Berlinale-Regisseur Serge Bozon

„Humor, der verunsichert“

„Madame Hyde“ von Serge Bozon war in Locarno der Publikumshit. Bei der Berlinale ist er damit in der „Woche der Kritik“ zu Gast.

Das Foto zeigt Serge Bozon im Gespräch mit Romain Duris und Isabelle Huppert, die allerdings nur von hinten zu sehen sind

Regisseur Serge Bozon im Gespräch mit den HauptdarstellerInnen seines neuen Films. Foto: mk2

taz am wochenende: Herr Bozon, bislang hat es keiner Ihrer Filme regulär in die deutschen Kinos geschafft, dabei laufen französische Komödien in Deutschland eigentlich ganz gut. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum wir uns hier so schwertun mit Ihren Filmen?

Serge Bozon: Ich weiß auch nicht, was mit den Deutschen los ist. Um „Madame Hyde“ als Beispiel zu nehmen: Der Film wurde in ungefähr dreißig Länder verkauft, darunter sind viele europäische Staaten, die Türkei, Tunesien und so weiter – nur eben Deutschland nicht. Aber vielleicht werde ich ja dank der „Woche der Kritik“ hier einen Verleiher finden.

Vielleicht liegt es ja an Ihrem speziellen Humor. Wie würden Sie ihn selber beschreiben?

In der Geschichte des Kinos gibt es natürlich viele verschiedene Arten von Humor, das geht von „primitivem“ Slapstick bis hin zu Woody Allens eher intellektuellem Witz. Ich würde den Humor aber vor allem in zwei Kategorien unterteilen: In der einen wird der Zuschauer in Sicherheit gewogen; er kann darauf vertrauen, dass er bekommt, was er erwartet. In der anderen weiß er nie so genau, was ihn erwartet, daher fehlt diese Art der Befriedigung. Die Komik in meinen Filmen kommt eher durch solche Überraschungen zustande. Es besteht in meinen Filmen ein Zusammenhang zwischen dem seltsamen, auch etwas aggressiven Humor und Themen wie Rassismus und soziale Benachteiligung.

Können Sie ein Beispiel nennen für diesen „überraschenden“ Humor?

In „Madame Hyde“ spielt Romain Duris die vielleicht komischste Figur des Films: einen Schuldirektor. Für mich bietet diese Figur die Möglichkeit, sich lustig zu machen über diese neue Art von „Schulmanagern“ in Frankreich, die vorher nie als Lehrer gearbeitet haben. Er ist eine Art Emmanuel Macron des Schulwesens. Aber im Vergleich zu Macron ist er doch recht exzentrisch mit seinem asymmetrischen Haarschnitt und seiner ausgefallenen Kleidung. Außerdem ist er nicht so manipulativ, sondern sehr aufrichtig – oder vielleicht ist er auch einfach nur dumm. Mit der Zeit wird er auf jeden Fall ­immer widersprüchlicher und komplexer.

Serge Bozon, geb. 1972, ist Regisseur, Schauspieler und Filmkritiker. Sein Regiedebüt „L’Amitié“ (1998) drehte er in nur neun Tagen. „Tip Top“ lief 2013 in der Quin­zaine des Réa­lisateurs in Cannes und wurde mit einer besonderen Erwähnung ausgezeichnet. „Madame Hyde“ ist sein aktueller Film.

Duris spielt ihn auch überzogen, als komische Figur. Das steht im Gegensatz zu den Schülern, die sehr realitätsnah spielen.

Ganz genau, das meine ich mit einem Humor, der verunsichert: Dieser Manager-Dandy trifft auf „echte“ Outcasts aus den Vorstädten – so etwas gibt es nur in meiner Parallelwelt.

Gibt es für Ihren Humor Vorbilder im französischen Kino?

Ich bin ja auch Filmkritiker und glaube, dass ich die Geschichte des französischen Films ganz gut kenne; ich wüsste allerdings nicht, wen ich da nennen sollte. Aber wahrscheinlich überschätzen Regisseure immer ihre Originalität.

Vielleicht ist den deutschen Verleihern der Humor Ihrer Filme ja nicht „französisch“ genug, beziehungsweise sie glauben, die Erwartungen des deutschen Publikums an französische Komödien würden nicht erfüllt. Wenn ich Ihre Filme beschreiben müsste, würde ich auch eher Vergleiche mit osteuropäischen oder britischen Filmen ziehen.

Ich liebe tatsächlich die Filme der tschechischen Nouvelle Vague. Aber wichtig ist mir, dass „Madame Hyde“ nicht nur als Komödie wahrgenommen wird. Die letzten zwanzig Minuten sind sehr traurig. Vielleicht habe ich den Film ja falsch gemacht: Aber ich hoffe, dass die Leute am Ende im Kino weinen. Ich weiß, das klappt bei höchstens zwanzig Prozent der Zuschauer.

