Über Rassismus reden

Im Zweifel für die Würde

Am Dreikönigstag werden sich Kinder wieder mit schwarzer Farbe als Melchior verkleiden. Harmlos? Ganz und gar nicht.

Illustration: Ein schwarzer Fuß in Ketten, am Ende der Kette hängt ein schwarzes Gesicht

Vorbild sind die sogenannten „Minstrel-Shows“ aus der Zeit der Sklaverei in den USA Foto: http://xuehka.blogspot.de/

Man stelle sich vor: Jemand tritt einem anderen ständig auf den Fuß. Der andere sagt jedes Mal: „Du trittst mir auf den Fuß. Bitte, lass das.“ „Nein“, sagt der Treter, „das kann nicht sein.“ „Doch“, sagt der mit dem schmerzenden Fuß, „gerade hast du es wieder getan.“

Im Grunde ist es ganz einfach: Es gehört sich nicht, Leuten auf den Fuß zu treten. Auch dann nicht, wenn der Fußtreter seine Tat angeblich nicht mitkriegt und der Leidtragende ihn erst auf sie aufmerksam machen muss.

Ähnlich verhält es sich mit der Debatte um Blackfacing. Blackfacing, das ist, wenn Weiße sich das Gesicht schwarz anmalen und so im Theater, in Fernsehshows, zu Karneval, oder – ganz aktuell – zum Dreikönigsfest auftreten. Die Praxis ist rassistisch. Und bei Rassismus steht mehr auf dem Spiel als ein Fußtritt: Eine Gruppe Menschen trampelt auf der Würde der anderen herum und erniedrigt sie.

Wer Blackfacing betreibt, sieht aber häufig nicht das Problem – oder beruft sich auf die Meinungsfreiheit. Diejenigen, die Blackfacing als rassistisch kritisieren, ernten dafür Vorwürfe – auch von Linken: Sie beriefen sich auf eine Identität, heißt es dann, die ihnen einen exklusiven Opferstatus sichere – die Identität als Schwarze. Dazu später mehr.

Der Maßstab für Rassismus

Die Motive der Blackfacer können durchaus redlich sein. 2009 ließ sich der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff an Gesicht und Händen schwarz anmalen und tourte so als „Schwarzer“ durch Deutschland – in der Absicht, Rassismus aufzudecken. Ganz gleich ob Wallraff das so sieht oder nicht: Mit seiner Aktion hat er die Würde Schwarzer Menschen, um im Bild zu bleiben, mit Füßen getreten.

Die Debatte: Die Linke debattiert darüber, wie sich eine inklusive und gleichberechtigte Gesellschaft erreichen lässt. Es herrscht dabei große Uneinigkeit über die Strategien antirassistischer Arbeit. Wer hat welche Deutungshoheit, wer hat wie viel Macht? Und wer ist bereit zu teilen?

Die Reihe: In einer wöchentlichen Reihe beleuchtet die taz die Aspekte der Debatte. Alle Beiträge unter www.taz.de/ueberrassismusreden.

Ob jemand verletzt wird, hängt nämlich nicht von der Intention des Handelnden ab, sondern von seiner Wirkung. Die Schlussfolgerung daraus ist für viele schwer zu verdauen: Maßstab für Rassismus ist das Empfinden der Betroffenen, nicht das der Handelnden.

Und dabei geht es nicht bloß ums Verletztsein, es geht auch ums Ausgeschlossenwerden: 2012 spielte in einer Inszenierung des US-amerikanischen Stücks „Ich bin nicht Rappaport“ am Berliner Schlosspark-Theater ein schwarz geschminkter weißer Schauspieler die Rolle des Midge Carter. Die Rolle ist ausdrücklich als Schwarze Figur angelegt. Die Theaterleitung begründet das auch heute noch damit, dass ihnen nichts anders übrig geblieben sei: Sie hätten schlicht keinen Schwarzen Darsteller gefunden.

Die afro-deutsche Schauspielerin Lara-Sophie Milagro ärgert sich über dieses häufig angeführte Sachzwangargument: „Viele Schwarze Schauspieler bekommen keine Anstellung, weil Theatermacher davon ausgehen, dass Rollen, die nicht gängigen Klischees wie Flüchtling, Gangster oder Prostituierte entsprechen, dem Publikum mit Schwarzen Darstellern nicht authentisch vermittelbar sind“, sagt sie.

Dabei gebe es unendlich viele Rollen, als Anwalt oder Arzt zum Beispiel, die genauso gut Schwarze spielen könnten. Blackfacing an Theatern und im Fernsehen, sagt Milagro, führe einem Publikum vor Augen: „Weiße können alles, Schwarze dürfen nicht einmal sich selbst spielen.“ Theatermacher übergehen kategorisch eine Gruppe von Menschen und nehmen ihr die Möglichkeit, sich selbst darzustellen.

Überspitzte Darstellung

Stattdessen ahmt eine privilegierte Gruppe eine Unterprivilegierte nach – und das kann nur schiefgehen. Man muss sich bloß vergegenwärtigen, wie es wirkt, wenn Männer Frauen spielen. Sie verfallen allzu oft ins Klischee, geben die dumme, die herrische oder die sexuell verfügbare Frau. Das mögen einige Frauen witzig finden.

Andere werden sich verhöhnt fühlen und darauf aufmerksam machen. Ähnlich geht es schwulen Männern, wenn Darsteller glauben, laut kreischen und mit dem Po wackeln zu müssen, um diese Rolle „authentisch“ zu spielen. Derartig überspitzte Darstellungen von Schwulen gibt es im Fernsehen immer weniger. Die Sensibilität für Homophobie und Sexismus ist größer geworden – die für Rassismus nicht.

