricht seinen Anhängern sadistischen Lustgewinn"

    ... sehr gute Analyse des erfolgreichen Arbeitens an den niedrigen Instinkten.



    Ein Beispiel sich für ein Verbot der sozialen Medien einzusetzen.

  • Jürgen aus Nürnberg

    Tja - was muß passieren, damit Freilandhühner keine Käfighaltung mehr wählen?

    Oder anders formuliert - MUSS man in einer freiheitlichen Gesellschaft immer alles machen, was man will ... aus eigenem Entschluß?!

  • Bommel

    Von den bisherigen Analysen zur Wahl in Sachsen-Anhalt, die ich gelesen habe, ist diese hier eine der leichteren.

  • nihilist

    Und wieder werden es die Deutschen erst begreifen, wenn sie in einer Trümmerwüste dastehen und es doch nicht so gemeint haben.