Das geheime Tagebuch der Carla Bruni. Heute: Wie ein Schmetterling ohne Flügel.

Die Socken der Verflossenen

Das geheime Tagebuch der Carla Bruni. Heute: Wie ein Schmetterling ohne Flügel.

Nur noch eine leere Hülle - ohne Aufgabe, ohne Zweck: die Kleiderpuppe des Präsidenten.  Bild: reuters

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Dienstag, 1. April 2008

Nach dem Mühen der letzten Wochen erlebe ich endlich wieder glanzvolle Tage. Es ist wie zu meinen besten Tagen als Modell! Als Enfant terrible bin ich nach England gereist - als "Première Dame des Stils" bin ich zurückgekommen. Seit unserem Besuch rennen mir die Modemacher die Tür ein. Windsor, Escada, Laurél & Hardy - sie alle werfen mir ihre (Schreckschrullen-) Kleider vor die Füße - ich brauche sie nur aufzuheben. Alle wollen mich! Endlich bin ich wieder im Gespräch. Und endlich, endlich nicht wegen meiner Ehe, meiner Intelligenz, Eloquenz oder meiner Musik. Sondern einfach wegen meines Äußeren. Wegen meiner Schönheit und meiner Grazie. Diese Momente sind mir die liebsten - wenn es einzig darum geht, dass ich leuchte. Aus mir heraus für die anderen. Wenn ich der Stern an ihrem Firmament bin und nichts leisten muss, außer zu sein.

 

Dienstag, am Abend

Heute war eine mit Wachsfarben gemalte Karte in der Post. Von Eric (Clapton, Anm. d. Red.) aus der Psychiatrie. Viel Bunt, viel Schwarz, viel Wirrwarr. Zuerst dachte ich, es sei eine Spendenbitte vom Waldorfkindergarten, aber nein, Eric wollte sich für die Trauben bedanken, die ich ihm habe schicken lassen. Er sagt, er fühle sich schon besser, die Ärzte seien sehr gut und die Medikamente würden bewirken, dass er schon wieder klarer sehe. So klar kann er aber doch noch nicht sehen, meint er doch, das Bild zeige mich! Jedenfalls sagt er, lerne er nun, dass seine Liebe zu mir nur eine Projektion sei und es in Wahrheit um das Verlassenwerden durch seine Mutter geht - der übliche Psychokram. Und ob ich ihm einen Strumpf schicken könnte - ich weiß nicht, was das nun wieder soll, hoffe aber, dass es ihm hilft. Wahrscheinlich basteln sie in der Therapiegruppe Voodoo-Püppchen aus den Socken Verflossener und befreien sich so von den Dämonen der Liebe … Ich weiß, ich sollte nicht so garstig sein und Mitleid mit dem armen Kerl haben. Hab ich auch. Ich pack ihm nachher eine ein.

Ich habe neue Büroräume bezogen. Ich. Büroräume. Wozu ich die brauche, weiß ich nicht. Aber es ist auf jeden Fall gut, welche zu haben.

 

Donnerstag, 3. April

Ich bin ganz schrecklich aufgewühlt! Ich dachte, Eric sei in der geschlossenen Abteilung, fern von aller Verbindung nach außen - aber irgendwie muss er an ein Telefon gekommen sein. Es klingelte, ich hob ab und eine völlig hysterische Stimme brüllte los: Was ich mir dabei gedacht hätte, ob ich meine, ich könnte ihn verarschen, dann folgten böse Beschimpfungen, bei denen "Miststück" noch die Harmloseste war. Natürlich habe ich ihn gleich erkannt, er schrie ja auf Englisch, aber ich habe nicht gewusst, was er wollte. Er brüllte immer nur "The sock, the sock!" - irgendwann habe ich verstanden, um was es geht. Er hatte gewollt, dass ich ihm eine BENUTZTE Socke schicke! Eine getragene - puah, wie unappetitlich! Ich habe versucht, mich durch das Singen eines Heilmantras zu beruhigen, aber es will nicht greifen. Vielleicht sollte ich mir ein kleines Tütchen bauen. Ich weiß, Drogen sind keine Lösung. Außer manchmal.

 

Freitag, 4. April

Die Sache mit Eric setzt mir doch mehr zu, als ich zunächst dachte. Sein Anruf hier ist wie ein Eindringen. Dieser Irrsinn, der auf einmal im Raum war. In MEINEM Raum … Und überhaupt, es ist, als hätte sich nach England ein riesiges Loch aufgetan. Kaum dass die Aufregung verebbt, habe ich das Gefühl, nur eine leere Hülle zu sein. Ohne Aufgabe, ohne Zweck. Ich bin die Kleiderpuppe des Präsidenten. Wie in England. Und so wird es bleiben: Wenn er in irgendeiner Bananenrepublik punkten muss, werde ich aus dem Schrank geholt und darf aufmarschieren. In einem tantengrauen Taubenkostüm, mit einer Fußhaltung, dass man meint, ich hätte mir Sekundenkleber zwischen die Schenkel geschmiert. Dabei will ich doch nur ich sein. Carla, das Mädchen mit der Gitarre. Es ist, als hätte man dem Schmetterling die Flügel ausgerissen. So, als läge mein Körper kraftlos am Boden, und er kann sich einfach nicht mehr erheben.

 

Sonntag Abend, 6. April

Nici ist so lieb zu mir. Er merkt, dass es mir nicht gut geht, aber ich möchte ihn nicht mit meinen kleinen Wehwehchen belasten. Es ist schon genug, dass er seit England nur noch "Mr. Bruni" ist. Und auch, dass meine Intervention bei der Besetzung des Chefpostens in der Villa Medici durch die Presse ging, war seinem Ego nicht gerade zuträglich. Da am Wochenende alle Kinder bei uns waren, schlug er vor, einen Familienausflug zu machen, eine Wanderung im Wald. Ich fand die Idee sehr schön und romantisch, etwas zu tun, das unserer Privatheit, unserer Innerlichkeit dient und war dann etwas überrascht, als Nici mit Rucksack, Knickerbockern und Wanderstiefeln auflief. Wir flogen mit dem Hubschrauber an den Stadtrand, zum Wald. Als wir ankamen, war die gesamte Presse vor Ort. Ich muss sagen, das hatte ich mir doch ein bisschen anders vorgestellt.

SILKE BURMESTER

Die Wahrheit auf taz.de

 

Alles über die Bruni im Élysée-Palast und ihren Alltag mit Sarkozy. Auf der Wahrheit.

08. 04. 2008

Silke Burmester ist mittwochs auf der taz-Medienseite als „Kriegsreporterin“ im Einsatz. Sonntags kürt sie bei Spiegel Online die „Helden der Gegenwart“. Ihre Themen sind Gesellschaftspolitik, Medien und Kultur. Außer für ihre Liebe, die alte Tante taz, schreibt sie u.a. für Die Zeit, das Zeit-Magazin, billige Studentenblätter und ja, sie macht auch PR. 2012 veröffentlichte sie „Beruhigt Euch“ ein Pamphlet gegen die Hysterie der Medien, 2008 „Das geheime Tagebuch der Carla Bruni“. Silke Burmester ist Mitglied bei ProQuote und bei Freischreiber.

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