Die Debatten fallen immer wieder in dieselben Muster zurück. Im Oktober trat Moderator Guido Cantz in der ARD-Unterhaltungsshow „Verstehen Sie Spaß?“ in einem Sketch als „Schwarzer“ auf – die Maske verpasste ihm eine künstliche Schicht aus brauner Haut, zog eine schwarze Lockenperücke mit Halbglatze über seine weißblonden Strähnen, vergrößerte Lippen und Nase – und erzeugte so die Karikatur einer Schwarzen Person.

Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) forderte den SWR auf, den Sketch nicht auszustrahlen. In der Sendung würden „Bilder von als dümmlich dargestellten Afrikanern reproduziert“, schrieb sie in einem offenen Brief. Der Sender reagierte verharmlosend: „In der Comedy wird häufig mit Überzeichnungen gearbeitet, die oft grenzwertig oder grenzüberschreitend sind“, heißt es bei der Pressestelle. „Das Schlüpfen in verschiedene Rollen ist ein Stilmittel von vielen.“

Afroamerikanische Geschichte

Das ist richtig. Nur leider ist Blackfacing kein unschuldiges oder harmloses Stilmittel von vielen. Sein Vorbild sind die sogenannten „Minstrel-Shows“ aus der Zeit der Sklaverei in den USA. Weiße Entertainer spielten darin naive, ungebildete und immer fröhliche Sklaven. Sie trugen so dazu bei, die brutale Ausbeutung der Sklaven auf den Plantagen vor einem weißen Publikum zu rechtfertigen. Zeitgleich töteten Weiße im ganzen Land zahlreiche Schwarze.

„Blackfacing ist sozusagen die ‚komische‘ Seite des Lynchens“, sagt der Historiker Norbert Finzsch, emeritierter Professor der Uni Köln, der dreißig Jahre lang zu afro-amerikanischer Geschichte geforscht hat.

Nun sind die USA und ihre Geschichte weit weg. Historischer Rassismus ist aber nicht dem Ausland vorbehalten. Wir in Deutschland haben die deutsche Kolonialgeschichte nie aufgearbeitet – man vermeidet Debatten über die Völkermorde von deutschen Kolonialisten an Schwarzen Afrikanern wie den Herero und Nama, die erst möglich wurden durch den Rassismus der Weißen.

Der Kontext ist wichtig

Der deutsche Kolonialismus mag Geschichte sein, prägt aber bis heute das Verhältnis von Weißen zu Schwarzen Menschen. Ein befreundeter Student sagte mir neulich, er habe das Gefühl, immer als armer, bemitleidenswerter Afrikaner behandelt zu werden – er stammt aus der kamerunischen Mittelschicht.

Teil von Rassismus ist eben auch, dass „Schwarz“ und „wohlhabend“ nur schwer zusammen gedacht werden können. Oder „Schwarz“ und „rechtschaffend“: Viele Schwarze Deutsche kennen das Gefühl, bei Polizeikontrollen unter Generalverdacht zu stehen.

Und so ist Blackfacing eben kein Phänomen im luft- und geschichtsleeren Raum, sondern geschieht im Kontext einer Kultur, die bereits von Rassismus durchdrungen ist. Einer Kultur, die mit dem Wort „Schwarz“ negative Assoziationen verbindet: „Schwarz fahren“, „Schwarzer Tag“ oder „Schwarzmalen“.

Und was ist nun mit dem so genannten Schwarzen Opferstatus? Dem Vorwurf, die Kritiker von Blackfacing bestünden auf einer Identität, die sie zu ewigen Leidtragenden macht? Nun: Schwarzen Menschen bleibt gar nichts anderes übrig. Angesichts eines zermürbenden Rassismus in der Gesellschaft sind sie permanent gezwungen, sich als Betroffene beim Namen zu nennen.

Zugleich müssen sie diese von Rassisten negativ besetzte Identität positiv füllen – ähnlich wie Schwule und Lesben, die immer noch gegen Homophobie und um ein positives Bild von sich kämpfen müssen. Das Problem hierbei liegt vielmehr bei den weißen Linken selbst, die so etwas vorwerfen: Sie wollen nicht wahrhaben, dass sie als Weiße privilegierte Nutznießer eines strukturellen Rassismus sind. Es sind Menschen, die sich lieber selber in der Opferrolle sehen.

Menschenwürde

Und auch wenn der Verweis auf die Freiheit der Kunst und des Ausdrucks ein starkes Argument ist: Öffentlich-rechtliche Sendeanstalten wie der SWR und auch mit Steuergeldern von Schwarzen Deutschen finanzierte öffentliche Theater haben den Auftrag, Menschenrechte und -würde zu schützen. Nun ließe sich einwenden: Es gibt Schwarze, die keinen Rassismus im Blackfacing sehen. Und warum sollte eine Mehrheit sich von einer Minderheit den Spaß verderben lassen?

Dem kann man entgegenhalten: Im Zweifel gilt die Menschenwürde. Es reicht aus, wenn eine Minderheit sagt, dass ihnen schmerzlich auf die Füße getreten wird. Das allein sollte Grund genug sein, um Blackfacing zu unterlassen. An der Rücksicht auf eine Minderheit kann man erkennen, ob eine Gesellschaft anständig und integer ist.

 

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