Experte zum möglichen Euro-Ausstieg

„Deutschland sitzt in der Falle“

Wenn Griechenland zur Drachme zurückkehren würde, wäre Deutschland der Hauptverlierer, sagt der Finanzökonom Stephan Schulmeister.

Die Rückkehr der Drachme wäre für Deutschland nicht besonders günstig.  Bild: dapd

taz: Herr Schulmeister, sollte Griechenland den Euro verlassen und zur Drachme zurückkehren?

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Stephan Schulmeister: Nein, bloß nicht. Deutschland wäre der Hauptverlierer.

Wieso Deutschland?

Schon jetzt hat in Spanien, Italien, Irland und Portugal ein Run auf die Banken begonnen. Die Menschen dort räumen ihre Konten leer und legen ihr Geld in Deutschland an. Diese Kapitalflucht würde sich dramatisch verstärken, wenn Griechenland aus dem Euro fliegt. Denn dann würde jeder Italiener denken, dass bald auch die Lira zurückkommt – und seine Euros nach Deutschland überweisen.

Was ist daran schlimm?

Das gesamte Gläubiger-Schuldner-System in Europa würde zusammenbrechen. Wenn die Bankkunden in Spanien, Portugal und Italien ihr Geld abziehen würden, wie es jetzt schon die Griechen tun – dann wären drei Billionen Euro auf der Flucht. Das sprengt jeden Rettungsschirm. Dann crasht der Euro.

64, ist Wirtschaftsforscher in Wien. Sein Schwerpunkt sind Finanzmärkte und ihre Folgen für die Realwirtschaft. Zuletzt veröffentlichte er „Mitten in der großen Krise. Ein 'New Deal' für Europa“ (Picus Verlag 2010).

Deutschland sitzt demnach in der Falle …

… in der Falle des Gläubigers. Jede Finanzkrise kennt nur einen Verlierer: den Gläubiger. Denn der Schuldner wird ja seine Schulden los, wenn er nicht mehr zahlen kann. Aber die Deutschen haben durch ihre permanenten Exportüberschüsse ein riesiges Auslandsvermögen in den anderen Eurostaaten aufgebaut. Das wäre dann weg.

Was raten Sie der Kanzlerin in dieser Situation?

Angela Merkel muss ihr Manöver vom Oktober 2008 wiederholen. Damals, mitten in der Finanzkrise, hat sie gesagt: „Alle Einlagen sind sicher.“ Jetzt müsste sie unbedingt EZB-Chef Mario Draghi unterstützen, der eine europaweite Einlagensicherung fordert. Alle 17 Euro-Staatschefs müssten in einer feierlichen Zeremonie erklären, dass man gemeinsam für alle Einlagen haftet.

Aber würden die Spanier und Italiener eine solche Inszenierung noch glauben? Wahrscheinlich würden sie ihr Geld trotzdem nach Deutschland überweisen.

Die Gefahr besteht. Eine Variante wäre, dass die Europäer gemeinsam haften – aber nur für die Konten von Inländern. Die Spanier müssten also ihr Geld in Spanien haben, damit es geschützt ist. Ein solches Vorgehen würde die Kapitalflucht vielleicht stoppen.

Jetzt haben Sie erklärt, warum Deutschland ein Interesse daran hat, dass Griechenland im Euro bleibt. Aber ist das auch im Interesse der Griechen? Wie sollen sie jemals wettbewerbsfähig werden, wenn sie nicht mit einer Drachme die Möglichkeit haben, abzuwerten?

Abwertung ist keine Lösung. 1971 wurden die Wechselkurse international freigegeben. Danach haben Griechen und Italiener mehrfach abgewertet, um ihre Exporte anzukurbeln. Aber langfristig hat das nie etwas gebracht. Denn durch die Abwertung wurden die Importe teurer, so dass die Inflation stieg – und also auch die Löhne. Damit war der Wettbewerbsvorteil wieder weg. Weil die Griechen sich an diesen Mechanismus erinnern, wollen sie im Euro bleiben.

Wenn eine Abwertung nichts bringt – wie sollen die Griechen wettbewerbsfähig werden?

Man sollte aus der Nachkriegszeit bis 1971 lernen. Damals gab es feste Wechselkurse – und trotzdem haben die Südländer aufgeholt.

Der Euro ist eine Art festes Wechselkurssystem. Warum klappt es jetzt nicht?

Die gesamte Spielanordnung hat sich verändert. Bis 1971 lohnte es sich nicht, in reine Finanzaktivitäten zu investieren. Denn der Realzins lag bei null, die Rohstoffpreise bewegten sich nicht, die Wechselkurse waren festgelegt – und Derivate gab es nicht. Also haben die Banken das Geld in die produzierende Wirtschaft gesteckt. Genau diese Strategie benötigen wir erneut. Wir müssen langfristige Vereinbarungen über den Ölpreis abschließen, eine Finanztransaktionssteuer einführen und den Zins nach unten drücken.

Was bedeutet das konkret für Griechenland?

Der Schuldenschnitt war falsch konstruiert. Man hat einfach 100 Milliarden von der Gesamtsumme gestrichen. Aber die Zinslast blieb. Griechenland benötigt einen Zinsschnitt, so dass nur noch zwei Prozent auf die Schulden fällig werden.

Das Kalkül von Kanzlerin Merkel ist klar: Sie will die Eurokrise bis zur Bundestagswahl 2013 aussitzen. Gelingt das?

Niemals. Halb Europa ist in einer Rezession. China allein kann die deutsche Wirtschaft nicht retten.

 

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