Publizist über Medienkrise

„Mut bindet“

Der Publizist Constantin Seibt erklärt, warum der Begriff „Qualitätsjournalismus“ Quatsch ist und Seriosität allein nicht reicht.

Mut zum Sprung – können Zeitungen davon lernen?  Bild: AP

sonntaz: Herr Seibt, Sie fordern die Neuerfindung des Journalismus. Skizzieren Sie das bitte.

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Constantin Seibt: Der Journalismus hat zwei Kernprobleme: Sein Geschäftsmodell zerbricht, weil die Werbung ins Netz geht. Und die Beziehung zum Publikum verändert sich fundamental. Früher verkauften Informationsmedien neben Informationen eine der stärksten Drogen überhaupt: Gewohnheiten. Ein Frühstück ohne Zeitung fühlte sich unvollständig an. So wie ein Abendessen ohne „Tagesschau“. Daraus folgte, dass Journalisten primär den Job hatten, niemanden zu vertreiben. Nicht zu enttäuschen genügte, um ein Gewohnheitspublikum bei der Stange zu halten.

Das ist Vergangenheit?

Richtig. Heute ist erstens unser wichtigstes Produkt – die Nachrichten – inflationär und praktisch wertlos geworden. Und zweitens ist das Publikum wählerisch geworden. Eine Zeitung konkurriert heute nicht nur mit allen Zeitungen der Welt, sondern auch mit Facebook, Twitter, Youtube, Games. Das heißt, dass fehlerfreier, mittelguter Journalismus nicht mehr genügt. Das Publikum muss aktiv begeistert werden. Es muss bei einer Zeitung das Gefühl haben: Wow, das ist mein Ding.

Letztlich ist Frühstück mit Zeitung passé und Journalismus wird auf Mobilgeräten in Häppchen zwischendurch verzehrt?

Das Erfreuliche daran: Hier bleibt unser Job gleich – die möglichst raffinierte Verzuckerung von Neuem. Denn Leser hassen Neues unverzuckert.

Jahrgang 1966, Redakteur beim Zürcher Tages-Anzeiger. In seinem Blog „Deadline“ denkt er über den „Journalismus im 21. Jahrhundert“ nach. Am Samstag erfindet er beim taz.lab in Berlin mit Udo Röbel, Nicole Zepter und Josef- Otto Freudenreich Politiklust, ein Magazin für gesellschaftspolitische Sehnsüchte. Am Samstag, 20 April, im Haus der Kulturen der Welt, ab 15.30 Uhr.

Drei Punkte: Wann ist ein Medium künftig erfolgreich?

Erfolg garantiert in dieser Branche nichts und niemand mehr. Aber ich bin überzeugt, dass die Zeitung der Zukunft drei Punkte berücksichtigen muss: 1. Sie darf nicht kleckern: schon gar nicht in Sachen Themen, Ambition und Herz. Bravheit hat in der globalisierten Aufmerksamkeitsbranche keine Chance. 2. Sie muss ein Projekt sein, mit dem sich Redaktion und Publikum identifizieren. Loyalität wächst heute nicht mehr aus Gewohnheit. 3. Das Handwerk muss präzise durchdacht werden. Denn die erprobten Routinen produzieren nur austauschbare, also unverkäufliche Ware.

War Zeitung womöglich nie Instrument der Aufklärung, sondern auch nur eine Art, seine Zeit zu verbringen?

Das Leben besteht ja auch aus Zeitverschwendung. Und nicht darin, Instrument der Aufklärung zu sein. Gedanken macht man sich dann aus Langweile. Erkenntnis ist auch nur eine Form des Entertainments.

Nicht zu enttäuschen, die politische Linie zu halten, Fehler zu vermeiden – das zählt nicht mehr?

Doch, Seriosität zählt noch. Aber sie genügt nicht mehr.

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Die Titelgeschichte „Müssen wir die Liebe neu erfinden?“, ein Porträt der grünen Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt und ein Gespräch mit dem FAZ-Herausgeber und Bestseller-Autor Frank Schirrmacher lesen Sie in der neuen taz.am wochenende vom 20./21. April 2013. Mit großen Reportagen, spannenden Geschichten und den entscheidenden kleinen Nebensachen. Mit dem, was aus der Woche bleibt und dem, was in der nächsten kommt. Jetzt mit Hausbesuch: Die taz klingelt mal in Raubling. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im Wochenendabo.

Bezahlt wird künftig derjenige, der Leute begeistert. Wie geht das?

Das beste Mittel, ein Publikum fesseln, ist Kühnheit. Mut bindet. Man merkt das ja als Zeitung, dass man bei kühnen Recherchen, Analysen, sogar Gags die Leute auf seiner Seite hat. Falls man nicht abstürzt, denn dann wird man geschlachtet. Die cleverste Strategie, den Journalismus zu erneuern, ist der Tabubruch. Weniger der Bruch der gesellschaftlichen Tabus. Sondern der Tabus der eigenen Branche.

Das heißt?

