Kommentar Glyphosat-Urteil

Toxisches PR-Desaster

Der Wert von Bayer ist nach Gerichtsurteilen um ein Viertel eingebrochen. Das zynische Geschäftsmodell des Konzerns wird immer klarer.

Ein Weizenfeld vor einem blauen Himmel mit Wolken

Kann Spuren von Glyphosat enthalten Foto: Unsplash/Polina Rytova

BERLIN taz | „Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“, heißt es ja eigentlich. Im Falle des Unkrautmittels Glyphosat aber muss man die alte PR-Regel umdrehen: Gute Nachrichten sind schlechte Nachrichten. Denn eigentlich hat Bayer vor dem US-Gericht in San Francisco einen juristischen Sieg errungen. Die Richterin verringerte die Strafzahlung gegen das Unternehmen um fast eine Viertelmilliarde Dollar. Bilanztechnisch gesehen könnte das Unternehmen aufatmen. Bayer stehen in den USA noch Tausende Schadensersatzklagen nach dem Vorbild von Dewayne Johnson bevor. Man könnte rechnen, mit den Rückstellungen, die der Konzern dafür gebildet hat, sei Bayer gut aufgestellt.

Doch diese Logik verfängt nicht einmal mehr an der Börse. Der Aktienkurs des Unternehmens fiel gestern um 12 Prozent, seit dem ersten Urteil im August ist der Unternehmenswert an der Börse um fast 25 Prozent eingebrochen, und das, obwohl Bayer nur 5 bis 8 Prozent seines Umsatzes mit Glyphosat bestreitet.

Die Zahlen belegen eindeutig, welch faules Ei sich der Chemieriese mit Monsanto in den Konzern geholt hat. Das schlechte Image des Glyphosatherstellers war das größte Gegenargument für die Übernahme. Als die Pläne vor zwei Jahren bekannt wurden, sagte Bayer noch, dafür hätte man eine Strategie. Inzwischen muss man fürchten: Es gab nie eine. Es ist noch nicht einmal zwei Wochen her, da wies Bayer-Chef Werner Baumann die Vorwürfe von Umweltschützern scharf zurück. „Dank Glyphosat wird die Menschheit satt“, behauptete er in einem Interview und bezeichnete die Kritik an dem Herbizid als Geschäftsmodell, um Spenden zu bekommen. Nun wird klar, welches Geschäftsmodell Bayer verfolgt: ein äußerst zynisches, wenn es ein Medikament vertreibt, das eine Krebsart heilt, zu deren Auslöser sehr wahrscheinlich Glyphosat zählt.

Trotz des langjährigen mit Gutachten prall aufgeblasenen Streits, ob und wie krebserregend Glyphosat ist: Der Tag an der Börse zeigt, wie wenig es inzwischen noch darauf ankommt, wer am Ende recht hat – Bayer oder die Bayer-Kritiker? Um das Image des weltweit meistgenutzten „Pflanzenschutzmittels“ ist es geschehen. Das sollte auch Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) zu denken geben. Seit April ist sie die Einlösung des Versprechens schuldig geblieben, die Glyphosat-Nutzung in Deutschland zu beenden. Bisher existieren nicht einmal Grundzüge eines Ausstiegsszenarios. Vielleicht sollte sie sich ein Beispiel an Hessen nehmen, wo gerade Wahlkampf geführt wird. Dort setzt Schwarz-Grün bereits einen Plan um, wie man ohne das Gift auf den Äckern auskommt.

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Seit 2001 bei der taz, 2008 bis 2012 Stellvertretender Chefredakteur "der Freitag", seit 2015 Kulinarischer Korrespondent für taz und zeozwei

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