Neues „Frittenbude“-Album „Delfinarium“

Der Zucker, der die Straßen verklebt

Das Berliner Scheppertrio Frittenbude bewegt sich mit seinem neuen Album „Delfinarium“ weg vom Antifarave früher Tage. Sie klingen jetzt vielschichtiger.

Ein Update der Goldenen Zitronen plus elektronische Beats und minus Poststrukturalismus: Frittenbude.  Bild: Paul Aidan Perry

Die Frittenbude hat einen schicken neuen Anstrich bekommen. Mehr Blau, weniger Rot. Mehr Grau, weniger Schwarz-Weiß. „Es ist unser bisher verkopftestes Album“, sagt Johannes Rögner, „die Texte sind verspielter, das Sloganizing ist weniger geworden.“

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Rögner sitzt in einem Café in einer ruhigen Ecke Berlin-Neuköllns, nippt an einem Milchkaffee. In der Warteschleife bis zum offiziellen Erscheinen von „Delfinarium“ am Ende dieser Woche sind er und die Band leicht angespannt. „Vor allem, weil wir endlos an den Stücken herumgefeilt haben“, sagt der 30-Jährige.

Rögner, ist Texter und Leadsänger des Elektro-Indie-HipHop-Trios Frittenbude, das – früher undenkbar – seit nunmehr sechs Jahren für linke Inhalte genauso wie für Exzess und Party steht. Der Auftrag war klar: Auf den ersten beiden Alben feierte Frittenbude das Feiern – mit Album Nummer drei fragt sich die Band nun, wo er hin ist, „dieser Zucker, der die Straßen verklebt“. So beschreiten Rögner und seine Mitstreiter, Gitarrist Martin Steer, 26, und Soundtüftler Jakob Häglsperger, 27, auf „Delfinarium“ vorsichtig neue Wege.

„Wobei ich nicht sagen würde, dass das ein Bruch ist“, sagt Rögner, „wir haben uns eben weiterentwickelt. Wär ja auch komisch, wenn nicht.“ Das neue Werk ist dabei Reflexion bisherigen Wirkens und Bestandsaufnahme dessen, wie man als Band noch politische Inhalte transportieren kann, wenn die wichtigsten Claims bereits abgesteckt sind.

Die 15 Tracks auf „Delfinarium“ sind so zunehmend von Zweifeln und Uneindeutigkeit geprägt. Zwar dürfen da noch Songzeilen wie „Hallo Deutschland / Du fühlst dich immer noch so deutsch an“ im Song „Deutschland 500“ stehen, gleichzeitig aber mehren sich die Zeichen politischer und privater Ernüchterung: „Es gab nie ein Dagegen /Nur unser klammheimliches Elend“.

Der Band ist die Entwicklung zu komplexeren Strukturen – musikalisch wie textlich – hörbar gut bekommen. Neben der weiterhin präsenten Einladung zum politischen Rave hört sich das mitunter wie ein Update der Goldenen Zitronen an, plus elektronische Beats und minus Poststrukturalismus. Daneben gibt es melancholischere Indienummern wie „Wings“, die Frittenbude so radiotauglich wie nie zuvor zeigen – ohne Qualitätsverlust. Im Gegenteil. „Ich steh ja eigentlich überhaupt nicht auf dieses eingängige Zeugs“, sagt Rögner, „aber manchmal muss man sich auch von den anderen überzeugen lassen.“

Politischer Rave

Frittenbude haben mit „Delfinarium“ auch ihr erstes Band-Album aufgenommen, die Stücke sind zusammen im Studio entstanden und nicht nach und nach von einzelnen Mitgliedern komponiert. „Seit wir in Berlin sind, leben wir auch alle zum ersten Mal in der gleichen Stadt“, sagt Rögner. Anfang 2011 zogen die aus verschiedenen Teilen Bayerns stammenden Musiker in die Hauptstadt. Das letzte halbe Jahr über arbeitete die Band in einem Aufnahmestudio in Berlin-Lichtenberg nonstop während einer 35-Stunden-Woche an der Musik.

