Christopher Lauer über Piraten

„Ich find‘ die Frage blöd“

Die taz wollte Christopher Lauer nach seinen Zielen und den Inhalten der Piraten befragen. Lauer wollte lieber die taz anpöbeln. Hier das Gespräch im Wortlaut.

Lauer (l.) not amused: „Ich find die Frage blöd.“  Bild: dpa

Christopher Lauer will auf dem nächsten Parteitag als Landesvorsitzender der Piraten gewählt werden. Die taz hatte dazu einen Interview-Termin bei ihm im Abgeordnetenhaus vereinbart. Hier der Wortlaut des Gesprächs, einen Audio-Mitschnitt gibt es zum Download als MP3:

taz: Also, warum wollen Sie Landesvorsitzender werden?

Ja weil wir im Moment von den Strukturen her im Berliner Landesverband irgendwie in einem Zustand vor 2009 sind, das finde ich schwierig. Und weil es schön wäre, wenn wir 2016 wieder ins Abgeordnetenhaus kämen, um die Piratenpolitik fortzusetzen. Und, ja, das möchte ich dann halt als Landesvorsitzender tun.

Sie sind zwar einer der bekanntesten Piraten in Berlin, auch deutschlandweit, aber nicht unumstritten. Wieso gerade Sie?

Wieso gerade Sie – was?

Warum gerade Sie die richtige Person sind, als Landesvorsitzender.

29, aufgewachsen in Bonn, trat 2009 in die Piratenpartei ein. Seit September 2011 ist er Abgeordneter sowie innen- und gesundheitspolitischer Sprecher der Fraktion.

Na, ich trau mir das halt zu.

Die Europawahl steht vor der Tür, da droht die Drei-Prozent-Hürde. Mit welchen Inhalten wollen Sie denn das Ruder noch rumreißen?

Da müssen Sie unseren Bundesvorsitzenden fragen zum Europawahlkampf, oder? Oder, das ist doch jetzt `ne schöne Gegenfrage, das können wir dann vielleicht auch noch in dieses Interview packen, weil sich die taz ja auch gerne medienkritisch gibt: Warum denken Sie denn, dass es ganz gut wäre, den Kandidaten für den Landesvorsitz in Berlin zu fragen, wie er bei der Europawahl das Ruder für die Drei-Prozent-Hürde rumreißen möchte?

Ja, gut.

Könnten Sie das nochmal erläutern vielleicht?

Der Landesverband Berlin ist ja auch einer der stärksten Landesverbände der Piraten in Deutschland…

…ja, aber Sie wissen doch, wie die Europawahl abläuft, oder?

Ja.

Ja. Also was...

Sie sehen sich jetzt nicht mit der Europawahl konfrontiert?

Ja doch, natürlich ist das, natürlich ist das wichtig, dass wir bei der Europawahl in Berlin den Wahklampf... Im Grunde genommen ist es vom Wahlkampf her es ein Testlauf für die Organisationsfertigkeit der Piraten, ein Testlauf für die Wahl 2016, weil der Anspruch natürlich schon sein muss, dass wir einen flächendeckenden Wahlkampf in der Stadt machen. Wir haben mit Julia Reda und Fotios Amanatides zwei sehr gute Spitzenkandidaten, wie ich finde. Die machen bisher einen sehr guten Eindruck in der Öffentlichkeit und ich denke schon, dass die das ziehen können so einen Wahlkampf inhaltlich. Und dann ist es halt die Aufgabe der Landesverbände strukturell dafür zu sorgen, den Leuten zu erklären, warum es gut ist, wenn die Piraten auch im Europaparlament vertreten sind. Und da werden wir als Berliner Landesverband unseren Teil zu leisten.

Lastet die Arbeit im Abgeordnetenhaus Sie nicht genug aus – meinen Sie, Sie können das beides stemmen?

Ja, meine ich.

