Sterbefasten Christiane zur Niedens Mutter aß und trank 13 Tage lang nicht. Sie starb, weil sie es wollte, unterstützt von der Familie. Nun, im Jahr nach dem Sterbehilfeverbot, hat die Tochter ein Buch veröffentlicht

„Sie wollte Selbstständigkeit bis zuletzt“

von Waltraud Schwab
(Gespräch) und Juliane Pieper (Illustration)

Seit Dezember 2015 ist geschäftsmäßige Sterbehilfe in Deutschland verboten. Doch was ist geschäftsmäßig? Fällt darunter auch die Arbeit von Palliativmedizinern und Sterbebegleitern? Was ist erlaubt? Christiane zur Nieden findet, es gibt Aufklärungsbedarf. Ihre Mutter hatte mit 88 Jahren entschieden, dass sie nicht mehr essen und trinken will, und das durchgehalten. 13 Tage später starb sie an Nierenversagen. Die ganze Familie, darunter auch zur Niedens Mann Christoph, ein Palliativmediziner, begleitete die Mutter in ihren letzten Tagen. Christiane zur Nieden hat das Sterbefasten ihrer Mutter in einem Buch öffentlich gemacht.

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In der Constitutio Criminalis Carolina, dem ersten deutschen Strafgesetzbuch, wird geregelt, aktive Sterbehilfe sei wie Mord zu bestrafen

taz.am wochenende: Frau zur Nieden, wie denken Sie heute an Ihre Mutter?

Christiane zur Nieden: Ich bin stolz auf sie.

Warum?

Weil sie auf eine tolle Art mit dem Sterben umging. Erstens war sie felsenfest überzeugt: Ich will sterben. Sie hat sich nicht abbringen lassen. Sie wusste aber auch, dass wir auf jeden Fall zu ihr stehen. Und sie hat diese 13 Tage Sterben mit Bravour gemeistert. Sie war fröhlich, freundlich, sie ging auf unsere Ideen ein. Wir haben uns bei ihr bedankt, wir haben uns bei ihr entschuldigt, wir haben gesagt, was nicht gut gelaufen ist.

So eine Auseinandersetzung konnten Sie führen?

Ja, und sie hat uns auch gesagt, was aus ihrer Sicht schlecht gelaufen war. Mit einem Lächeln. Es war kein Vorwurf. Wir konnten uns unwahrscheinlich schön von ihr verabschieden. Alle, wir, die Kinder, die Enkel.

Wenn Sie so erzählen, klingt das nach fröhlichem Sterben.

Darum geht es nicht. Ich sehe, dass der Umgang mit dem Sterben in weiten Teilen ein Tabu ist. Aber Leben geht nicht ohne Sterben. Deshalb ist es wichtig, das Lebensende mit zu bedenken.

Wer will das aber schon?

Christiane zur Nieden Foto: David Oliveira

So zu tun, als könne man sich vor dem Sterben drücken, geht nicht. Wer zu Lebzeiten darüber redet, hat weniger Angst. Jeder hat Eltern, oft sterben sie vor einem. Man muss erst die Kinder groß kriegen und dann die Eltern gut in den Tod begleiten. Das ist eine Herausforderung.

Warum wollte die Mutter sterben?

Sie hatte ununterbrochen Schmerzen. Sie hatte 27 Jahre lang Kunsthüften. Die hätte sie nach 15 Jahren erneuern müssen, aber sie zögerte, und irgendwann war sie 88, die Kunsthüften waren wacklig. Mit Morphiumpflaster konnte sie gerade noch ein wenig gehen, sich aber nicht mehr bücken, nichts tragen, keine Treppen steigen. Alles war für sie beschwerlich, alles tat weh. Sie war lebenssatt, müde vom Leben.

Was ist an jenem Rosenmontag 2010 genau passiert?

Es ging Mama nicht gut, sie lag bei uns auf dem Sofa, und dann sagte sie, sie möchte sterben. Sie fragte, ob mein Mann ihr eine Spritze geben kann. „Nein, Mama, das geht nicht.“ Da fragte sie, wie würdest du es machen? Und ich sagte ihr, dass ich nichts mehr essen und trinken würde.

Tags darauf hat sie aufgehört zu essen und zu trinken?

