DIE WAHRHEIT

Die Hölle im Sandkastengraben

Es ist gerade mal sieben Uhr in der Kindertagesstätte „Adlerhort“. Übernächtigt sitzt Frau Schmidt in ihrem bunkerartigen Befehlsstand ...

Es ist gerade mal sieben Uhr in der Kindertagesstätte „Adlerhort“. Übernächtigt sitzt Frau Schmidt in ihrem bunkerartigen Befehlsstand, tapeziert mit zynischen Kinderzeichnungen. Mit spitzen Fingern zieht sie an einer Zigarette. Seit Wochen schon kommen keine Nachschubkonvois mehr durch. Der Tross ist offenbar im Morast der Bürokratie stecken geblieben. „Keine Feldpost. Keine frischen Bauklötze. Keine Verpflegung. Ich weiß nicht, wie ich meine Truppe über den Winter bringen soll“, seufzt Frau Schmidt, die diesen Abschnitt hier leitet. Die Verantwortung und die Strapazen der letzten Tage haben ihr tiefe Ringe unter die Augen gezeichnet. Keine Aussicht auf Ablösung.

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Beherzt rückt sie den Stahlhelm zurecht und späht nach draußen, aufs Vorfeld. Dort eilen im Laufschritt ein paar kleine Gestalten über den Parkplatz. Frau Schmidt feuert routiniert eine Salve aus Freundlichkeit über die Köpfe der Neuankömmlinge – die antworten mit den üblichen Höflichkeiten, die links und rechts den Putz abbröckeln lassen. „Es nützt nichts“, keucht Schmidt, die rechtzeitig Deckung gesucht hat: „Es sind zu viele. Und es werden täglich mehr. Wenn Sie wirklich wissen wollen, was hier los ist, dann müssen Sie nach vorne, zur Front.“ Der nächste Gefechtsstand befindet sich, gut getarnt, gleich hinter den Toiletten rechts.

Gebückt drücke ich mich den Gang entlang, bemüht, jede Feindberührung zu vermeiden. Zu spät! „Kannu mir die Schu tsubinden?“, prasselt es plötzlich von hinten auf mich ein. Die Druckwelle wirft mich zu Boden, raubt mir den Atem. „Leon!“, erklingt plötzlich die Stimme einer abgebrühten Erzieherin: „Lass den Onkel in Ruhe. Ich mach das schon!“ Gerettet. Leon zieht sich ungeordnet zurück, die Erzieherin treibt mich mit Fußtritten vor sich her in den Gefechtsstand: „Machen Sie das nie wieder, verstanden?!“ Ich erfahre, dass solche Attacken aus dem Hinterhalt schon manchen das Leben gekostet haben: „Sie hören die Frage nicht einmal kommen und haben – zack! – ein Loch im Bauch.“

Kaum habe ich es mir auf einem der winzigen Stühlchen bequem gemacht, plagen mich höllische Rückenschmerzen. Im Zwielicht erkenne ich drei erfahrene Frontkämpferinnen mit erloschenen Augen und getöteten Nerven. Erst gestern, erfahre ich, gab es an diesem Abschnitt einen Durchbruch starker kindlicher Kräfte, flankiert vom unmenschlichen Geheul der Lillifeeorgel. Nur mühsam und unter enormen Verlusten konnte die Attacke durch eine Großtagespflege abgewehrt werden. Ein verzweifelter Gegenstoß blieb in den spanischen Hoppehoppereitern hängen.

Seitdem herrscht Ruhe. Fenster und Türen sind fest geschlossen. Keine Luftunterstützung. „Ohne niedlichkeitsbrechende Waffen kommen wir hier nicht weiter“, seufzt eine erschöpfte Frontfrau. In der sozialen Kälte sind ihr schon zwei Zehen erfroren. Noch vor dem Einbruch des Winters ist Verstärkung versprochen. Schlecht ausgebildete Seiteneinsteiger. Der pädagogische Volkssturm. Wir beten. Das Gebet gibt uns Kraft.

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