Wendekinder

Der Osten kann jetzt auch Englisch

Sie haben ihre Kindheit in der DDR verbracht und wurden in der BRD erwachsen. Über diese Erfahrungen wollen sie reden.

Wendekinder: geboren in der DDR, aufgewachsen in der BRD Bild: AP

Adriana Lettrari ist zehn Jahre alt, als die Mauer fällt. Fortan hört das Mädchen von ihren Eltern Sätze wie: „Kind, jetzt musst du sehr gut in der Schule sein, du musst jetzt alles allein schaffen. Wir haben finanziell nichts, was wir dir mit auf den Weg geben können.“ Die Familie wohnt in Rostock an der Ostsee, die Mutter leitet dort eine Grundschule und will, dass aus ihrer Tochter „etwas Vernünftiges“ wird.

Gegründet wurde das Netzwerk vor vier Jahren von Wendekindern - eine der Gründerinnen war Adriana Lettrari. Sie hatte sich darüber geärgert, dass bei einer Talkshow zum Thema Mauerfall neben dem Ostdeutschen Wolfgang Thierse "nur ältere westdeutsche Herren" saßen.

Das Netzwerk will eine Plattform für Theoriediskurse und Projekte sein. Ein konkretes Projekt untersucht, wie ostdeutsche Wendekinder zur Religion stehen. Zwei Drittel aller in der DDR aufgewachsenen Kinder sind jenseits religiöser Bindungen aufgewachsen. Erste Ergebnisse der Forschung sollen im Februar auf einer Tagung vorgestellt werden. www.dritte-generation-ost.de

René Sadowski lebt zu jener Zeit in Friedrichshain im Osten Berlins, er ist 14 und gerade in der Pubertät. Laut Psychologen für junge Menschen eine schwierige Zeit, mit zahlreichen inneren Konflikten. Dazu kommen nun äußere Veränderungen, die das gesamte Leben auf den Kopf stellen. Fast jeden Tag ist der Jugendliche „drüben“, in Westberlin. Clubs, kreative Leute, die Techno-Szene, er nimmt mit, was er kriegen kann. René Sadowski sagt: „Eine Superzeit. Für mich kam der Mauerfall gerade richtig.“

Lettrari und Sadowski wurden auf recht unterschiedliche Weise ins neue Leben „geschubst“. Und doch verbindet die beiden mehr, als auf den ersten Blick erkennbar ist: Sie sind sogenannte Wendekinder. Sie haben ihre Kindheit in der DDR verbracht und sind in der BRD erwachsen geworden. Sie tragen beide Systeme immer noch in sich, sagen sie. Und sie nennen sich die dritte Generation Ost.

Dritte Generation Ost. Das klingt wie eine saubere soziologische Definition. Als seien die heute 30- bis 40-Jährigen aus dem Osten eine homogene Masse. Doch da sind nicht nur Lettrari und Sadowski, die ihre Chancen im vereinten Deutschland zu nutzen wussten. Da sind auch jene, die in Brandenburg abhängen und nichts auf die Reihe kriegen. Die jungen, gut ausgebildeten Frauen und Männer aus Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt aber gehen in die Schweiz, nach Kanada und in die USA und machen dort Karriere. Es gibt welche, die sich als Europäer bezeichnen, und andere, für die das alles gar keine Rolle spielt. Die dritte Generation Ost ist ein Phänomen, das sich nicht mit einem Wort beschreiben lässt und wissenschaftlich bislang kaum erforscht ist.

Das treibt Lettrari und Sadowski um. Das wollen sie ändern, sie wollen darüber reden. Mit rund 150 weiteren Wendekindern (und ein paar aus dem Westen) haben sie das am Wochenende in Berlin auch getan. Bereits zum vierten Mal hat sich das Netzwerk 3. Generation Ost, dem Lettrari und Sadowski angehören, getroffen. Es ging um Identitäten und Biographien, um Wirtschaft und Wissenschaft, um Politik und Macht.

Angela Merkel kommt aus Mecklenburg-Vorpommern und wurde, als sie noch nicht Bundeskanzlerin war, auch schon mal „Zonenwachtel“ genannt. Das passiert den Wendekindern heute nicht mehr. Selten werden sie gefragt, woher sie kommen, sie machen im Osten wie im Westen Karriere. Lettrari ist Verlagskauffrau, Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin und arbeitete im Bundestagsbüro des damaligen Grünen-Abgeordneten Fritz Kuhn. Sadowski studierte Betriebswirtschaft und Energiepolitik, er lebte in Belgien und in den Niederlanden.

Die Wendekinder nutzen die Chancen, die ihnen die neue Zeit bietet, zu hundert Prozent. Sie sprechen mehrere Sprachen, sie kommen in der Welt herum und haben keine Angst vor der Zukunft. Sie haben ihre Eltern überholt und wollen sich nun revanchieren und „der Gesellschaft etwas zurückgeben“. Sie nennen es „Point Zero“, den „Beginn von etwas Neuem“.

Aber wie macht man das? Reden allein reicht nicht. Und es reicht ebenso wenig, sich immer nur über Ost und West und die „Transformationskompetenz“ der Wendekinder auszutauschen. Da müssen jetzt auch MigrantInnen her, das Netzwerk will sich öffnen. Die dritte Generation Ost und manche junge Menschen mit Migrationshintergrund scheinen einiges gemeinsam zu haben: Bildungshunger, Mobilität, Flexibilität. Sie wollen anerkannt sein und nicht reduziert werden auf ihre Herkunft. Eine von ihnen ist Esra Kücük, 30, Hamburgerin, türkischer Migrationshintergrund, heute Chefin der Jungen Islamkonferenz. Beim Treffen in Berlin sagt sie: „MigrantInnen und Wendekinder tragen hybride Identitäten in sich. Damit können sie eine entscheidende Rolle als Mittler einnehmen.“ Das klingt gut. Aber funktioniert das auch?

So wiedervereinigungsunverletzt und so weitsichtig, wie sich die dritte Generation Ost gern gibt, ist sie nicht in jedem Fall. Wenn ein junger Soziologe auf dem Treffen in Berlin beklagt, dass viele Westdeutsche immer noch nicht im Osten waren, zeigt sich darin erneut die große ostdeutsche Wut gegenüber westdeutscher Ignoranz. Gleichzeitig ist der Osten dem Westen offensichtlich nicht so egal, wie der immer behauptet. Zumindest nennt der Spiegel-Autor Georg Diez es „bräsig“, dass schon wieder ein Ostdeutscher den Deutschen Buchpreis gewonnen hat.

Nun kann man Diez’ Einschätzung als Neid abtun. Man kann es aber auch so sehen: Da sitzt einer, der im Westen überbehütet aufgewachsen und als 45-Jähriger gut gesattelt ist, in einer Runde Ostdeutscher und MigrantInnen und macht sich nicht einmal die Mühe, sich kulturell zu öffnen. Er redet und redet und redet, um dann zu sagen: „Typischer westdeutscher Ego-Shooter.“ Das sollte (selbst)ironisch sein, gelacht hat aber niemand. Später nuschelt er noch irgendwas vor sich hin, dann sagt er: „Jaja, die Westdeutschen, reden immer Englisch.“ Der Satz, den er nicht sagt, wohl aber denkt, lautet: Im Osten versteht ja sowieso keiner Englisch.

Stimmt. Aber das war vor der Wende. Bräsig heißt ins Englische übersetzt übrigens sluggish.

 

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