Am nächsten Morgen fanden wir sie ganz benommen. Sie hatte Schlaftabletten geschluckt. Aber nur vier Stück. Sie hatte mich vorher gefragt, ob es mit Schlaftabletten ginge, ich sagte, das bringt nichts, nicht mit deinen, da wird dir schlecht, da erstickst du eventuell am Erbrochenen, das ist ein schrecklicher Tod. Aber sie wollte ihren Sterbeprozess in Gang setzen, indem sie Schlaftabletten nimmt. Dann haben wir fast zwei Tage gebraucht, sie zu überzeugen, es sein zu lassen und dass wir sie unterstützen: „Wenn du unbedingt sterben willst, hör auf mit den Tabletten. Wir wollen mit dir sprechen.“ – Mit vier Schlaftabletten, da lallen Sie nur rum. „Okay“, sagte sie, „aber schafft man es überhaupt, wenn man nicht mehr isst und trinkt?“ Und da sagten wir: ja.

Woher wussten Sie, dass das eine Art ist, zu sterben?

Ich mache seit 30 Jahren Sterbe- und Trauerbegleitung. Es gab immer wieder Patienten von meinen Mann, wo er sah: Da liegt einer im Sterben, die Familie schafft es nicht. Er fragte mich: „Kannst du da hingehen?“ So fing ich mit der Sterbebegleitung an. Und oft sah ich: Menschen hören auf zu essen, wenn sie merken, dass sie bald sterben. Sie werden nur von nicht informierten Angehörigen mitunter zum Essen und Trinken gezwungen.

Kann man jemanden zum Essen und Trinken zwingen?

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Im Reichsstrafgesetzbuch wird geregelt: Tötung auf Verlangen ist mit „Gefängnis nicht unter drei Jahren“ zu bestrafen. Nicht verboten: Beihilfe zum Suizid

Es ist im Grunde Körperverletzung.

Aber der Mutter sagen, dass sie ohne Nahrung und Flüssigkeit sterben kann – ist das gewöhnlich?

Wir haben eben immer schon über Sterben gesprochen. Mein Vater ist so schwierig gestorben mit einem Gehirntumor.

Hat Ihre Mutter wirklich nicht nur aufs Essen verzichtet, sondern auch aufs Trinken?

Mit Flüssigkeit dauert der Sterbeprozess länger. Verhungern dauert mehrere Wochen. Wenn Sie aber auch nichts trinken, sterben Sie nicht an Auszehrung, sondern an Nierenversagen. Ohne Flüssigkeit sammeln sich die Gifte im Körper und führen allmählich zu einer Schläfrigkeit, die in einen komatösen Zustand übergeht, der wiederum übergeht in den Tod. Ein schönes Sterben, wenn Sterben schön sein kann.

Weil es schmerzlos ist?

Man weiß, dass es in der Phase, wo man einschläft, schmerzlos ist. Nierenversagen ist in der Regel schmerzlos.

Sie haben viele Sterbende begleitet. Kann Sterben wie ein Wunder sein?

In der Todesstunde, „da ist eine ganz besondere Stimmung, eine Aura“, sagt Christiane zur Nieden Illustrationen: Juliane Pieper

Geburt und Sterben sind die einzigen Vorgänge im Leben, die uns sicher sind. Die Begleitung dabei ist das A und O. Ins Leben rein, aus dem Leben raus. Und wenn jemand, der geht, noch ansprechbar ist, ist es wichtig, alles anzusprechen. Die ersten Tage, als meine Mutter sich weigerte, zu essen und zu trinken, ging es mir nicht gut. Ich hatte Angst; schaffe ich das Sterben meiner Mutter?, fragte ich. Wenn ich sonst zu Sterbenden ging, konnte ich das schon souverän tun. Da hat mich das Leid zwar gepackt, aber nicht runtergezogen. Bei meiner Mutter, da musste ich mich damit auseinandersetzen: Jetzt ist es so weit. Ich muss sie gehen lassen. Manchmal rief Mama vom Schlafzimmer aus zu uns in die Küche: „Ach, riecht das lecker nach Kaffee.“ Da sagten wir: „Mama, komm, wir holen dich, du kannst jederzeit zu uns zurück ins Leben.“ Immer antwortete sie: „Nein, ich will nicht.“

Sie hat sich vom Geruch des Kaffees nicht zum Leben verführen lassen?

