Streit um die letzte Ruhestätte

Welches Grabmal soll's denn sein?

Die NRW-Landesregierung will islamische Friedhöfe zulassen. Kirche und der Ver.di-Landesverband sind darüber nicht gerade erfreut.

Muslimische Gräber auf dem ansonsten christlichen Sennefriedhof in Bielefeld. Bild: imago/ecomedia/robert fishman

KÖLN taz | Noch bis Ende August können Interessierte beim Grabmal-Ted des Vereins Aeternitas mitmachen. Motive wie Wellen oder Pusteblumen ringen um den Titel „Bestes Grabmal des Jahres“. Einige Motive zeigen christliche Symbole. Für Muslime ist nichts im Angebot.

„Grabsteine für Muslime sind eher ein Randgebiet für Steinmetze“, sagt Alexander Helbach vom Verein Aeternitas, der sich als Lobby für Kunden von Friedhofsbedarf versteht. Die klassische Erdbestattung ist längst nicht mehr die Regel. Urnenwände werden immer populärer. Auch Baumbestattungen in Wäldern nehmen zu.

An Menschen muslimischen Glaubens geht der Trend zur individuelleren Beerdigung jedoch vorbei. Das will Nordhrein-Westfalens Landesregierung jetzt ändern. Religiöse Vereine sollen die Erlaubnis bekommen, muslimische Friedhöfe zu betreiben.

Nach Schätzungen der türkisch-islamischen Union Ditib werden nur 5 Prozent der in Deutschland verstorbenen Muslime hierzulande beerdigt, 95 Prozent aber zur Bestattung in ihr Ursprungsland überführt. „Vor allem Migranten der ersten und zweiten Generation wollen in ihrer ehemaligen Heimat bestattet werden“, sagt Bekir Alboga, Vize-Generalsekretär im Ditib-Bundesvorstand.

Räume für rituelle Waschungen fehlen

Bei ihren Kindern und Enkeln wird das anders aussehen. Doch die meisten Friedhöfe sind darauf nicht vorbereitet. Es fehlen Räume für rituelle Waschungen des Toten. Auch dürfen im muslimischen Glauben Gräber nicht schon einmal mit Verstorbenen belegt gewesen sein.

Ditib begrüßt deswegen, dass die Landesregierung das Bestattungsgesetz überarbeiten will. „Wer baut, der bleibt. Es ist ein Schritt zur Normalität, wenn es neben christlichen und jüdischen Friedhöfen auch muslimische in Deutschland gibt“, sagt Alboga. Es sei wichtig für die Gemeinden, eigene Ruhestätten zu haben. Auch der Landesintegrationsrat begrüßt die Idee: „Es ist nicht tragbar, Menschen in diesem Land leben zu lassen und nach ihrem Tod ins Ausland zu schicken.“

Aber es gibt Widerstand. Bislang ist die Trägerschaft eines Friedhofs an den Status als öffentlich-rechtliche Körperschaft gebunden. Den haben muslimische Religionsgemeinschaften im Gegensatz zu christlichen Kirchen nicht. Der katholischen Kirche im Rheinland sieht durch eine Änderung ihre Privilegien in Gefahr. Die vorgesehene Regelung komme einer faktischen Aushebelung des in der Verfassung gewährleisteten Korporationsstatus der öffentlich-verfassten Kirchen gleich, heißt es. „Den nachvollziehbaren Anliegen der Muslime könnte alternativ dadurch entsprochen werden, dass den Kommunen auferlegt wird, entsprechende Bestallungsflächen auszuweisen“, heißt es aus der Kirche.

Solche Flächen gibt es bereits. Sie würden aber nicht in dem erhofften Maß angenommen, sagt Barbara Meißner vom Städtetag NRW. Auch die Gewerkschaft Ver.di NRW ist gegen die Einrichtung islamischer Friedhöfe. „Es gibt genügend freie Flächen, um auf Friedhöfen spezielle Grabstellen für Moslems auszuweisen“, sagt Gewerkschaftssekretär Martin Nees. Friedhöfe seien eine Begegnungsstätte für Menschen unterschiedlicher Weltanschauungen.

Den Friedhöfen gehen die Leichname aus

Ver.di ist generell gegen die Einrichtung neuer Friedhöfe, vor allem durch private Anbieter. Denn die bestehenden Friedhöfe leiden mittlerweile unter Überkapazitäten. Im Ruhrgebiet ist bereits jede zweite Beerdigung eine – preiswertere – Urnenbestattung. Dadurch liegen Flächen auf den Friedhöfen brach, die Gebühren für die Nutzer steigen. „Es gibt nur noch selten große Familiengrabflächen“, sagt Rolf Harbaum vom Gartenbauverband Westfalen-Lippe, der die Friedhofsgärtnereien vertritt.

Früher galt die Regel: ein Toter pro Grab. Heute werden jedoch immer öfter mehrere Urnen in ein Grab gestellt. Oder Tote eben in einer Grabkirche oder im Wald bestattet. „Wir als Berufsstand wollen den Friedhof aber als Ort der Trauer erhalten“, sagt Harbaum.

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