Madrids neue Liebe zum Río Manzanares

Über den Tunneln liegt der Park

Jahrzehntelang konnten die Einwohner Madrids vergessen, dass sie an einem Fluss leben – jetzt erneuert ein kilometerlanger Uferpark die Stadtlandschaft.

Neues Grün für die Stadt: Plataforma del Rey und die Huerta de la Partida  Bild: West 8

Wer verbindet schon Europas anspruchvollstes Parkprojekt mit Madrid? Dabei sind in den letzten Jahren am westlichen Rand der Metropole aus einem No-go-Areal die blühenden Landschaften von Madrid Río entstanden, ein ganz und gar außergewöhnliches Projekt, das die spanische Hauptstadt endlich wieder an den Río Manzanares anbindet. Jahrzehntelang hatten sogar die Einwohner Madrids vergessen, dass sie an einem Fluss leben. Wenn überhaupt, dann war der Manzanares lediglich im historischen Gedächtnis der Stadt verankert.

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Aber wer erinnert sich noch heute daran, dass Philipp II. vor 450 Jahren den flämischen Maler Anton van den Wyngaerde beauftragte, ein Stadtpanorama zu malen – mit Blick auf das grüne Manzanares-Tal und das auf der Anhöhe errichtete Madrid, mit der Festung Alcázar Real?

Über zweihundert Jahre später zeigte eine berühmten Vedute dieser Stadtansicht im Vordergrund ein lebhaft-wimmelndes Treiben von Sommerfrischlern. Deren Perspektive nahm Francisco de Goya 1788 in "La pradera de San Isidro" wieder auf, doch fast alles hat sich verändert. Der Hofmaler Goya hatte die Anhöhe mit dem Palacio Real der Bourbonenkönige vor Augen, der mittlerweile die Stelle des zerstörten Alcázar einnimmt, ebenso die stadtprägende Silhouette der kurz zuvor errichteten Basilika San Francisco el Grande.

Goyas Perspektive auf den Manzanares war jahrzehntelang versperrt, weil sich Madrid ab 1950 nach allen Seiten ausdehnte. Nach der zunehmenden Besiedlung des westlichen Flussufers durch Arbeiterwohnblocks wuchs das Verkehrsaufkommen entlang des Río Manzanares, der bereits vor hundert Jahren zum Kanal begradigt worden war. Ab den sechziger Jahren entstand hier die drei- bis sechsspurige Ringstraße M-30, Spaniens meistbefahrene Verkehrsader.

Die Autobahn muss in die Erde

Vor sieben Jahren startete schließlich das ambitionierte Tunnel-Projekt, das den Verkehr weitgehend unter die Erde verlegte. Erst dieser Eingriff eröffnete die Chance, den Parque Madrid Río entlang des Flusses und oberhalb der zahlreichen neuen Tunnel anzulegen.

In diesem Jahr konnte endlich das Großprojekt abgeschlossen werden. Der acht Kilometer lange Uferpark erstreckt sich jetzt vom nördlichen El Pardo, der früheren Sommerresidenz des Königshauses, bis zum südlichen Vorort Getafe. Mittlerweile sind die Uferzonen des Manzanares nicht mehr wiederzuerkennen. Dort, wo noch vor wenigen Jahren eine Zufahrt zur M-30 den Río Manzanares zerschnitt, überquert heute der begrünte Puente Oblicuo den Fluss.

Einzig am Estadio Vicente Calderón des Fußballvereins Atlético Madrid, das noch nicht zum Abriss freigegeben wurde, klafft die neben dem Fluß verlaufende M-30 wie eine offene Wunde, bis die Autobahn endlich unter der grünen Uferpromenade verschwindet.

Das Rotterdamer Team West 8 und Mrio Arquitectos, ein Zusammenschluss dreier Madrider Architekturbüros, machten nicht nur die zubetonierte Flusslandschaft vergessen, sie restaurierten auch historische Brücken und Bauwerke. An der Segovia-Brücke, dort, wo Goya in seiner legendären Casa del Sordo gelebt und tagsüber in den Anlagen der Casa de Campo den Blick auf die Oberstadt genossen hatte, gestalteten die Landschaftsarchitekten den Salón de Pinos, einen mit knallig roten Holzpfählen markierten Pinienwald.

Auf der westlichen Flussseite restaurierten sie die Huerta de la Partida, die königlichen Barockgärten der Casa de Campo. Von hier aus eröffnet sich endlich wieder der Ausblick auf die Madrider Stadtkronen von Königspalast und Basilika San Francisco.