Aufs Essen zu verzichten war für sie leicht. Sie war ja dünn, 45 Kilo. Jedes Kilo mehr ist ein Problem bei wackligen Kunsthüften. Nicht zu trinken ist ein größeres Problem.

Benutzen Sie das Wort „verdursten“?

Nein, das sagen wir nicht.

Vorher sprachen Sie von verhungern.

Wenn man Sie irgendwo einsperrt und gibt Ihnen nur Wasser, dann verhungern Sie. Aber Sterbefasten ist kein Verhungern, bei dem man sich so elende Zustände vorstellen muss. Wenn Sie bewusst und freiwillig diesen Schritt gehen und nichts mehr essen, wie man es auch beim Heilfasten macht, dann kommt es nach zwei Tagen zur Endorphinausschüttung. Die ist schmerzlindernd, stimmungsaufhellend und stabilisierend.

Hat man das bei Ihrer Mutter gemerkt?

1933

Die Nazis wollen Tötungen durch Ärzte ermöglichen. Während der NS-Zeit bleibt die „Tötung auf Verlangen“ aber letztlich strafbar

Sicher. Sie war super drauf, hat gelacht, Witze gemacht. Wenn nach zwei Tagen die Endorphinausschüttung beginnt, geht der Hunger weg. Das wissen alle, die heilfasten, aber es funktioniert nur, wenn man es freiwillig macht. Hätte ich gesagt: „Mama, gut, du stirbst jetzt, ich gebe dir nichts mehr zu essen und zu trinken“, sie hätte es aber gern noch gemacht, hätte sie keine Endorphinausschüttung gehabt und nicht diese positiven Gefühle erlebt. Dann wäre es richtig ein Verrecken.

Das Bewusstsein steuert die Endorphinausschüttung?

Das ist erwiesen. Wenn Depressive nicht mehr leben wollen und Sterbefasten machen, kann es sein, dass sie nach ein paar Tagen durch die Endorphinausschüttung positiv stimuliert werden und sagen: Ich möchte wieder essen.

Erklärt das auch, warum Magersüchtige so gern fasten?

Genau. Es hat Suchtpotenzial, weil es so positiv ist, auch positiv beim Sterbeprozess. Dank der Endorphinausschüttung kann man das gut durchhalten.

Was ist mit dem Durst?

Es gibt einen Film, „Freiheit zum Tod“, über das Sterben von Marion M. Sie war eine 56-jährige Schwerstkranke, die mit Sterbefasten ihr Leben beendete. Sie hat am Tag 400 Milliliter durch Eiswürfel zu sich genommen. Sie wollte immer noch reden, das Gehirn braucht Flüssigkeit, sonst kann man nicht denken. Mama war das egal, Mama wollte, damit sie uns nicht so belastet, die kürzeste Zeit haben. Sie hat am Tag nur 50 Milliliter durch die Mundpflege zu sich genommen.

1942

Die Schweiz erlaubt "assistierten Suizid". Später bilden sich gemeinnützige Vereine, die diese Art der Sterbehilfe anbieten

Wie geht die Mundpflege?

Im Mundraum sind die Rezeptoren für das Durstgefühl. Wenn die Schleimhäute und der Rachen feucht sind, wird an den Kopf weitergegeben: genug getrunken. Deshalb brauchen Sterbefastende in der letzten Phase dringend Begleitung. Eine gute Mundpflege bedeutet kein oder wenig Durstgefühl. Für junge Menschen gilt dieser Mechanismus nicht. Sie haben einen so hohen Wasserbedarf, damit der Körper funktioniert, da wird das echt zur Qual. Das ist nur für Hochbetagte und Schwerkranke möglich. Bei Marion M. hat das Sterben 21 Tage gedauert. Mit der Menge der Flüssigkeitsgabe hat man im Grunde in der Hand, wie lange der Prozess dauert.

Ihr Mann ist Arzt und begleitete den Sterbeprozess der Mutter. Wurde ihm unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen?

Überhaupt nicht. Die Selbstbestimmung ist im Grundgesetz geschützt. Es war die Entscheidung meiner Mutter, sie ist durch ihre Patientenverfügung gesichert. Sie war frei verantwortlich, davon hat sich mein Mann überzeugt.

Gleichzeitig war Ihr Mann verpflichtet, Ihre Mutter palliativ zu betreuen.