Vielleicht erwarten Sie zu viel von der emotionalen Flexibilität der Zuschauer?

Ich weiß nicht. Viele Hollywoodklassiker sind doch ganz ähnlich aufgebaut. Nehmen Sie John Fords „Donovan’s Reef“: Da gibt es am Anfang auch viele Gags, teilweise ganz primitive Sachen wie in „Laurel & Hardy“-Filmen, aber nach und nach wird der Film sehr bewegend – und am Ende weint man. Bei vielen Filmen von Leo McCarey oder Howard Hawks ist das ganz ähnlich. Ich versuche also nicht, originell zu sein. Meine Filme sind keine Kopfgeburten nach dem Motto: Mischen wir doch mal das und das und schauen, was passiert. Ich bin kein bekennender Modernist, im Gegenteil, ich sehe mich in vieler Hinsicht in der Hollywoodtradition.

Widersprechen Sie sich nicht gerade selber? Ich glaube nicht, dass Hawks oder Ford Ihren Humor als „seltsam“ oder gar „aggressiv“ beschrieben hätten. Oder dass sie dem Zuschauer nicht geben wollten, was er erwartet.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Na ja, wir leben ja nicht mehr in den fünfziger Jahren. Ich will es ja nicht genauso machen wie Ford, sondern gewissermaßen nur diese Flamme am Leben halten. Leider haben wir seit den sechziger Jahren im Kino eine Trennung von Kunst und Kommerz. Das klassische Hollywood war noch eins. Die Freiheit und Großzügigkeit dieser Art von Kino erscheint heute vielleicht seltsam, aber dafür bin ich nicht verantwortlich. Ich kämpfe dagegen.

Vielleicht ist diese Trennung unvermeidlich: Das Kino bildet einfach nur die gesellschaftliche Zersplitterung ab.

Sicher, aber ich will etwas dagegen tun, statt diese Situation zu akzeptieren.

„Madame Hyde“ hat ja tatsächlich Ähnlichkeiten mit Filmen über Problemschulen aus Hollywood von „Blackboard Jungle“ bis „Dangerous Minds“: Eine Lehrerin scheitert zunächst an ihrer Klasse von Kids aus Problemvierteln, aber letztlich kann sie sie doch für den Stoff begeistern …

Stimmt, allerdings ist mein Film nicht so optimistisch. Bei mir entwickeln sich die Lehrerin und die Schüler auch nicht nach und nach, stattdessen gibt es eine plötzliche, gefährliche Transformation. Madame Géquil ist seit 35 Jahren eine Niete als Lehrerin. Jetzt ist es eigentlich zu spät. Daher braucht es einen Unfall, ein Wunder, damit sie sich ändern kann. So kommt die „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“-Geschichte ins Spiel, die im Titel schon angedeutet ist.

Sie ändern diese Vorlage allerdings stark.

Ja, das war eine Idee von Axelle Ropert, mit der ich das Drehbuch geschrieben habe. Ursprünglich wollte sie auch Regie führen. Sie hat die Geschichte von Robert Louis Stevenson in mehrerer Hinsicht geändert: Sie spielt heute in einer Banlieue, es geht um eine Frau und um das Thema Bildung.

Die Geschichte wurde auch von ihrem ganzen freudianischen Ballast befreit.

Genau, Madame Hyde ist nicht das unterdrückte „Es“ von Madame Géquil, nicht die Verkörperung einer sexuellen Obsession, eines sadistischen, masochistischen oder antisozialen Triebs. Madame Hyde ist kein Monster, sondern einfach nur sehr fokussiert auf ihre pädagogische Arbeit.

Wofür braucht es da die fantastische Wendung? Hätte man die Geschichte nicht auch sozialrealistisch erzählen können?

Sozialdramen werden ja meistens realistisch erzählt, aber das zwingt sie, alles immer zu nuancieren und auszubalancieren. Dadurch können sie nicht direkt zum Punkt kommen. Um wieder den Vergleich mit dem klassischen Hollywood zu ziehen: Wenn da jemand ein Versager ist, dann ist er ein Versager. Punkt. Wenn jemand ein bisschen ein Versager ist und ein bisschen dies und ein bisschen das, dann verliert ein Film die Schärfe. Daher bevorzuge ich wirkliche Fiktionen, die etwas Unmögliches zeigen. In meinem Film wird eine miserable Lehrerin zu einer hervorragenden Lehrerin in einer einzelnen Szene. Das finde ich viel aufregender, als wenn sie den ganzen Film brauchen würde, um nach kleinen Fortschritten und vielen Rückschlägen dorthin zu kommen. Die Stilisierung erlaubt mir, die unnötigen Details des realen Lebens hinter mir zu lassen.

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Vom 15. bis 25. Februar 2018 finden in Berlin die 68. Internationalen Filmfestspiele statt. Die taz ist dabei und berichtet täglich aus den Lichtspielhäusern und vom roten Teppich.

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