Biografie Was deutsch ist und was nicht. Lorenz Jägers Abrechnung mit dem Philosophen Walter Benjamin

Im Weltbürgerkrieg

Walter Benjamin, 1925: Im September lernt er Adorno am Golf von Neapel kennen Foto: Imagno/picture alliance

von Micha Brumlik

Der deutsche Schriftsteller Walter Benjamin nahm sich 1940 auf der Flucht vor antisemitischer Verfolgung an der französisch-spanischen Grenze das Leben; er wurde gerade mal 48 Jahre alt. Seinen erst postum publizierten geschichtsphilosophischen Thesen vertraute er den Gedanken an, dass auch die Toten vor dem Feind nicht sicher seien; dieser Feind aber habe zu siegen nicht aufgehört. „Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten“ lautet der Titel einer neuen, einer weiteren Biografie dieses nach wie vor rätselhaften Autors.

Lorenz Jäger, der es jetzt unternommen hat, der ersten Biografie Werner Fulds aus dem Jahr 1979, der konzisen Darstellung Bernd Wittes in der Reihe der Bildmonografien aus dem Jahr 1985 sowie schließlich der mehr als tausend Seiten zählenden, unvollendet gebliebenen Werkgeschichte Jean-Michel Palmiers aus dem Jahr 2009 eine weitere Biografie an die Seite zu stellen, ist in geistesgeschicht­lichen Fragen bestens ausgewiesen.

Als Verfasser einer umstrittenen politischen Biografie Ador­nos, einer frühen Studie zur Geschichte des Hakenkreuzes im Weltbürgerkrieg sowie eines Buchs über die revolutionären Aktivitäten von Freimaurern ist ihm die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, des „Zeitalters der Extreme“ (E. Hobsbawm) bestens bekannt. Entsprechend fällt das von ihm gemalte Lebensbild Benjamins aus: das eines linken Kämpfers im Weltbürgerkrieg.

So deutet er eine frühe Publikation Benjamins aus dem Jahr 1912 als eine „höchst merkwürdige Apologie des Literaten“ und versieht dieses Urteil mit einer Fußnote, die geeignet ist, zu schockieren. Sieht man im reichhaltigen Anmerkungsteil nach, was Jäger in Fußnote 34 des zweiten Kapitels zur Identität von Literat und Intellek­tuel­lem zu vermerken hat, findet man nicht nur den Hinweis, dass schon Hitler die Begriffe „Jude“ und „Literat“ meist synonym verwendet habe, sondern auch ein wörtliches Zitat aus einer Ausgabe von „Mein Kampf“ aus dem Jahre 1943. Für Jäger wird Walter Benjamin damit zum Prototyp jener Feinde Hitlers: zum Typ des jüdischen Literaten, Angehörigen eines Volkes, das nach der von Jäger zustimmend zitierten Auskunft Max Webers nach einer „künftigen gott geleiteten politischen und Sozialrevolution“ strebte.

Das zu untermauern fällt Jäger leicht: War doch Benjamin eng mit Gershom Scholem befreundet, der nicht ganz zu Unrecht von Jäger als ethnischer Nationalist gezeichnet wird. Durchaus angemessen zeigt Jäger, dass und wie Benjamin, der vielen immer noch als „kritischer Theoretiker“ gilt, auf Meta­physik angewiesen war: Bedürfe doch Benjamin der Metaphysik, da er theologisch und messianisch philosophieren wolle. Dieses Streben aber sei – so Jäger unter Bezug auf den Politologen Jacob Talmon – totalitär.

Zudem hatte Benjamin Umgang mit höchst eigentümlichen Geistern, etwa mit dem „Zauberjuden“ Oskar Goldberg – er wurde durch Thomas Manns „Doktor Faustus“ als Chaim Breisacher verewigt. Auf ihn verweist Jäger, wenn er sich mit Benjamins Schrift „Kritik der Gewalt“ aus dem Jahre 1921 auseinandersetzt und eine entsprechende Passage so charakterisiert: „Nun ist das Schlüsselwort des Zeitalters gefallen: ‚Vernichtung‘. Das Verhängnis kann beginnen.“ 1921, das war drei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges – einem Erfahrungsraum, den Kriegsteilnehmer wie Ernst Jünger und solche, die wie Benjamin in die Schweiz gingen, unüberbrückbar voneinander trennen sollte. Jäger bezeichnet vor diesem Hintergrund Benjamin als „jüdischen Kritiker der deutschen Literatur“, wenngleich darauf hinzuweisen ist, dass etwa die Bezeichnung von Autoren als „evangelische Kritiker der deutschen Literatur“ schief klingt.

Diese Kennzeichnung „jüdischer Kritiker“ trifft nur dann zu, wenn man „Deutsche“ und „Juden“, als Angehörige unterschiedlicher Völker, heute sprechen wir von „Ethnien“, betrachtet. Genau das war die Voraussetzung von Antisemitismus.

Zu Beginn des siebten Kapitels, in dem Jäger Benjamins Beziehung zu dem protestantischen Intellektuellen Florens Christian Rang behandelt, fragt er allen Ernstes: „In welchem Sinne war Benjamin deutsch, vom Bildungsgang und von der Staatsangehörigkeit abgesehen?“

Diese 2017 gestellte Frage setzt voraus, dass „deutsch zu sein“ mehr und anderes ist, als lediglich BürgerIn des deutschen Staates zu sein und die Bildungsgüter deutscher Sprache zu beherrschen. Jäger weiß sich auf der sicheren Seite, wenn er sich erneut auf Scholem beziehen kann, der von Benjamin und Kafka behauptete, dass sie deutsche Schriftsteller, aber keine Deutschen waren. Er versteht Benjamin als einen intellektuellen Teilnehmer am innerdeutschen Bürgerkrieg, der im Januar 1933 durch den Sieg der Nationalsozialisten beendet wurde und linken, in Deutschland gebliebenen Juden „nur eine stille Revolutionshoffnung“ ließ.

Gegen Ende seines Buches wird der Biograf freilich selbst zur Partei. Nun kommentiert er pseudophilosemitisch Benjamins Metaphorik. Dieser hatte in seinen geschichtsphilosophischen Thesen anfangs die Theologie mit einem Zwerg verglichen, der unter einem vermeintlichen Schachautomaten, dem „Historischen Materialismus“ sitzt. Jäger deutet diese kühne Metapher als Bestätigung antisemitischer Verschwörungstheorien. Noch problematischer werden Jägers Ausführungen, wenn er Benjamin die Aneignung „allerhärtester bolschewistischer Maximen“ zuschreibt. An dieser Stelle insinuiert er sogar, bezeichnenderweise ohne Fußnotenverweis, dass sich Benjamin die Maxime „Kein Ruhm dem Sieger, kein Mitleid den Besiegten“ zu eigen gemacht habe.

In der Summe vollzieht Jäger also eine postume Ausbürgerung Benjamins als eines bolschewistisch-jüdischen Teilnehmers am Weltbürgerkrieg. Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen zeugen von einer richtigen Ahnung.

Lorenz Jäger: „Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten“. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017, 400 Seiten, 26,95 Euro

 

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