Jemand, der im Sterbeprozess ist, hat Anspruch auf palliative Basisversorgung. Dazu gehören Schmerztherapie, Symptomkontrolle und spirituelle Begleitung. Als Palliativmediziner muss man auch die seelischen und geistigen Bedürfnisse berücksichtigen. Man nennt den ganzheitlichen Anspruch total care. Medizin sollte diesen ganzheitlichen Anspruch auch haben. Das ist ja das Schlimme, dass sie es nur noch im palliativen Bereich hat.

Bezahlt die Krankenkasse in der Palliativmedizin diesen ganzheitlichen Ansatz?

1973

In den Niederlanden wird der Fall einer Ärztin verhandelt, die ihre Mutter mit Morphium erlöste. Die Debatte führt 2001 zur Sterbehilfe-Legalisierung

Ja. Die Palliativmedizin wird hochgehalten, weil sie so gut versorgt, dass sie den Todeswunsch kaum aufkommen lässt.

Bei Ihrer Mutter kam der Todeswunsch aber doch auf.

Meine Mutter wurde zwar palliativmedizinisch betreut, auch bevor sie entschieden hatte zu sterben. Sie hatte Schmerzpflaster, sie ist von uns versorgt worden, trotzdem hatte sie keine Lust mehr auf das Leiden, die Einschränkungen. Alles, was sie als Lebensqualität betrachtete, selbstständig sein, mobil, Anteil nehmen am Leben, ging nur, wenn man ihr half. Sie fragte: „Was soll noch kommen?“ Ins Heim wollte sie nicht. Zu uns auch nicht. Sie wollte ihre Selbstständigkeit bis zuletzt.

Sie haben ein Buch über den Sterbeprozess Ihrer Mutter geschrieben; „Sterbefasten“ heißt es. Die zugrunde liegende Forderung ist der Respekt vor dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen über seinen Körper.

Und über sein Ende. Und es ist uns klar, dass das, rein juristisch gesehen, Suizid ist. Ich habe das Buch auch geschrieben, weil ich wollte, dass Hochbetagte und Schwerkranke wissen, dass es eine Möglichkeit gibt, seinem Leben ein Ende zu setzen, ohne dass man vor den Zug geht oder von der Brücke springt.

Heißt es in der Sterbeurkunde dann Suizid?

2015

In Deutschland wird das im Kern seit 1871 geltende Recht erweitert. Auch die Förderung der Selbsttötung ist nun großenteils verboten

Nein, da steht: natürlicher Tod. Anfänglich ist es ein Suizid, der aber in einen natürlichen Tod übergeht.

Werbung für Suizid ist verboten. Wo steht da das Buch?

Ich will nicht werben. Ich will den Menschen nur sagen: Wenn es nicht mehr weitergeht, gibt es eine andere Möglichkeit. Nicht viele Menschen werden diese Möglichkeit nutzen wollen und können. Man braucht ein familiäres oder freundschaftliches Umfeld, das einen unterstützt und bereit ist, zwei oder drei Wochen neben einem zu sein. Und Sie brauchen ein absolutes Durchhaltevermögen. Zwei oder drei Wochen, das ist schon eine lange Zeit. Aber was ich so schön fand, war – wir haben es geschafft, weiß nicht, warum –, diese 13 Tage wunderbar zu füllen. Wir haben mit meiner Mutter gesprochen, haben Alben durchgeguckt, haben uns um ihre Freunde gekümmert, damit sie sich verabschieden konnten, sie hat den Schmuck verteilt, wir haben ein Familiengeheimnis gelüftet.

Welches?

Dass sie Friseuse war. Niemand durfte das wissen, weil mein Vater ein studierter Mann war. Er wollte nicht, dass man weiß, seine Frau war nur Friseuse. Das kam nicht traurig, sondern fast fröhlich zutage, Mama sagte nur lachend: „Wie, das wusstet ihr nicht?“ Sie wusste ganz genau, dass sie es uns nie gesagt hatte.

Haben Sie das Wort „Sterbefasten“ erfunden?

Nein. In einem alten hinduistischen Buch kommt es schon vor.

Tangiert die Veröffentlichung Ihres Buchs nicht Sterbehilfeszenarien des § 217, wie sie im November 2015 verboten wurden?

