Kommentar Braunkohle-Proteste

Die guten Außerirdischen

Komplexe Probleme brauchen Symbole. Das Braunkohlerevier könnte das Gorleben der Klimabewegung werden.

viele Menschen im Dunkeln auf Gleisen

Da fährt nix mehr: AktivistInnen blockieren die Gleise der Kohlebahn bei Düren Foto: dpa

In der letzten Woche konnte man an sehr verschiedenen Beispielen studieren, wie öffentliche Aufmerksamkeit funktioniert: Viele Menschen regten sich über die Rolex der SPD-Staatssekretärin Sawsan Chebli auf statt über die CumEx-Deals der Finanzbranche, die den deutschen Staat um mindestens 31,8 Milliarden Euro Einnahmen brachten. Erst die Ermordung des Journalisten Khashoggi führte dazu, dass in Deutschland die Waffenlieferungen an Saudi-Arabien von allen Parteien in Frage gestellt wurden. Der Jemen-Krieg mit Millionen Vertriebenen und einer Hungersnot schließlich blieb jahrelang wenig beachtet.

Was das mit den Protesten und Blockaden des Wochenendes für den Kohleausstieg zu tun hat, an denen sich mindestens 5.000 Menschen beteiligten? Politik braucht Symbole und Vereinfachungen. Gerade wenn es um komplexe Probleme geht: um Krieg, Vermögensverteilung oder eben um Klimagerechtigkeit.

Die AktivistInnen haben es geschafft, das rheinische Braunkohlerevier zu einem Symbol für den komplexen Klimawandel zu machen. Das begann schon Wochen vor den Blockaden von „Ende Gelände“ mit der Räumung des Hambacher Forst. Das gallische Dorf gegen die übermächtigen Römer, das ist das Narrativ der AktivistInnen, das keine Erklärung braucht.

Ende Gelände hat es geschafft, die Proteste im Hambacher Forst mit einer massenhaften Aktion des Zivilen Ungehorsams auf eine neue Stufe zu heben. Die AktivistInnen haben von der großen Aufmerksamkeit für die Räumung der Baumhäuser profitiert. Anders als die Besetzung, die eine Aktion von Wenigen war, ist Ende Gelände eine Aktion der Vielen.

Den Klimawandel fühlbar gemacht

Die aktuelle Dynamik hilft den AktivistInnen: RWE ist ökonomisch in der Krise und der Hitzesommer hat den Klimawandel fühlbar gemacht. Das rheinische Braunkohlerevier könnte also zum Gorleben der Klimabewegung werden. Über Jahrzehnte hat es der Ort im Wendland geschafft, der unsichtbaren Gefahr durch die Atomkraft ein Symbol zu geben. Den AktivistInnen am Hambacher Tagebau könnte es nun gelingen, die unsichtbare Gefahr durch CO2 sichtbar zu machen.

Livemeldung: Für die taz berichten, twittern und streamen von den Protesten im Rheinischen Braunkohlerevier Anett Selle (@anettselle) und Kersten Augustin (@kerstenau).

Natürlich gibt es Unterschiede: die AktivistInnen sind bisher weniger verbandelt mit den AnwohnerInnen, viele Jobs hängen dort noch an der Braunkohle. Und die Aktionsform von Ende Gelände hat für Außenstehende auch hohe Hürden: Viele AktivistInnen sind vermummt, protestieren anonym, mit verklebten Fingerkuppen, sie gehen ein juristisches Risiko ein. Und auch das Übernachten auf Gleisen in einer kalten Oktobernacht hält wohl so manche Menschen vom Mitmachen ab.

Für viele AnwohnerInnen wirken die AktivistInnen in ihren weißen Maleranzügen wie Außerirdische. Bisher kommen die meisten von ihnen aus Großstädten, sind jung, studentisch, kaum migrantisch. Um langfristig erfolgreich zu sein, müsste die Bewegung auch an ihrer Verwurzelung in der Region und den Gewerkschaften arbeiten, so wie es die Bewegung im Wendland mit den BäuerInnen geschafft hat.

Die Anti-AKW-Bewegung hatte mehrere Jahrzehnte Zeit dafür, sich eine breite Basis zu erarbeiten. Die AktivistInnen der Klimabewegung haben einen engeren Zeitplan.

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Der Hambacher Forst ist umkämpft. RWE will ihn für den Abbau von Braunkohle abholzen. Aktivist*innen wollen das verhindern und haben ihn besetzt.

Geboren 1988 in Hamburg. Studium (Politik und Philosophie) in Berlin, Jerusalem und Ramallah. Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München. Als freier Journalist in Israel/Palästina. Seit 2015 Redakteur der taz.am wochenende.

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