Den holländischen und spanischen Landschaftsarchitekten gelang hier nicht nur ein sensibler Umgang mit dem historischen Stadtraum, die Restaurierung der nahe gelegenen Puerta del Rey beweist zudem, welch hohen Stellenwert in Spanien die anspruchsvolle Gestaltung des öffentlichen Raums einnimmt.

Es stechen aber auch sehr moderne Akzente in der neuen Parklandschaft hervor. Adriaan Geuze von West 8 spannte in der Nähe der historischen Puente de Toledo die beiden Cascara-Brücken über den Manzanares – mit filigraner Betonkuppel und einem Metalldeck, das von hundert Kabeln abgehängt wird. West 8 und Mrio Arquitectos waren sich einig, die historisch geprägte Topografie mit modernen Mitteln zu interpretieren.

Gedächtnis der Stadt

Dieses Vorgehen zeigt sich überzeugend im Umkreis der Puente de Segovia, die Juan de Herrera Ende des 16. Jahrhunderts errichtete. Hier überraschen die Landschaftsarchitekten mit einer zum Wasser hinabführenden Freitreppe und einer schwimmenden grünen Insel. Und an der gegenüber liegenden Uferpromenade restaurierten sie eine 1718 errichtete Einsiedelei, die durch die kirchenfeindlichen Exzesse während des Spanischen Bürgerkriegs stark zerstört und in den Nachkriegsjahren wieder aufgebaut wurde. Das holländisch-spanische Team orientierte sich dabei an der ursprünglichen Planung Pedro de Riberas, der die Esplanade zwischen Alcázar Real und Río Manzanares mit gepflasterten Wegen, Gärten und Brunnen angelegt hatte.

Die Promenade entlang des Parque Río Madrid offenbart nicht nur die historischen Monumente aus der Zeit Philipps II. und Philipps IV. Auch die Epoche der Industrialisierung wird wieder lebendig. Davon zeugt der 1928 fertig gestellte Schlachthof, ein riesiger Backsteinkomplex, der über sechzehn Hektar einnimmt. Heute heißt die einstige Schlachterei "Matadero Madrid. Centro de Creación Contemporánea" und umfasst die gerade fertiggestellte Bibliothek "Casa del Lector", Ausstellungshallen, Ateliers und ein Filminstitut. Der Matadero Madrid ist zwar ein eigenständiges städtisches Projekt, durch seine Einbettung in die neue Parklandschaft hat sich aber die Wahrnehmung des in den vergangenen Jahrzehnten unterschiedlich genutzten Gebäudes deutlich verändert.

Das Kulturzentrum Matadero, das bislang zur Hälfte umgenutzt wurde, ist zum Teil der grünen Lunge im Süden Madrids geworden. Hier erstreckt sich der Parque de Arganzuela, den man heute durch die neuen Wegverbindungen sowie seine relative Nähe zum Atocha-Bahnhof und der neuen Kunstmeile am Paseo de Prado als durchaus zentrumsnah empfindet. Mittlerweile ist er zum beliebtesten Park von Madrid Río geworden. Dazu trägt die aufgelockerte Anlage bei, 10.000 neu angepflanzte Bäume, fantasievolle Abenteuerspielplätze, Anlagen für Skater und Rollschuhfahrer und sogar ein Fußballplatz.

Strand für Großstadtkinder

Zu dem Freizeitparadies gehört auch ein von zehn Springbrunnen gerahmter Strand, der sich in diesem Sommer als wahres Badevergnügen für die Großstadtkinder herausstellte. Nicht zu vergessen die im April fertig gestellte Puente Monumental de Arganzuela, eine spiralförmige Röhrenkonstruktion des Pariser Architekten Dominique Perrault. Die schattenspendende Brücke, die sich in sanften Linien über dem Uferboden windet, lässt immer wieder Ausblicke auf die Flusslandschaft zu und verwandelt sich nachts in ein phosphoreszierendes Kunstgebilde. Madrids Bürgermeister Alberto Ruiz-Gallardón pries die 278 Meter lange Brückenskulptur bereits als Hauptattraktion von Madrid Río.

Lange hat es gedauert, bis die Madrider ihren Río Manzanares wiederentdeckt haben. Doch heute lässt der abwechslungsreich gestaltete Landschaftspark entlang des Flusses die immer etwas bedrückende Metropolenatmosphäre Madrids vergessen.

 

Gentrifizierung in Berlin-Neukölln, der Bau der Hafencity Hamburg, der Verkauf städtischer Wohnungen in Dresden: taz-Artikel zu diesen Themen werden im Schwerpunkt Stadt gebündelt.

04. 10. 2011

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