Doch, klar. Wir haben bei einem Suizid begleitet. Aber die Begleitung ist im Gesetz straffrei unter bestimmten, in § 217 formulierten Bedingungen.

Solange sie nicht kommerziell ist, oder welche Bedingungen meinen Sie?

Letztes Wegstück

„Zwei Tage vor ihrem Tod sagte sie: Ich glaub, jetzt bin ich tot. Und ich: Nein, Mama, da ist noch Leben in dir, aber es dauert nicht mehr lange. Sie: Ach, dann ist ja gut“

Christiane zur Nieden über das Sterben ihrer Mutter

Solange sie nicht geschäftsmäßig ist. In Absatz 2 heißt es, dass es für Angehörige straffrei ist.

Auch Sterbehilfeorganisationen etwa in der Schweiz sagen, sie machen das nicht geschäftsmäßig.

Sie sagen, sie machen es nicht gewerbsmäßig. Gewerbsmäßig ist, wenn man Geld bekommt. Geschäftsmäßig, wenn es auch ohne Bezahlung auf Wiederholung angelegt ist. Das Gesetz wollte eigentlich nur die Gewerbsmäßigkeit treffen, aber das Wort „geschäftsmäßig“ wird jetzt wie „gewerbsmäßig“ ausgelegt, weil es Wiederholung einbezieht. Wir hatten wirklich das Gefühl, dass die Abgeordneten nicht wussten, was sie da machen, als sie den § 217 beschlossen. Sie wollten die professionellen Sterbehelfer treffen, sie haben das aber so formuliert, dass es in einem Rundumschlag die Palliativmedizin und die Hospizbewegung mit trifft.

Wie?

Obwohl ehrenamtliche Hospizlerin, mache ich Sterbebegleitung ja geschäftsmäßig, weil es auf Wiederholung angelegt ist. Also dürfte ich jetzt keinen mehr begleiten, der sich für das Sterbefasten entscheidet. Wenn der einsam ist, müsste ich sagen: „Tut mir leid, Gesetz ist da, sterben Sie bitte allein, entweder schaffen Sie es oder nicht.“ Das ist ein unmöglicher Zustand. Im Grundgesetz steht, wir haben das Recht auf Selbstbestimmung; das darf nicht durch die Hintertür kriminalisiert werden. Niemand stirbt freiwillig aus Jux und Dollerei. Deshalb halten wir dieses Buch für wichtig. Damit man, wenn man Suizid begehen will, in seiner Verzweiflung nicht vor einen Zug springt und andere dabei traumatisiert oder ein Flugzeug in den Berg krachen lässt.

„Geh rüber, setz dich rüber ins Wohnzimmer, ruh dich ein bisschen aus, und ich sterbe noch ein bisschen“, sagte die Mutter von Christiane zur Nieden

Bewegen Sie sich mit Ihrem Buch jetzt in einer Grauzone?

Solange das vom Bundesverfassungsgericht nicht geklärt ist, ja. Es wäre eine Möglichkeit, das Sterbefasten auszunehmen, weil es kein aktiver, sondern ein passiver Suizid durch Unterlassen ist, der dann in einen natürlichen Sterbeprozess übergeht. Es ist klar: Der Entschluss meiner Mutter ist ein suizidaler gewesen, aber ansonsten unterscheidet sich das von allen anderen Suizidarten.

Es scheint wie eine Art Hintertür, wie die bessere Methode, wenn man sich das Leben nehmen will.

Es ist eine Methode, bei der Sie niemanden brauchen, der Ihnen was besorgt oder gibt. Sondern Sie brauchen jemanden, der Ihnen die Mundpflege macht. Meine Mutter war nicht fit, sie lag die ganze Zeit im Bett, aber diese Marion M. in dem Film, die ist noch rumgelaufen und hat dem Arzt fast bis zum Schluss die Tür geöffnet, hat sich selbst geduscht, die Mundpflege selbst gemacht. Sie brauchen beim Sterbefasten niemanden, der Ihnen etwas verabreicht, sondern Sie verzichten auf etwas.

Trotzdem fürchteten Sie eine Zeit lang, dass Sie wegen Ihres Buchs belangt werden können.

Verboten: 2015 beschloss der Bundestag (360 Ja, 233 Nein, 9 Enthaltungen), dass geschäftsmäßig betriebene Suizidbeihilfe, wie sie etwa von Sterbehilfevereinen angeboten wird, unter Strafe steht: „Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft“ (§ 217). Tötung auf Verlangen des Getöteten und der Versuch sind ohnehin strafbar (§ 216).

