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Alice Schwarzer hört auf Ohne sie wäre die Frauenbewegung nicht da, wo sie heute ist

Simone Schmollack

Kommentar von

Simone Schmollack

Die feministische Journalistin Alice Schwarzer konnte irre nerven. Aber sie war eine Stimme für Frauen, und sie hat Frauen eine Stimme gegeben. Das trägt bis heute.

B ei aller berechtigter Kritik an Alice Schwarzer – ihre transfeindlichen Ansichten, ihre übertriebene Kopftuchkritik, ihre Härte gegenüber Prostitution und Pornografie, ihr scheinheiliges Friedensgefasel in Sachen Ukraine, ihr Steuerskandal – sie bleibt doch eine der bedeutendsten Personen der feministischen Zeitgeschichte. Es ist vor allem ihr und ihrem Magazin Emma zu verdanken, dass das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen dauerhaft thematisiert wurde – und die daraus folgenden Ungerechtigkeiten wie Lohnungleichheit, Rentenlücke, Abtreibungsverbot, Partnerschafts- und sexuelle Gewalt nicht nur im Diskurs blieben, sondern auch auf politischer Ebene verhandelt wurden, wenn auch mit unterschiedlichen Ergebnissen.

Schon klar, Alice Schwarzer konnte enorm nerven. Wenn sie in TV-Debatten nicht lockerließ und gnadenlos dazwischenquatschte – was gleichermaßen weibliche Selbstermächtigung und damit ein Novum in der öffentlichen Präsenz von Frauen war. Wenn sie sich immer wieder selbst in den Mittelpunkt rückte. Wenn sie schon vor Jahrzehnten versuchte, von Emma loszulassen, und von ihr selbst ausgewählte Nachfolgerinnen so schnell vergraulte, wie diese nicht mal schreiben konnten. Wenn sie zwar Frauensolidarität bekundete, aber Frauen verriet, sobald diese laut Kritik an ihr übten.

Gleichwohl machte sie das für Jahrzehnte zum Markenzeichen des Feminismus zunächst in Deutschland, später auch europaweit. Ohne Schwarzers Energie und ihren Einsatz für universelle Frauenrechte wäre die Gleichberechtigung heute nicht da, wo sie ist. Erinnert sei hier nur an ihre Dispute mit dem CDU-Politiker Heiner Geißler. Der stand als Konservativer für die klassische Familie aus Vater, Mutter, Kind(ern), Schwarzer wollte genau diese aufbrechen. Die beiden stritten öffentlich, nicht ohne Humor, denn den hat Schwarzer reichlich. Bis Geißler – unter anderem aufgrund eines Sexismusskandals auf einem CDU-Parteitag 1979 – seine Haltung änderte und einige Jahre später eine modernere Frauenpolitik forderte: Anerkennung von Erziehungszeiten in der Rente, Hilfen für Schwangere in Not, so was. Die CDU war erbost.

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Was machte daraufhin Schwarzer? Sie überschrieb einen Text im Spiegel mit „Heiner Geißler hat recht“. Sie hatte damals schon erkannt, dass Feminismus und Gleichberechtigung nicht ohne Männer zu haben sind.

Emma hat viele Jahre vielen Frauen geholfen, sich in einer männerdominierten Welt zurechtzufinden und nicht an sich selbst zu verzweifeln, weil ihnen von Männern eingeredet wurde, nicht ebenbürtig zu sein. Schwarzer hat Frauen eine Stimme und nicht selten Rückhalt gegeben. Und den Mut, sich aus der Privatheit in die Öffentlichkeit zu begeben, sich aus „Männergefängnissen“ zu befreien.

Nur hat sie leider irgendwann die jüngeren Frauen und deren Blick auf die Welt nicht mehr verstanden – und sie gegen sich aufgebracht. Auch das mit der ihr eigenen Energie. Sodass sich Frauen, jüngere und ältere, von ihr abwandten. Jetzt verlassen Alice Schwarzer und Emma die öffentliche Bühne, das einzigartige Frauenmagazin wird nach 50 Jahren eingestellt. Schwarzers Zeit ist vorbei. Die für eine progressive Frauen- und Genderpolitik hingegen nicht.

