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Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt Vertrauen schlägt Fakten

Kommentar von

Christoph Maier

Die AfD setzt gezielt auf Beeinflussung „kleiner Öffentlichkeiten“. Subjektive Gewissheiten und Erfahrungen wirken dort stärker als jede Tatsache.

N och immer fällt es mir nicht leicht, zu erfassen, was am vergangenen Sonntag in Sachsen-Anhalt geschehen ist – in dem Bundesland, in dem ich Verantwortung für eine Institution trage, die sich dem gesellschaftlichen Diskurs widmet. Wird nun tatsächlich die an staatlich verordnetem Patriotismus orientierte Kultur-, Bildungs- und Religionspolitik Einzug halten, die im Wahlprogramm angekündigt wurde?

Unvorstellbar ist für mich, dass dies jede zweite Person in meinem Umfeld für wünschenswert halten könnte! Für eine kirchliche Einrichtung in der Tradition der Friedlichen Revolution und mit starken Verbindungen in die Bürgerrechts- und Umweltbewegung ist das ein Schock.

Zu Zeiten der Friedlichen Revolution waren es die kleinen vernetzten Öffentlichkeiten der Basisgruppen aus Jungen Gemeinden, Friedensgruppen und Umweltbewegung, die den Umbruch trugen. Heute sehe ich genau hier, an der Basis, eine folgenreiche Schwäche in der politischen Kommunikation.

Wetten, die Demokratie gewinnt? ​

Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie hier.

Eine Erklärung für das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt liegt für mich darin, dass der Kampf um die „kleinen Öffentlichkeiten“ verloren ging. Dem langfristigen, strategischen und hochprofessionellen Agieren der AfD in diesen Räumen konnte kaum etwas entgegengesetzt werden.

Kleine Öffentlichkeiten sind sozial überschaubare Kommunikationsräume zwischen dem Privaten und der massenmedial vermittelten Öffentlichkeit. Sie entstehen überall dort, wo Menschen in Vereinen, Kirchengemeinden, kommunalen Zusammenhängen, Nachbarschaften, Initiativen oder Freundeskreisen gesellschaftlich relevante Fragen verhandeln.

Präsent in Dorfgasthöfen und auf Marktplätzen

Anders als in den massenmedial vermittelten „großen Öffentlichkeiten“ entsteht kommunikative Autorität hier weniger durch institutionelle Position, Expertise oder mediale Reichweite. Eine besondere Rolle spielen lokale Respekts- und Vertrauenspersonen, deren Glaubwürdigkeit sich aus persönlicher Bekanntheit, sozialer Reputation und bewährten Beziehungen speist.

Genau hier konnte der charismatische Kandidat Ulrich Siegmund punkten. Er war in diesen kleinen Öffentlichkeiten ständig präsent, füllte Dorfgasthöfe und Marktplätze und verstand es, sich als Respekts- und Vertrauensperson zu inszenieren.

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In den großen Öffentlichkeiten, in Talkshows und politischen Debatten, wurde stattdessen auf Fakten und Argumente gesetzt. Verwundert rieb man sich die Augen, dass Statistiken und wissenschaftliche Studien – etwa zur Finanzierbarkeit der Wahlversprechen – an der Glaubwürdigkeit der Blauen nicht kratzen konnten. Auch handfeste Skandale wie die Vetternwirtschaft – sonst ein K.-o.-Kriterium der empörungssensiblen Öffentlichkeit – konnten der AfD nicht schaden.

Die Ratlosigkeit darüber offenbart einen blinden Fleck in der Analyse politischer Kommunikation: Glaubwürdigkeit kann auf ganz unterschiedliche Weise entstehen und Wahrheitsansprüche können sich aus ganz unterschiedlich Quellen speisen.

Gesellschaftliche Wirklichkeit verhandeln

Das Gespräch über gesellschaftliche Wirklichkeit erschöpft sich nicht in der Frage, ob eine Aussage empirisch wahr oder falsch ist. Wir können danach fragen, ob eine Tatsachenbehauptung wahr, eine Norm oder Handlung richtig und ein Sprecher wahrhaftig ist. Kleine Öffentlichkeiten können gerade deshalb demokratisch bedeutsam sein, weil hier Wahrhaftigkeit und Wahrheit, Erfahrung und Evidenz, Person und Sache miteinander verbunden werden können, ohne sie zu verwechseln.