Was könnten Sie denn besser als [der aktuelle Vorsitzende] Gerhard Anger?

Weiß ich nicht, was kann denn Ihrer Meinung nach Gerhard Anger besser als ich?

Sie kennen ihn ja besser als ich.

Achso, das heißt, Sie kennen ihn gar nicht so gut! Das heißt, wenn ich Ihnen jetzt irgendwas erzählen würde, was ich besser könnte als Gerhard Anger, wüssten Sie überhaupt nicht, ob ich Sie jetzt hier belüge oder nicht?

Nee, Sie wollen ja kandidieren.

Ja genau ich will – nee, wissen Sie was, ich will nicht nur kandidieren, ich kandidiere sogar. Das sind dann so die sprachlichen Feinheiten. Wollen Sie eigentlich ’nen Kaffee? Ich mach mir erstmal ’nen Kaffee.

Aber so viel Zeit hab ich eigentlich... aber einen kleinen Kaffee nehme ich...

Ach, Sie haben überhaupt gar keine Zeit! Wie viel Zeit haben Sie sich denn für dieses Interview genommen? Also ich weiß nicht, als Politiker, wenn man sich da nicht so ernst genommen fühlt…

nee, Sie können sich vollkommen ernst genommen fühlen.

Ich kann mich ernst genommen fühlen, Sie nehmen mich aber nicht ernst?

Doch, ich nehme Sie ernst.

Sie nehmen mich ernst? Ein bisschen zumindest.

Ich nehme grundsätzlich jeden Menschen ernst...

Okay, Sie nehmen grundsätzlich jeden Menschen ernst. Das ist doch schonmal...

...und mir ist es dann auch vollkommen egal, welcher Partei er angehört.

Ach so! Das heißt, Sie nehmen auch Bernd Lucke von der AfD ernst?

Den jetzt nicht, ich will mich auch nicht mit Ihnen streiten.

Wir streiten uns doch gar nicht, wir unterhalten uns einfach ganz nett. Also, was kann ich besser als Gerhard Anger? Ich find‘ die Frage blöd, die werde ich nicht beantworten.

Okay, das ist ja Ihr gutes Recht. Und dann – wenn Sie dazu vielleicht noch was sagen wollen – versteh ich auch, wenn Sie dazu nichts sagen wollen: In Reinickendorf hat sich die Fraktion jetzt aufgelöst. Meinen Sie nicht, dass jetzt eine inhaltliche und organisatorische Neustrukturierung, die Sie ja auch auf Ihrer Homepage …

… ach, haben Sie den Blogbeitrag gelesen? Den Eindruck hatte ich gerade nicht.

Ist das nicht zu spät?

Nö, wieso? Wieso soll das zu spät sein? Die Jungs in Reinickendorf, die können mal schön ihre Mandate zurückgeben, das können die. Da wurde eine Liste aufgestellt, mit acht oder neun Leuten, und wenn die [Gewählten] ihre Mandate niederlegen, dann besteht die Piratenfraktion in Reinickendorf weiter. Ich hab mir auch mal angeschaut, was die da in den vergangenen zweieinhalb Jahren... Jetzt wollen Sie doch Kaffee!

Ja, ich nehm mir...

Achso, nehmen Sie sich einfach selber. Ich hatte Sie jetzt falsch verstanden. Ich hatte irgendwie gedacht, Sie wollen gar keinen. Also, wenn ich mir anschaue, was die da an Anträgen und Drucksagen so in den vergangenen zweieinhalb Jahren produziert haben in Reinickendorf die vier Jungs, dann muss ich sagen, ist das ausbaufähig, um das mal vorsichtig auszudrücken.

Sie trauern den Personen also nicht nach?