Simone Schmollack

Simone Schmollack Ressortleiterin Meinung

Ressortleiterin Meinung. Zuvor Ressortleiterin taz.de / Regie, Gender-Redakteurin der taz und stellvertretende Ressortleiterin taz-Inland. Dazwischen Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Amtierende Vize-DDR-Meisterin im Rennrodeln der Sportjournalistinnen. Autorin zahlreicher Bücher, zuletzt: "Und er wird es wieder tun" über Partnerschaftsgewalt.
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18 Kommentare

  • Wanderin

    99% der Menschen wären viel zu bequem, sich 50 Jahre extrem unbeliebt in der Öffentlichkeit zu machen, sich mit anderen Linken anzulegen ( also der eigenen Gruppe), sich ständig mit schweren Themen wie Missbrauch und Gewalt auseinanderzusetzen und die Verantwortung für mehrere Mitarbeiterinnen und deren Gehälter zu übernehmen. Dass so eine Person es gewohnt ist, viele Entscheidungen allein zu treffen, ( weil es sonst keine macht) und natürlich deswegen mehr auf sich hört als auf zig andere Meinungen von aussen, ist klar. Mit Diagnosen wie Narzissmus sind ja immer die schnell bei der Hand, die es selber lieber bequemer haben und diese ganzen anstrengenden Dinge gar nicht erst machen würden.

    Zugunsten der Meinungsvielfalt finde ich es gut, dass jemand diese Themen bespricht, die sonst tatsächlich kaum jemand aufgreift. Ich finde zwar, dass ein Thema sehr viel Raum eingenommen hat, aber man muss anerkennen, dass sie sich für die Belange von Mädchen/Kindern/Frauen in allen Milieus interessiert hat. Sie ist nicht naiv und schaut da hin, wo viele Feministinnen aus den bürgerlichen Kreisen lieber wegschauen.

  • LuckyLulu

    In den 1990ern katholische Familie auf'm Land war Alice Schwarzer die erste Begegnung mit dem Feminismus ... Wer keine Szene um sich hatte, bekam doch von Courage & Co nix mit. Viele Feminist*innen die ihr kritisch Gegenüber stehen sind vermutlich ursprünglich von Alice & Emma politisiert worden, aber verschweigen das heute.

    Selber nutze ich andere Begriffe als sie, ärgere mich oft über ihre Positionen über die Feminist*innen zu Recht auch streiten müssen. Der heutige Queerfeminismus begreift aber schon ihre inhaltlichen Pämissen nicht mehr, weil die existenzialistisch inspirierte Feminismus a la de Beauvoir hier verdrängt ist. Wo Schwarzer schlecht formuliert, wird sie dann noch schlechter zitiert - komplett irre schließlich ihr die feministische Relevanz abzusprechen.

    Oft sagt sie bis heute Unbequemes das niemand hören will. Denn das Kopftuch ist ein Symbol des Politischen Islam. Genauso wie die zahlreichen Thor Hämmer an zu vielen Hälsen ein Symbol des Rechtsrucks sind ... Nicht jede*r Träger*inn ist deshalb Islamistin oder Faschist.



    Immerhin war Schwarzer schon 1979 im Iran und hat den Frauen dort, & ihrer Enttäuschung über die Revolution in Emma eine Stimme gegeben.

  • Mondschaf26

    „Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist." (Victor Hugo?)

  • Tom Farmer

    Frau Schwarzer hat(te) Standing. Über die eigene Verstehensbubble hinaus, ohne Gezeter und Beleidigttun. Ein Vorteil wenn man Gehör finden will.

  • Slatibartfas

    schreibe jetzt gegen den Personenkult, der auch in diesem Artikel betrieben wird. Vergessen wird die Historie der Frauenbewegung, wieder einmal, vergessen die vielen nicht in der Presse genannten daher im öffentlichen Bewusstsein nicht präsenten Frauen, die durch ihren Einsatz und ihre Präsens auf den Straßen, in den Organisationen, auch im Privaten, die eigentlichen Macherinnen waren und sind.



    Ob erkämpfen des Wahlrecht, der Aufbau von Frauenhäusern, die Bewußtmachung sexualisierter Gewalt, die vielen Errungenschaften, die heute als selbstverständlich betrachtet werden, wären ohne die vielen kämpferischen Namenlosen nicht möglich geworden.



