Parkplatzfragen und Zeitenwandel: Alter Jammer, neuer Jammer

Es ist doch noch gar nicht so lange her, dass die Städte nicht voller Autos standen. Warum tun wir so als wüssten wir nicht, dass Dinge sich ändern?

Zeigt den Fluß und ein restauriertes rotes Backsteingebäude. Reste der alten Wollwäscherei in Döhren, die einst das Viertel prägte.

Leinewehr und ein kleines bisschen Industrieromantik: Hier stand früher die Döhrener Wolle Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Bei dieser Debatte um die Superblocks musste ich wieder an einen alten Dokumentarfilm denken, über den ich im Zuge einer anderen Recherche gestolpert bin. Der zeigt das alte Arbeiterviertel bei der Wollwäscherei in Döhren, den Jammer, dem damals der Abriss drohte.

Er beginnt mit einem sehr langen Blick auf eine der Straßen, man hört einen Hahn krähen und Haustüren klappen, aus denen Menschen in Schlaghosen oder Anzügen treten, mit abgewetzten Aktentaschen, wie sie sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf den Weg zur Arbeit machen.

Und eine Sache, die sofort auffällt, wenn man den Film mit heutigen Augen sieht: Wie anders diese Straßenzüge aussehen, weil nur ganz vereinzelt, in weitem Abstand voneinander, Autos parken, obwohl dort damals viel mehr Menschen gelebt haben als heute.

Der Film ist von 1978. 45 Jahre später hält man es für selbstverständlich, quasi für ein Naturgesetz, dass beide Straßenränder durchgehend zugeparkt sind, und streitet erbittert um jeden Parkplatz, der wegzufallen droht.

Werksparkplätze stehen halb leer

Mein Großvater und mein Urgroßvater sind anfangs auch noch mit dem Fahrrad zur Arbeit im Continentalwerk in Stöcken gefahren. Wenn Schichtwechsel war, spuckten die Werks­tore von Conti und VW Heerscharen von Fußgängern und Radfahrern aus. Erst später baute man riesige Parkplätze und Parkhäuser um die Werkshallen herum, weil immer mehr Arbeiter sich ein Auto leisten konnten.

Heute sieht man die riesigen zubetonierten Flächen im Vorbeifahren zu weiten Teilen leer stehen – nicht weil wieder mehr Fahrrad gefahren wird, sondern weil sich die Anzahl der Arbeiter in den letzten 20 Jahren so dramatisch reduziert hat.

Das gehört zu den Punkten, die mir an den Verkehrswende- und Heizungsdebatten so seltsam erscheinen: Dass immer so getan wird, als wäre das alles ein Angriff auf den eigenen Lebensentwurf (aus reiner Boshaftigkeit, nicht aus Notwendigkeit); als gäbe es ein Menschenrecht darauf, dass alles immer so bleibt, wie es ist, wie man es jetzt gerade gewohnt ist.

Ein Stück verschwundene Arbeiterkultur

Dieser langsame, schwarz-weiße Dokumentarfilm dokumentiert ein Stück Arbeiter- (und Gastarbeiter-)Kultur, das damals schon im Verschwinden begriffen war. Kinder, die auf der Straße spielen, Frauen in Kitteln, die unermüdlich irgendetwas waschen, putzen und wienern, Männer, die im Garten werkeln, gemeinsame Essen und Skatrunden vor der Haustür.

Was alles nicht so romantisch ist, wie es jetzt vielleicht klingt: Man kann auch den Muff riechen und die Verbitterung, die Müdigkeit und diese spezielle Spracharmut, Nuscheln und Achselzucken und „Was soll ich denn sagen?“, die einsilbigen und reduzierten Antworten auf die Fragen der Dokumentarfilmer, bis allenfalls ein paar Bier und Schnäpse die Zungen lösen.

Wir hatten auch Verwandte in dieser Ecke, die kenne ich aber nur von vergilbten Fotos und aus den Erzählungen meiner Oma. In meiner Erinnerung wimmelte es darin von Witwen, die plötzlich ein Dutzend Mäuler alleine stopfen mussten.

Die alte Zeit war selten gut

Auch deshalb hat sie mir immer gepredigt: „Mach’ dich nicht abhängig von einem Mann“, lange bevor Scheidungen ein Thema waren. Nicht weil sie eine große Feministin war: In ihrer Welt kamen einem die Männer anders abhanden, die „blieben im Krieg“ oder waren zerstört, wenn sie wiederkamen, sie starben an heute behandelbaren Krankheiten oder bei Arbeitsunfällen.

Am Montag ist sie 94 Jahre alt geworden. Von außen betrachtet hat sie ein gutes, ruhiges Leben geführt: Fast ein ganzes Leben lang im gleichen Haus gewohnt, bei stetig steigendem Komfort, mit einem in den Wirtschaftswunderjahren erarbeiteten, bescheidenen Wohlstand.

Gleichzeitig hat sich die Welt um sie herum, in einem Ausmaß und einem Tempo verändert, wie kaum zuvor in der Geschichte. Die Erinnerung an „die schlechte Zeit“ hat sie nie verlassen – genauso wenig wie das Bewusstsein, dass am Ende nichts so bleibt, wie es einmal war.

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Niedersachsen-Korrespondentin der taz in Hannover seit 2020

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