Fassaden-Streit

Ist das noch Kunst – oder schon Aurich?

Eine Optikerin lässt die Fassade ihres Hauses in Aurich bemalen. Das Bild stößt auf viel Zustimmung – aber die Verwaltung will es entfernen lassen.

Auricher Zankapfel: Elke Lenk vor ihrer umstrittenen Fassade. Foto: Thomas Schumacher

AURICH taz | Sie hat sich was getraut: Die Auricher Unternehmerin Elke Lenk hat die Fassade ihres Wohn- und Geschäftshauses mit einem surrealen Graffiti-Gemälde bemalen lassen, etwas schrill, auf jeden Fall aber prall und bunt. Sehr ostfriesisch mit Kuh, Blumen und Wiesen und zwei dürren Ärmchen zu beiden Seiten, die das Firmenschild festhalten. Die Auricher BürgerInnen sind hellauf begeistert, die Stadtverwaltung nicht: Das Kunstwerk soll weg, und zwar bis Anfang Dezember.

In einer Nacht- und Nebelaktion turnte der Auricher Graffiti-Künstler Tim Write, so sein Kampfname, an der Fassade des Hauses Burgstraße 45, mitten in der Innenstadt, herum und zückte Spraydosen mit grünem, gelbem und blauem Inhalt. Die Fußgängerzone führt durch die Auricher Altstadt mit vielen historischen Häusern. An Werktagen ist es manchmal schwierig, deren Schönheit zu erkennen vor lauter Markisen, Kleiderständern und Werbeschildern.

„Ich habe mein Haus immer zu einem Gesamtkunstwerk machen wollen“, erzählt die Eigentümerin von Burgstraße 45, Elke Lenk. Aber der Unternehmerin fehlten Künstler und Motiv-Idee. „Bis ich Tom Write kennenlernte“: Der versprach die Fassade umsonst zu bemalen, wenn er denn die Farbe gestellt bekäme. „Das Ganze hat mich 200 Euro gekostet“, sagt Lenk.

Eine Erlaubnis für ihre Kunstaktion hat sie nicht eingeholt: „Ich war mir nicht sicher, ob die Stadtverwaltung die Aktion erlauben würde und wollte einfach mal Initiative zeigen.“ Daraufhin schlug die Verwaltung zu.

„Neben dem Haus von Frau Lenk steht eine denkmalgeschützte Villa. Das Bild ist dominant und zerstört den Eindruck der historischen Umgebung“, meint der zuständige Abteilungsleiter der Stadt Aurich, Kay-Michael Heinze. Zudem habe er Angst vor Nachahmern. Es wäre verheerend für das Stadtbild, wenn sich ein Hausbesitzer zum Beispiel eine Fassade mit Panzern bemalte, so Heinze. „Ich kenne keinen Auricher Hausbesitzer, der das tun würde,“ kontert Lenk.

„Grelle Farben“

„Wir hätten eine solch flächendeckende Bemalung mit diesen grellen Farben nicht genehmigt“, sagt Heinze. Inzwischen habe man sich im Gespräch darauf geeinigt, dass Lenk das Bild bis Anfang Dezember übermalen lässt. „So wie es jetzt aussieht, muss das Bild weg“, sagt Heinze, aber so ganz sicher ist er sich nicht. Ein weiteres Gespräch ist anberaumt. „Ich weiß ehrlich gesagt noch nicht, was ich mache“, sagt Lenk vorsichtig. Eine Verfügung oder juristische Aufforderung habe sie jedenfalls noch nicht bekommen.

Elke Lenk,Graffiti-Freundin

„In anderen Städten sind solche Wandbilder Kult“

Das könnte nach dem niedersächsischen Denkmalschutzgesetz aber geschehen, erklärt Heinze. Aber er wolle den Fall nicht eskalieren lassen. Auch Hauseigentümerin Lenk will kooperativ sein, hofft aber noch, dass das Graffito wenigstens zeitweilig bleiben kann: „Ich hoffe, die Stadt erteilt nachträglich eine Ausnahmegenehmigung.“ Ein Jahr könnte das Bild bleiben.

Lenk sagt, dass sie Zustimmung aus ganz Deutschland bekomme: „Das Bild ist durch alle Medien in Deutschland gegangen. Das ist doch eine Top-Werbung für die Stadt.“ Auch in Aurich selbst freue man sich über die Abwechslung. „Es engagieren sich Fremde für das Bild und reden miteinander; in anderen Städten sind solche Wandbilder Kult“, sagt Lenk. Die Auricher Punkband Knallfrosch Elektro hat sogar Unterschriften dafür gesammelt. Nur einer leiste beharrlich Widerstand: „Ein Auricher SPD-Stadtrat hat mich kritisiert und fordert meine Bestrafung“, ist sich Lenk sicher.

Nie endende Sanierung

Dass sich so viele AuricherInnen hinter die Unternehmerin stellen, hat eine Geschichte. Seit über drei Jahrzehnten wird Aurich saniert. Viele sagen, es werde zu Grunde saniert und so wurde jede Großbaustelle von harschem Bürgerprotest begleitet. Und davon gibt es einige: die wuchtige Konsum-Kaserne „Carolinenhof“, ein Kaufhausklotz mitten in der Innenstadt; der überdimensionierte Marktplatz, den viele als leer und kalt empfinden; die mittlerweile pleite gegangene Markthalle und schließlich das umstrittenste Kunstwerk der Stadt, der surreale „Sous-Turm“, ein Stahlobjekt des Bildhauers Albert Sous.

Zurzeit kämpft die Stadt mit einem Prestige-Bau von Enercon. Das ist einer der größten Windanlagenhersteller der Welt und Aurichs größter Arbeitgeber. Am Stadtrand hat das „Energie-Erlebnis-Zentrum“ initiiert. Dagegen hatte sich im Vorfeld Widerstand geregt: viele AuricherInnen fanden den Bau zu teuer, zu langweilig, zu groß. Auch Gutachter warnten, dass das abgelegene Aurich die erhofften 600.000 Besucher pro Jahr nie erreichen werde. Nun muss die Stadt das Defizit tragen. Kein Wunder, dass ihre BewohnerInnen die bauliche und ästhetische Expertise der Stadt gering schätzen.

Aurichs Denkmalschützer haben durchblicken lassen, sie würden einen zart-grauen, leicht beigen oder weißen Uni-Anstrich für das Lenkhaus vorschlagen. „Das ist langweilig und sieht bald schäbig aus“, schimpft Lenk. Vielleicht könne man das Bild kleiner machen und mit weniger grellen Farben malen, schlägt Heinze vor.

Kritisch beäugtes Jugendzentrum

Im Zuge der Fassadendiskussion sind auch die Graffiti an Aurichs legendärem Jugendzentrum „Schlachthof“ in den Blick der Verwaltung geraten. Die gibt es zwar schon Jahrzehnte, aber: „Wir werden mit den Jugendlichen sprechen“, sagt Heinze, „was man da machen kann.“

Den Blick aufs historische Herzstück der Stadt, das Auricher Schloss, verhindert übrigens ein hässlicher Gerichtsklotz aus den 1960er-Jahren. Mit Graffiti dran! Es ist noch nicht geplant, das Gebäude abzureißen.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de