    Wird höchste Zeit sich diesen Frauen zu erinnern.

  • Jürgen aus Nürnberg

    "Alice Schwarzer hört auf".



    Endlich.



    Kein Abkupfern mehr vom Nouvel Observateur.

  • Strolch

    Beinahe jeder Mensch der Erfolg hat, ist hart gegen sich selbst und hart zu anderen. Das macht Sie nicht sympathisch. Aber ohne Visionäre geht es nicht voran. Schwarzer ist mir nicht sympathisch und war sie nie. Erreicht für Frauen hat sie viel. Auch Elon Musk ist ein Unsympat. Aber ohne ihn, wären wir bei E-Autos fünf bis zehn Jahre hintendran. Und ohne Starlink wäre es für die Ukraine noch schlimmer geworden (sieht man ja, wenn es kurz gedrosselt wird). Es ist immer schwer den unsympathischen Mensch von seiner Leistung/Verdienst zu trennen.

  • NormalNull

    Fraglos hat Alice Schwarzer eine Menge erreicht. Das erzeugt natürlich auch Neid. Und dieser Neid schwingt mit in manchen Kommentaren mit. Freilich, Frau Schwarzer eine Menge erreicht, weil sie genau die Verhaltensweisen, die sie kritisiert hat, selber intensiv praktizierte. Vielleicht hätte sie sich sonst kein Gehör verschaffen und nicht so erfolgreich sein können. Leider schärfen sich im Alter so manche Charakterzüge, schälen sich deutlicher heraus. Bei Frau Schwarzer ist dies ihre Eitelkeit und ihr Wunsch nach öffentlicher Aufmerksamkeit, der noch dadurch bestärkt wird, dass es noch immer sehr oft SIE ist, die gefragt wird, wenn es an prominenter Stelle um Frauen- und Geschlechterthemen geht. Ihr Narzissmus hat sie wahrscheinlich auch zu mancher bizarren Stellungnahme und Auftritt in neuerer Zeit veranlasst – Auftritte mit Personen, die ihr charakterlich so ähnlich sind.



    Trotzdem ist vieles was sie sagt, auch weiterhin stimmig ist – auch wenn ihre Meinung dem Zeitgeschmack zuwider laufen scheint.

    • Hugo

      @NormalNull:

      "dass es noch immer sehr oft SIE ist, die gefragt wird, wenn es an prominenter Stelle um Frauen- und Geschlechterthemen geht"



      Abundan ist ma Mithu Sanyal am Start, ansonsten wirds außerhalb des Kulturbereichs dünn@feministische Präsenz.

  • Hanno Homie

    1979 hab ich Alice Schwarzer noch nicht erlebt. Aber ich hab den Eindruck, dass ihr Konservatismus und auch eine gewisse Härte und letztlich Menschenfeindlichkeit deutlich älter sind als jetzt so in den letzten Jahren. Ich vermute dass das mindestens bis in die 90er zurück geht wenn man mal genau guckt.

    Die Reflexhaftigkeit mit der sie z.B. bei der Beschneidungsdebatte 2012 über männliche Vorhäute und Penisse schrieb, wobei sie befand, dass man erstere möglichst früh abschneiden solle um Frauen zu schützen... das hat mich an die bis heute unaufgearbeiteten, dunklen Seiten des deutschen Feminismus erinnert die ich auch in jungen Jahren schon abbekommen habe und die mich einiges an Therapiezeit gekostet haben.

  • Aurego

    Spätestens, seitdem herausgekommen war, dass Frau Schwarzer erhebliche Einnahmen in der Schweiz versteckt und den deutschen Steuerbehörden verschwiegen hatte, war sie bei mir eigentlich unten durch.

    Ich finde auch sonst nicht, dass Frau Schwarzer die Frauenbewegung vorangebracht hat. Für mich war sie eher ein abschreckendes Beispiel. Da gab es in unserer jüngeren Geschichte wesentlich stärkere und intelligentere Frauen, die für die gesellschaftliche Stellung und das Ansehen der Frauen in der Gesellschaft weitaus größere Verbesserungen erreicht haben.

    • Peter Blunt

      @Aurego:

      Sehe ich genauso.

