Chefredakteure von „Pardon“ über Humor

Satire muss ein bisschen wehtun

Ein altes Satiremagazin kommt neu auf den Markt. Die Chefredakteure Böhling und Häuser über Humor und Mut im schwächelnden Printbereich.

„Wer lacht nicht gern?“ – Peter Böhling (l.) und Daniel Häuser.  Bild: Alexander von Spreti

taz: Wieso gibt es in Deutschland kaum Satirezeitschriften?

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Daniel Häuser: Die Verlage sind fast ausnahmslos so gestrickt, dass sie neue Titel um Anzeigen herum strukturieren, und da passt so ein Heft wie Pardon nicht ins Denkmuster rein.

Peter Böhling: Satire muss, wenn sie gut ist, dem einen oder anderen wehtun. Und Humor, wenn er gut ist, geht unter die Oberfläche. Das gefällt nicht jedem, zumindest auf Macherseite. Humor gilt oft als Schenkelklopfer, als platt – aber das stimmt alles nicht. Was ist Lachen letztlich? Ein Umgehen mit einer Situation, die ich nicht einordnen kann, die ich noch nicht kenne.

Gibt es in Deutschland überhaupt genug Leute mit Humor, um die Zeitschrift zu verkaufen?

Peter Böhling: Wer lacht nicht gern? Gerade in einer Zeit, die für alle nicht einfach ist. Man sucht nach Dingen, über die man auch lachen kann und nicht die ganze Zeit nur weinen oder kotzen. Wenn du dir die Nachrichten anschaust, sind die überwiegenden Gefühle: Ärger, Angst, Wut. Die Deutschen wollen lachen! Und jeder andere Bereich ist mit mindestens 50 Titeln besetzt, egal ob Hundefrisuren oder totes Fleisch. Wenn es um Lachen und Humor geht, soll es nur ein oder zwei Magazine geben dürfen? Nein.

Daniel Häuser: Der Markt für Humor ist nicht grenzenlos, aber er ist schon groß. Vor allem, wenn man sieht, wie viele Comedy-Sendungen im TV Erfolg haben. Die Frage ist: Wie kann man diesen Erfolg, den Humor im TV hat, auf Print übertragen?

Das 1962 gegründete Satiremagazin liegt nach einer Pause wieder an den Kiosken, vorerst als einmalige Jubiläumsausgabe. Herausgeber ist Ex-Focus-Chefredakteur Wolfram Weimer. Im Vorwort heißt es, man wolle etwas zurückbringen, „was in der Zeitschriftenlandschaft verloren gegangen zu sein scheint: eine spitze Feder“. 

Wieso kaufen dann so wenige Leute den bisherigen Humor-Monopolisten Titanic?

Daniel Häuser: Die Frage nach der Konkurrenz haben wir schon oft gehört. Wir legen aber ein komplett anderes Produkt vor. Unsere Idee ist, ein Heft zu machen, das man mit einem Schmunzeln öffentlich am Kaffeetisch lesen kann. Das heißt nicht, dass wir nicht kritisch sind oder ungefährlich, sondern einfach eine ganz andere Art haben, dieses Heft zu gestalten. Im Idealfall hilft der Fokus auf das Segment allen, nicht nur uns.

Peter Böhling: Bei uns auf dem Heft steht „Feinsinn. Unsinn. Hintersinn“, und das zeigt, dass wir mit einer spitzen Feder die Dinge angehen. Wir glauben, dass das viel mehr Spaß macht und oft auch effektiver ist, als mit dem Holzhammer überall draufzuhauen und danach ist alles Matsche. Die Qualität von etwas Satirischem liegt nicht darin, wie viele Anwälte losgehetzt werden. Provokation ist einfach. Das ist in einer Minute gemacht und dann hast du zehn Anwälte beschäftigt und einen riesigen Rummel. Aber ist das wirklich etwas, das Qualität auszeichnet?

Ist es nicht gewagt, mitten in der Krise ein neues Magazin herauszubringen?

Daniel Häuser: Man muss sich eben noch stärker vergegenwärtigen, was die Stärken eines gedruckten Magazins sind, die Online nicht hat. Was können wir bieten, was auf einem Display nicht dieselbe Wirkung hat und auch in Zukunft nicht haben wird?

Peter Böhling: Es ist uns wichtig zu zeigen: Man kann in einer Situation, in der alle sagen „Print hat keine Chance“, Menschen so begeistern, wie es online eben nicht geht. Die Branche krankt doch vor allem daran, dass es viel zu wenige gibt, die sich trauen, den Kopf ein wenig herauszustrecken, eine Meinung zu haben. Die haben Angst, sie kriegen eins drauf und werden wieder in die stets gleich bleibende Niveaumasse hineingeprügelt. Es gibt zu viele, die zu viel mit sich machen lassen. Aber man braucht eine journalistische Vision. Wenn etwas keinen Spaß macht beim Machen, macht es auch keinen Spaß beim Lesen.

Also brauchen Verlage und Journalisten mehr Mut?

Peter Böhling: Es ist nicht nur der Mut. Mut ist zwar wichtig, um eine Idee zu transportieren, aber es geht nicht immer nur um das Widersprechen an sich. Man muss auch wissen, wann man ein Stück mit dem Strom schwimmt, um dann an entscheidender Stelle auszusteigen und zu sagen: „Moment, da mach ich nicht mit!“.

Daniel Häuser: Mut muss auch gepaart sein mit Ideen, mit Handwerk, mit Können. Gerade in Deutschland wird noch nicht begriffen, dass Humor etwas ganz Tolles fertigbringen kann. Wie heißt nochmal dieses Zitat von Wilhelm Busch? … „Was man ernst meint, sagt man am besten im Spaß.“

Peter Böhling: Genau! Das ist wie der Narr am Hofe. Er hatte die spannendste Aufgabe. Durfte alles sagen, aber musste es auch so verpacken, dass der König lacht. Wenn er das tat, hat er seinen Kopf behalten.

Funktioniert Mut nur gepaart mit Humor?

Peter Böhling: Nein! Mut ist ja nicht per se mit Humor gleichzusetzen. Du kannst auch Mut haben und einen extrem harten Finanztitel auf den Markt bringen.

 

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