Neben offensichtlichen Einflüssen von DJ-Bands wie Soulwax oder dem Agitprop-Elektro von Das Bierbeben hört man aus den neuen Frittenbude-Songs vor allem die Vorlieben für Musiker heraus, die für Schubladen genauso wenig übrig haben wie sie selbst. Das wären Künstler wie der US-Experimentalrapper Gonjasufi oder die Kalifornier von Why?, die sich an einer Symbiose aus HipHop und Postrock versuchen. Die Vielfalt der Einflüsse – auch die drei unterschiedlichen Zugänge zum Songwriting – macht sich verstärkt auf „Delfinarium“ bemerkbar. Klangteppiche stehen neben klaren, einfachen Beats, harter Sprechgesang neben mehrstimmig gesungenen Refrains.

Auch das dritte Album veröffentlichen Frittenbude wieder beim Hamburger Indielabel Audiolith. Die sind so etwas wie ein Sammelbecken für linken subversiven Elektrosound. Mit Bands wie Egotronic, den Schweizern Saalschutz oder eben Frittenbude sind Audiolith und dessen Betreiber Lars Lewerenz seit Bestehen 2003 stilbildend für dieses Genre.

Um das Label herum entstand über die Jahre ein weit verzweigter Freundeskreis, der zusammen feiert und Nazis verkloppt – so ungefähr. Die Promo-Version des neuen Frittenbude-Albums ist passenderweise mit einer „Alerta, Alerta“-Tonspur versehen. Eingesprochen von Oma Lonny, die das Zeug zum Labelmaskottchen hätte.

Zum Zugpferd des Labels könnten – vorausgesetzt sie machen so konzentriert weiter – Frittenbude aufsteigen. Trotz weniger plakativer Texte ist man meilenweit von Anbiederei oder einer Indie-Selbstzufriedenheit entfernt.

Wer die Bösen sind, wer die Guten, weiß man schon noch ziemlich genau – und tendiert im Zweifel immer zur Direktheit. „Wir freuen uns ja, in der Position zu sein, den Leuten Dinge vermitteln zu können“, sagt Rögner. „Wenn ich einen Song komponiere, in dem ich die Leute auffordere, ihr Leben in die Hand zu nehmen und nicht nur vorm Rechner zu sitzen und Videos zu verlinken, dann will ich damit ja auch was erreichen.“ So gibt es im Frittenbuden-Kosmos auch Worte für die Egos in neoliberal organisierten Gesellschaften.

Geld verbrennen

Wenn Rögner rappt, dass das „Erzählte reicht / nicht das Erreichte zählt“, spricht das für sich. Und seine Überlegung, „bewusstlos alles Geld verbrennen“, weckt Assoziationen zur publikumswirksamen Geldverbrennung des britischen Pop-Künstlerduos KLF.

Frittenbude aber können nur in Songzeilen Geld verbrennen, überschüssiges Bares für Kunstaktionen haben sie nicht. „Wir können aber immerhin von den Konzerten, die wir spielen, leben“, sagt Rögner. Nicht aber vom Tonträger- und Dateiverkauf. „Wir kennen das gar nicht anders“, sagt der Sänger der 2006 gegründeten Band, die ihre Umsätze schon immer mit Konzerten und Merchandising machte.

Generell sieht Rögner das Musikmachen in Zeiten von Web 2.0 optimistisch im Sinne von Punk: „Du brauchst kein Label, kein Booking, keine Promo mehr“, sagt er, „niemandem steht mehr irgendetwas im Wege.“ Dies funktioniert natürlich nur bis zu einem bestimmten – eher niedrigen – Level. Ist eine Band darüber hinaus, geht es ohne professionelle Strukturen nicht. Schließlich profitiert auch Frittenbude von der Wühlarbeit ihres Labels Audiolith.

Mal sehen, wie das mit den Widersprüchen weitergeht: Wenn sie so konzentriert an ihrer Musik basteln wie bisher, steht dem Durchbruch wenig im Wege. „Delfinarium“ deutet bereits Großes an. Dass sie intelligente elektronische Musik machen können, haben sie bewiesen – nun können sie langsam den Weg zum Thron im deutschsprachigen Elektro/HipHop beschreiten. Spannend wird es sein, ihnen dabei weiterhin zuzuhören.

■ Frittenbude: „Delfinarium“ (Audiolith/Broken Silence)
 

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