die wahrheit

Ich, der Reisetrottel

Im Laufe eines vertanen Lebens werde ich immer mehr zum Reisetrottel. Früher habe ich mich kaputtgelacht über Freundinnen, die am Abend vor Urlaubsreisen ...

... Panik schoben, statt Party zu machen. Sie wollten lieber bügeln, Nägel lackieren, Haare eindrehen und stundenlang Koffer packen.

Ich dagegen warf am nächsten Morgen kurz vor der Abfahrt cool und leicht verkatert ein paar Dinge in meinen Seesack. Reisen, pah! Das erledige ich doch im Vorbeifahren. Ich hatte eine ausgezeichnete Spaß-Pack-Bilanz.

Eine lustige Laune des Alters ist bekanntlich, dass man für alles länger braucht. Das wird überall behauptet. Keine Ahnung, ob das stimmt, für gepackte Koffer und Orgasmen gilt es auf jeden Fall. Obwohl ich es mit Nägellackieren und Haareeindrehen immer noch nicht so habe, gestaltet sich der Abend vor der Abfahrt jetzt unangenehm.

Ich nehme mir nichts mehr vor, damit ich Zeit habe zu packen. Stattdessen verrichte ich mit schlechtem Gewissen wichtige Surf- und Zapparbeiten bis nach Mitternacht. Vor dem Einschlafen zerre ich noch die Reisetasche hervor. Am nächsten Morgen renne ich dann hektisch zwischen Arbeitszimmer und Schrank hin und her, wofür der Architekt unseres Hauses extra viel Platz gelassen hat, und werfe Unterhosen und Unterlagen in bunter Folge in die Tasche.

In den letzten Monaten war ich sehr viel unterwegs, ich habe also eine gute Packroutine. Erstaunlicherweise besitze ich inzwischen trotzdem drei Zahnbürsten, dito Zahnpasta, fünf Deosprays und einen Vorratsschrank voll Ohropax, Zahnseide und Shampoo. In allen wichtigen Städten werden extra für mich neue Drogeriefilialen in den Bahnhöfen errichtet. Das Museum für Kunst und Gewerbe hat sich bereits erkundigt, ob es meine Kammsammlung nach meinem Tode übernehmen darf.

Mein Gepäck ist stets dreimal umfangreicher als das meiner Kollegen, die anscheinend Wechselwäsche für zwei Tage auf das Format eines Aktenköfferchens verdichten können. Wieso ziehen sie dennoch lässig, je nach Witterung, Schirm und Schal oder Schirmmütze und Sonnenöl hervor, während ich so tun muss, als würde mir Wetter an sich nichts ausmachen? Weil ich mich gern mal überraschen lasse?

Meine nachlassende Planungsfähigkeit grenzt inzwischen an Wurschtigkeit. Nicht nur Tabletten gegen Reisekrankheit lasse ich zu Hause liegen, sondern auch Namen und Telefonnummern wichtiger Ansprechpartner. Außerdem kann ich mir keine Abfahrtszeiten mehr merken; dieser Speicher ist bereits übervoll von Uhrzeiten vergangener Reisen. Ab und zu versuche ich es also mit einer leicht gebrauchten Uhrzeit und muss mich dann sehr wundern.

Deswegen weiß ich jetzt auch, wie es ist, dreimal am Flughafen ausgerufen zu werden: Man hechtet mit Puls 180 schweißverklebt durch die Sicherheitskontrolle und stolpert in ein Flugzeug, in dem man bereits 130 Feinde hat. Dort versucht man, cool und elegant auf seinen Sitz zu rutschen, und blickt dann bescheiden hinab auf seine Socken. Eine schwarz, eine blau.

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