Erlaubt: Suizidbeihilfe leisten dürfen Angehörige sowie andere, die nicht regelmäßig oder auf Wiederholung angelegt handeln.

Wir haben mit einem Strafrechtler Kontakt, der sagt, es sei kein Problem, da wir Meinungs- und Pressefreiheit haben. Dem vertrauen wir jetzt. Wissen Sie, in Deutschland ist der Suizid straffrei. Wenn die Haupttat straffrei ist, dann muss die Beihilfe auch straffrei sein. Durch die Hintertür hat jetzt die Regierung Strafe reingebracht. Auch bei der versuchten Beihilfe übrigens.

Leute der Sterbehilfeorganisationen sagen, wenn jemand weiß, es gibt einen sicheren Weg zum Tod, wendet er sich dem Leben zu. Haben die recht?

Es ist doch so: Wenn du eine Tür hast, wo immer „Exit“ leuchtet, dann brauchst du sie nicht. Die am besten verschlossene Tür ist die offene.

Gab es ambivalente Gefühle? Waren Sie je dankbar und froh, dass Ihre Mutter diesen Weg wählte und so vermied, ein Pflegefall zu werden?

Christiane zur Nieden

Die Frau: Zur Nieden ist Heilpraktikerin für Psychotherapie, Mitarbeiterin in der Arztpraxis ihres Mannes und seit 25 Jahren ehrenamtliche Sterbebegleiterin.

Das Buch: „Sterbefasten. Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit – Eine Fallbeschreibung“ erschien 2016 im Mabuse-Verlag und kommt demnächst in zweiter Auflage heraus.

Klar, als meine Mutter tot war, hatte ich unwahrscheinlich viel Zeit, und ich dachte: Du bist richtig befreit. Dann kam ein Loch, als ich merkte, die Befreiung ist nur eines, das Fehlen ist etwas viel Größeres.

Hatten Sie dann Schuldgefühle?

Jeder, der jemanden verliert, den er liebt, hat das Gefühl, er hätte mehr tun können. Aber wenn man die Chance hat, über alles zu reden, ist das das Genialste, was es gibt. Für mich waren diese letzten 13 Tage mit meiner Mutter das Wertvollste, was wir hatten.

Eine kraftvolle Aussage.

Weil wir jede Minute bewusst gelebt haben und alle Tabus gebrochen wurden. Wertvoll ist auch die Spiritualität, die im Sterben liegt, wenn man bereit ist, sie zu erkennen.

In Ihrem Buch steht, dass der Tod in den letzten Stunden schon im Zimmer war. Wie haben Sie ihn gespürt?

Da ist eine ganz besondere Stimmung, eine Aura. Wenn man bei einem Sterbenden dabei ist und er den letzten Atemzug macht, dann hat das etwas Erhebendes. Da kriegen Sie Gänsehaut, das ist so besonders, das ist mit keiner anderen Situation, die man im Leben haben kann, vergleichbar. Man merkt, wie das immer weniger, immer entfernter wird in dem Menschen, aber trotzdem ist er noch da. Und da wir wissen, dass das Gehör und das Fühlen die letzten Sinneswahrnehmungen sind, die noch funktionieren, kann man damit noch etwas geben. Ich habe bei Mama so ein Mantra gesungen, das sie gern mochte. Meine Mutter war so goldig; etwa wenn ich bei ihr war und sie sagte: „Geh rüber, setz dich rüber ins Wohnzimmer, ruh dich ein bisschen aus, und ich sterbe noch ein bisschen.“ Toll fand ich auch, wie sie so zwei Tage vor ihrem Tod zu mir sagte: „Ich glaub, jetzt bin ich tot.“ Und ich: „Nein, Mama, da ist noch ein bisschen Leben in dir, aber es dauert nicht mehr lange.“ Sie: „Ach, dann ist ja gut.“ Und dann hat sie noch mal gefragt: „Bin ich jetzt tot?“ Und da sag ich: „Nein, noch nicht.“ Und sie: „Na gut.“

Waltraud Schwab ist Redakteurin der taz.am wochenende

Juliane Pieper arbeitet als freie Illustratorin und lebt in Berlin