Populistische Kommunikation profitiert davon, unterschiedliche Geltungsmodi bewusst ineinanderzuschieben

Allerdings droht genau diese Unterscheidungsfähigkeit verloren zu gehen. Populistische Kommunikation profitiert davon, unterschiedliche Geltungsmodi bewusst ineinanderzuschieben. Persönliche Erfahrung wird dann zur Tatsachenbehauptung, subjektive Gewissheit zum Beleg, Aufrichtigkeit zum Wahrheitskriterium und Zugehörigkeit zur Voraussetzung dafür, überhaupt erkennen zu können, „wie es wirklich ist“.

Martin Luther hat für eine ganz andere historische Konstellation ein drastisches Bild gefunden. Bei seiner Unterscheidung von geistlichem und weltlichem Regiment warnt er vor deren Vermischung: „Der leidige Teufel hört auch nicht auf, diese zwei Reiche ineinander zu kochen und zu brauen.“

Luthers Zwei-Reiche-Lehre lässt sich nicht ohne Weiteres auf die moderne demokratische Öffentlichkeit übertragen. Aber das Bild vom „Ineinanderkochen und -brauen“ trifft die kommunikative Herausforderung. Nicht die Kirchen sind zu politisch geworden, was ihnen gerne vorgeworfen wird, sondern an Politik werden zu viele religiöse Erwartungen herangetragen.

Säkularität garantiert keine aufgeklärte Gesellschaft

Wo religiöse Kommunikation und bekenntnishaftes Sprechen fremd geworden sind, fehlt möglicherweise auch die Übung darin, verschiedene Formen des Wahrheitsanspruchs auseinanderzuhalten. Säkularität allein garantiert keine aufgeklärte Gesellschaft – weder in den großen noch in den kleinen Öffentlichkeiten.

In der Beobachtung des Wahlkampfes hatte ich manches Mal den Eindruck, weniger einer politischen Auseinandersetzung als einer ethnopluralistischen Glaubensgemeinschaft mit charismatischem Prediger zuzusehen. Wo politische Überzeugungen zu Bekenntnissen werden, Zugehörigkeit an die Stelle von Begründung tritt und Widerspruch den eigenen Glauben nur noch bestärkt, verändert sich der Charakter demokratischer Öffentlichkeit radikal.

Faktenchecks und kampagnenhafte Polarisierung in den „großen Öffentlichkeiten“ sind kaum ein wirksames Mittel gegen Vertrauen, das in kleinen Öffentlichkeiten über persönliche Beziehungen, gemeinsame Erfahrungen und soziale Reputation entstanden ist. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das macht dieses auf Vertrauen basierende Wissen natürlich nicht wahrer als überprüfbare Fakten. Es erklärt aber, warum die Widerlegung einer Tatsachenbehauptung die Glaubwürdigkeit einer Person noch lange nicht erschüttert.

Christoph Maier

ist Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt in Lutherstadt Wittenberg. Als Studienleiter für Theologie und Politik betreut er das Projekt „Am Gartenzaun“, das kleine Öffentlichkeiten im ländlichen Raum schafft. Finanziert wird dies derzeit aus Landesmitteln, die zukünftig nicht mehr fließen sollen.

Aufklärung verlangt, unterschiedliche Geltungsansprüche zu erkennen, kenntlich zu machen und aufeinander zu beziehen. Nicht die Verschiedenheit von Wahrheitsansprüchen gefährdet demokratische Öffentlichkeit. Gefährlich wird es dort, wo ihre kategoriale Verschiedenheit nicht mehr erkannt wird und der Politik zugeschrieben wird, für Hoffnung, Zuversicht und eine positive Erzählung verantwortlich zu sein.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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10 Kommentare

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  • My Sharona

    Ein wichtiges Puzzlestück, ohne das die Analyse des neuen Faschismus unvollständig bleibt. Wie auch beim viel kommentierten Beitrag von Herrn Misik muss auch hier gefragt werden: welche politischen und ökonomischen Entscheidungen und Systemwirkungen des Kapitalismus haben dazu geführt, dass demokratisch gesinnte "kleine Öffentlichkeiten" so schwach geworden sind?