Weiß ich nicht, das müssen ja die Reinickendorferinnen und Reinickendorfer bewerten, ob sie sich jetzt von den vier Herren in der BVV-Fraktion dort gut vertreten gefühlt haben. Aber Fakt ist: 2011 wurde die Piratenpartei gewählt. Da hat niemand gesagt, ich gebe jetzt denen da in Reinickendorf ne Stimme, weil da ein Michael Windisch auf der Liste steht oder so. Die haben halt jetzt mal gefälligst ihre Mandate niederzulegen, weil ich nicht weiß, was das für ein Politik- und Demokratieverständnis ist, mit seinem Mandat in eine andere Partei abzudüsen. Ist mir nicht so klar.

Okay. Angenommen, es klappt jetzt alles, so wie Sie sich das vorstellen. Von mir aus, Europawahl geht gut, wie auch immer...

Ja, „wie auch immer“, ist ja eigentlich auch nicht so interessant, ist ja nur Politik…

Ja, genau, deswegen sage ich ja auch: wie auch immer. Sie ziehen also auf jeden Fall ins Abgeordnetenhaus wieder ein?

Ja.

Mit wem würden Sie denn koalieren?

Es steht natürlich fest, dass wir mit der CDU aufgrund der Innenpolitik nicht koalieren können. Auch was die Asylpolitik angeht ist das komplett indiskutabel. Ich denke, dass die CDU da ein fundamental anderes Menschenbild hat als die Piratenpartei. Ich denke, mit der Linken gibt es da viele Schnittmengen, wenn es um so Fragen geht wie mehr parlamentarische Kontrolle für die Geheimdienste. Langfristiges Ziel sowohl der Linken als auch der Piraten ist es ja, die Kontrollmöglichkeiten auf Geheimdienste zu erweitern, aber auch sowas wie den Verfassungsschutz langfristig abzuschaffen. Ich sehe bei den Grünen politisch natürlich einige Schnittmengen, halte sie aber nicht für politikfähig. Seit 30 Jahren sind die ja im Berliner Abgeordnetenhaus, waren nie an der Regierung, deswegen konnte sich bei denen anscheinend auch nie so ein Realo-Flügel durchsetzen. Was man auch merkt, weil sie einfach nicht zu konstruktiver Arbeit in der Lage sind, das sieht man jetzt auch zum Beispiel bei der Parlamentsreform, wo sie sich ja weitestgehend aus den Verhandlungen verabschiedet haben. Ich kann Klaus Wowereit gut verstehen, der hatte seine Gründe, warum er damals die Koalitionsverhandlungen abgebrochen hat. Ansonsten ist da natürlich noch die SPD übrig, die natürlich glücklicherweise einen Linksruck im Moment durchmacht. Wahrscheinlich ist am Ende des Tages eine Koalition mit SPD und Linken, und wenn sich die Grünen dann mal irgendwann berappeln, geht das wahrscheinlich auch.

Das war es auch schon. Herr Lauer, ich bedanke mich bei Ihnen für dieses Gespräch.

Ich habe zu danken.

Das Interview fand in der vergangenen Woche am Donnerstag statt und dauerte knapp zehn Minuten. Anschließend schickten wir Lauer eine überarbeitete Fassung zum Gegenlesen vor dem Abdruck. Lauer war damit nicht einverstanden. Er hatte auch selbst während des Interviews ein Band mitlaufen lassen. Dieses Band hat dann Lauer oder ein Mitarbeiter abgetippt, die so entstandene Fassung hat Lauer an unseren Mitarbeiter gemailt: „Vielen lieben Dank für Ihr Transkript. Im Anhang an diese Mail finden Sie die von mir freigegebene Version des Interviews. Ich betone noch einmal explizit, dass ich das Interview nur in dieser Form freigebe, jede Kürzung bedarf der weiteren Autorisation durch mich. Ich widerspreche ausdrücklich einer Umstellung der Fragen und Antworten, da sich hierdurch ein anderer Sinnzusammenhang ergibt.“ Die taz ist damit einverstanden, wir veröffentlichen das Gespräch daher hier ungekürzt und im vollständigen Wortlaut.

 

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