Man muss den trockenen, pseudoobjektiven Imponierstil killen. Oder Erneuerungen nicht in der Chefetage planen, sondern in Konferenzen mit Redaktion und Leserschaft. Oder ganze Kontinente besiedeln, die die Presse bisher ignoriert hat: das Finstere und Existenzielle, das Reich der Schönheit, die jüngere Vergangenheit. Oder man muss das verwaiste Reich der Intellektuellen übernehmen. Wichtig ist vor allem eine gewisse Unverschämtheit der Pläne. Ohne Unverschämtheit kein Wagnis. Ohne Wagnis keine Identifikation. Und ohne die kein Geld.

Jemand schrieb in Ihrem Blog den Kommentar, Journalisten seien „Sesselpupser“, die nicht plötzlich „aufregend“ werden können.

Der Mann hat wenig Fantasie. Der Journalismus hat über hundert Jahre Erfolg und Routine hinter sich. Kein Wunder, dass er etwas angerostet ist. Was auch heißt: Er lässt sich mit wenig Aufwand anders machen.

Was sind die hohlsten Leitartikelfloskeln, warum Journalismus unbedingt bewahrt werden muss?

Der hohlste Unfug ist wohl: Ohne Journalismus würden die Leute verblöden. Leider bleiben die auch ohne Zeitungen intelligent.

Ist Journalismus ein Menschenrecht?

Nein. Aber es ist die sozial am wenigsten definierte Industrie von allen: Als Reporter kommt man unter Bauarbeiter wie ins Bundeskanzleramt. Diese Nichtfestgelegtheit macht Journalismus zum aufregendsten Job der Welt. Und die Presse zur perfekten Institution, um andere Institutionen zu zu ärgern. Und gelegentlich sogar zu ängstigen.

Definieren Sie, nach welcher Logik FAZ oder taz vom Staat subventioniert werden müsste, Bild und der Dorf-Bote aber nicht?

Es gibt keine. Über die Frage, wie man lebendige, vom Staat oder per Stiftung finanzierte Nachrichtenorganisationen baut, ist noch zu wenig nachgedacht worden.

Gibt es einen publizistischen Auftrag, die Gesellschaft zu verändern oder zu retten?

Ich halte es hier mit Hannah Arendt: Den Auftrag, einen neuen Anfang zu machen, hat jeder Mensch durch Geburt.

Der Begriff „Qualitätsjournalismus“?

Er ist ein Krisensymptom. Etwas wirklich Einleuchtendes braucht das Präfix „Qualität“ nicht. Es gibt keinen Qualitätssex oder Qualitäts-Rolls-Royce. Der einzige Ort, wo man sonst von Qualität spricht, sind Billigläden.

Sie sagen, die besten Artikel seien immer nur Transportvehikel für Kleinanzeigen und Immobilienteil gewesen. Ihre auch?

Jep. Und das hatte ja auch Charme: Schreibender in einer Würstchenbude zu sein. Nur verschwinden ja jetzt die Anzeigen ins Netz.

Noch eine These von Ihnen: Opposition gegen die Herrschenden ist letztlich auch nur Opportunismus und Geschäftsinteresse, weil damit die Zeitung verkauft werden soll.

Auch für Zeitungen gilt, was Hitchcock sagte: Je größer der Schurke, desto besser der Film. Der Kampf gegen Mächtige ist immer auch eine gute Show. Also ein Geschäft. Deshalb rentiert sich zahnloser Nachrichtenjournalismus auch nicht: So wie ein zahnloser Hundekampf.

Sollte man ein Thema auf die Seite eins nehmen, über das keiner spricht, weil man will, dass Menschen darüber sprechen?

Es gibt für linke Zeitungen immer zwei Optionen. Entweder man fährt die Nische groß: den Biobergbauern oder den albanischen Lyriker. Oder man begibt sich in die politische Arena, wo sich alle tummeln, und versucht dort origineller, frecher und böser als der Rest zu sein. Also den Bürgerlichen zu zeigen, was eine Harke ist. Die taz versucht es auf ihrer Frontseite mit letzterer Strategie und sie hat Recht.

Darf in guten Geschichten auch Sex vorkommen?

Das Hauptproblem bei Sex ist, dass als Hauptakteur ein großes, stummes Organ beteiligt ist, das nur wenig Worte kennt: die Haut. Deshalb gibt es fast keine vernünftigen Geschichten über Sex. Sondern nur, wenn es davor, danach oder dabei Ärger gibt.

Warum erfinden wir Journalisten unsere Arbeit nicht einfach neu, statt zu lamentieren, wie schlimm alles wird?

Gelegentliches Fluchen ist angebracht. Aber Journalismus ist eine Sache, für die es sich zu kämpfen lohnt. Ich hatte einen Großonkel, der war Landarzt. Eines Tages kam ein Bauer zu ihm, der Masern hatte. Der fragte ihn: Was soll ich tun? Mein Großonkel antwortete: Seien Sie glücklich. Denn wenn Sie nicht glücklich sind, werden Sie auch Masern haben.

 

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