    • rero

      @Aurego:

      Stärker als Alice Schwarzer, die nun wirklich das feministische Schlachtross schlechthin war?

      Wäre fällt Ihnen da ein?

      Ich fürchte, im Feminismus geht es nicht darum, dass Ansehen der Frauen in der Gesellschaft zu verbessern.

      Es geht um Teilhabe.

      • Aurego

        @rero:

        Sie scheinen nur einen sehr kurzen historischen Blickwinkel zu haben. Es geht zuallererst um Rechte, ganz banale, einforderbare, kodifizierte Rechte. Da wäre die Gleichberechtigung zu nennen. Diese wurde im Grundgesetz zwar festgelegt, die Durchsetzung war jedoch äußerst zäh. Die Pflicht zur Führung des Haushaltes und das Recht, ohne Zustimmung des Mannes eine Arbeit aufzunehmen wurde erst 1977 besiegelt. Man stelle sich das vor! In der DDR brauchten Frauen übrigens schon ab 1949 keine männliche Zustimmung zur Arbeitsaufnahme.



        Alice Schwarzer trat erst bei der Frage der ökonomischen Unabhängigkeit von Frauen auf den Plan, aber, dass Frauen Bankkonten ohne Zustimmung des Ehemannes eröffnen können, wurde 1958, also schon vor Frau Schwarzers Einsatz beschlossen. In diesem Kontext wären z. B. zu nennen: Dr. Marie Elisabeth Lüders, Dr. Elisabeth Schwarzhaupt, Ingeborg Geisendörfer, Frieda Nadig und natürlich Elisabeth Selbert.

  • Okay

    Alice Schwarzer wandelte sich von einer feministischen Reizfigur zu einer zunehmend konservativen Stimme. Ihr ausgeprägter Ich-Bezug und die endlosen Kopftuchdebatten gingen einem irgendwann gehörig auf die Nerven.

    Dennoch stellt sich die Frage: Warum kam sonst niemand auf die Idee, ein solches Magazin herauszugeben? Warum nahm kein Verlagshaus ein solches Projekt ins Programm? Damals blühte ja das Geschäft mit sogenannten Alternativblättern und Stadtzeitungen.

    Ein Land von 80 Millionen Menschen – und eine Frau, die mit Der kleine Unterschied und seine großen Folgen der Bevölkerung die Geschlechterverhältnisse erklärte. Auch ihr Verdienst sollte anerkannt werden.

  • Besorgte_Bürger

    Die Person Schwarzer hat zahlreiche rückständige und teilweise menschenfeindliche Ansichten, aber ihr Verdienst für Frauen, die sie bereit war, zu verraten, sobald sie sie kritisierten, ist awesome. *_*

    Ich finde, man muss ein Verdienst vor dem Hintergrund seines Kontextes betrachten. Und der Kontext ist wirklich zweifelhaft. Ich persönlich hinterfrage ihre Motive nach all den Skandalen deutlich.

    • Martin Rees

      @Besorgte_Bürger:

      Was sagen den ihre "alten" Weggefährtinnen und Mitstreiterinnen über ihre Führungsqualitäten aus?



      Das wäre auch interessant...

      • Martin Rees

        @Martin Rees:

        "Emma hat viele Jahre vielen Frauen geholfen..."



        /



        Ein Verdienst ihrerseits ist von ganz besonderer Bedeutung:



        "Initiative für Präventionsprogramme gegen Brustkrebs



        In ihrer Autobiografie schildert Schwarzer, wie sie 1996 im Zug von einem Arzt erkannt und angesprochen wurde: »Die Brustkrebs-Forschung in Deutschland ist ein einziger Skandal«, sagte er demnach. »Es gibt quasi keine Prävention und nur stark veraltete Behandlungsmethoden. Die Frauen sterben wie die Fliegen.« Daraufhin startete »Emma« eine Kampagne zur Früherkennung und besseren Behandlung von Brustkrebs und trug so mit dazu bei, dass 2005 ein flächendeckendes Mammografie-Screening initiiert wurde."



        Quelle:



        www.traunsteiner-t..._arid,1022543.html



        Die Senologie in Deutschland bekam einen neuen Schub und Schwung!