  • Sonntagssegler

    "Ethnopluralistische Glaubensgemeinschaft"

    Da ist mehr dran als einem lieb ist. Beeindruckender Artikel und erklärt auch mehr als einem lieb ist.

  • Andreas_2020

    Ich finde die Analyse gut, aber man kann es auch sehr kurz fassen, eine Gegend mit schwacher Infrastruktur und einer sozialen Zusammensetzung, die kritisch ist, teilweise durch Niedriglohn und Armut, die lässt sich für Rechtsextreme gut erreichen. Außerdem haben dort Neonazis eine offene, liberale Gesellschaft seit 1990 stetig attackiert und zwar mit Gewalt.

  • Fritz Müller

    "In der Beobachtung des Wahlkampfes hatte ich manches Mal den Eindruck, weniger einer politischen Auseinandersetzung als einer ethnopluralistischen Glaubensgemeinschaft mit charismatischem Prediger zuzusehen"



    ... dazu braucht es aber auch eine entsprechend dämliche Anhängerschaft —Charisma schlägt persönlichen Sachverstand.

  • Philippo1000

    Mittendrin.



    Danke für den Artikel.



    Es interessant, hier eine Analyse von Jemandem zu lesen, der mittendrin lebt.



    Mittendrin in der Gesellschaft und mittendrin im Thema.



    Das ist ein Blickwinkel, der den anderen Analysen oft fehlt.



    Bei aller Rechenschieberei, die besagt, dass Sachsen Anhalt sehr klein und Stimmunterschiede nicht sehr groß sein müssen, um zu gewinnen, gerät die Stimmung aus dem Blick.



    Natürlich ist die Entwicklung schlimm.



    Wir sollten aber auch nicht so tun, als sei die „afd“ kurz vor der Machtübernahme in Deutschland,



    Frau Weidel gab sich im Bundestag zwar so, das ist allerdings Propaganda.



    Wir sollten nicht reagieren, wie das Häschen vor der Schlange, sondern ruhig mal Zähne zeigen: diverse Politiker haben sich für ein Verbotsverfahren ausgesprochen.



    Es ist an der Zeit, die Demokratie aktiv zu schützen .

  • derzwerg

    Toller Beitrag, kann auch in verschiedene Richtungen ausgebaut werden, etwa „Haustürwahlkampf“ oder das was neuerdings als Organizing bezeichnet wird.

    Ein kleines Detail: „Auch handfeste Skandale wie die Vetternwirtschaft – sonst ein K.-o.-Kriterium der empörungssensiblen Öffentlichkeit – konnten der AfD nicht schaden.“ das gilt nur für die linke Seite. Auf der Rechten sind so altmodische Moralvorstellungen den Wählern egal, das zählt als Schlitzohrigkeit und bekommt Anerkennung.

  • hedele

    Danke für diesen Artikel! Das ist genau auch mein Empfinden, dass Menschen, die nie groß religiös gebildet wurden, hier ihre Ersatzreligion gefunden haben, die keine unmittelbar logisch Bestätigung in der Realität mehr benötigt, solange der Überbau stabil bleibt.



    Die Erkenntnis ist einerseits befreiend, weil sie so viele unverständliche Phänomene dieses Aufstiegs der gewaltbereiten Rechten erklärt, die sich sonst nicht erschließen wollen, andererseits aber auch sehr frustrierend, weil die Erfahrung lehrt, dass Religionskriege nicht unter 30 Jahren zu haben sind.

  • rero

    Danke für diesen sehr lesenswerten Artikel.

  • LeKikerikrit

    Der charismatische Siechmund?



    Ich krieg mich nicht mehr ein.

  • DerBlondeHans

    Ist das denn nicht bei den Linken genauso? Die reden davon dass "gefühlt" überall Springerstiefel mit weissen Schnürsenkeln herumlaufen, gefühlt.