Kommentar Familie und Gesellschaft

Schluss mit dem Eltern-Bashing

Paare, die Kinder kriegen, verdienen keine Häme. Unterstützung in finanzieller wie auch in menschlicher Hinsicht ist dringend angesagt.

Zwei Babypuppen sitzen nebeneinander in einem 50er-Jahre-Kinderwagen

Kinderkriegen als Privatsache – sowas von Fifties. Zwillingskinderwagen von 1958 Foto: dpa

Gerade erst letzte Woche war es wieder so weit. Ich befand mich in einem Berlin-Mitte-Laden für Kinderbekleidung, als eine Mutter samt Zwillingskinderwagen hereinrollte. Sie sagte nicht „Tach“ oder so was. Vielmehr machte sie sich daran, mit ihrem für einen Doppeldecker ausgesprochen schnittigen, gleichwohl raumgreifenden Gefährt weiter in die Tiefe des Raums vorzustoßen. Es entstanden umgehend Kollateralschäden. Pastellfarbene Leibchen segelten von der Kleiderstange zu Boden, handgewirkte Giraffen und Elefanten fielen vom Regal wie von Gewehrsalven niedergemäht.

Doch das waren Kleinigkeiten. Das größte Hindernis stellte ich dar: eine Frau Anfang fünfzig, in ihren Händen ein sauteures Ringelshirt haltend und still darüber sinnierend, ob dreißig Euro für eine Obertrikotage fürs Enkelkind nicht doch ein arg stattlicher Preis sein mochten. Diese Frau, mich, galt es um­gehend beiseitezuräumen.

Als die Zwillingsmutter nun also gesenkten Blicks nahte, tat die Frau, also ich, nicht das, was in Zeiten des alltäglichen Mütterbashings gesellschaftlich opportun scheint. Ich tat nicht so, als sähe ich die Fuhre gar nicht. Ich drehte mich nicht extra weg. Ich grummelte nicht Unverständliches vor mich hin. Stattdessen sprach ich: „Möchten Sie vorbei? Warten Sie, so, bitte schön.“

Ich will ehrlich sein: Vor ein paar Jahren hätte ich das anders gehandhabt. Da wäre ich stehen geblieben und hätte aus den Augenwinkeln beobachtet, wie die Dame das jetzt schafft: mit ihrem großen Kinderwagen diesen sehr kleinen Laden zu durchpflügen. Mich hätte sie allenfalls mit einem deutlich hörbaren „Bitte“ überzeugt, den Weg freizugeben.

Der familieninterne Muttertagsboykott

Aber auf so was, auf derlei Spielchen und Kraftproben, habe ich inzwischen keine Lust mehr. Wie es mir überhaupt an der Zeit scheint, das Mütter-Ba­shing einzustellen. Keine Sorge, nicht dass es für diese Er­kenntnis diesen komplett überflüssigen Muttertag bräuchte. Den ignoriere ich seit Jahrzehnten, jedenfalls so gut es eben geht. Als letztes Jahr meine erwachsene Tochter prüfend nachfragte, ob es denn weiterhin bei unserem familieninternen Muttertagsboykott bliebe, musste ich nichts sagen. Nur finster gucken.

Die Berliner Polizei macht mit, die Polizei Hamburg auch. Seit Kurzem ist auch die Wache in Franken auf Facebook und Twitter. Werden Ordnungshüter jetzt #likeable? Außerdem in der taz.am wochenende vom 13./14. Mai: die Wahl im Iran. Präsident Rohani hat gute Chancen auf eine zweite Amtszeit. Eine Reportage aus Teheran und Karadsch. Und: Diana Kinnert ist 26, tätowiert, lebensfroh, lesbisch und das It-Girl der CDU. Ein Gespräch über Partys, Politik und Tod. Das alles – am Kiosk, eKiosk oder im praktischen Wochenendabo.

Ich vermute, die Frage war nichts anderes als der in ihrer eigenen Kleinfamilie entstandene Druck, den sie nahtlos an mich weiterzugeben versucht hatte. Ihre Tochter, also meine Enkelin, ist eine Kindergartenbesucherin – und dort wird ab Ende April muttertagsbedingt gebastelt, dass es eine Art ist. Meine Tochter schien sich also ertappt gefühlt zu haben, als am zweiten Maiwochenende letzten Jahres von kleinen Händen eine Muttertagsgabe aus dem Kinderzimmer herbeigetragen ward.

„Juhu!“, sagte sie. Ach du liebes bisschen!, dachte sie. Muttertag, dieses Hochamt des Floristengewerbes, hatte sie längst verdrängt. Und nun das. Eine Herzkarte. Quasi als Belohnung fürs Kinderkriegen.

Unter anderem das – die so offensichtlich klaffende Lücke zwischen einer gesellschaftlich akzeptierten Lobhudelei und der allenthalben hingenommenen realpolitischen Kühle – hat mich zu der Überzeugung gebracht, dass es jetzt wirklich mal gut ist mit dem Eltern-Ba­shing. Paare, die Kinder kriegen, verdienen keine Häme, sondern ein bisschen Sympathie und Solidarität. Vielleicht kriegen sie dann auch endlich etwas bessere Laune.

Kleingehaltene und demütige Eltern

Vorausgesetzt allerdings: sie verweigern, erstens, tapfer die ihnen gesellschaftlich zugewiesene Opferzuschreibung, sie respektieren, zweitens, ihre keineswegs nur aus anderen Eltern bestehende Umwelt. Und drittens, dies vor allem, sie erhalten sich ein Mindestmaß an Selbstironie.

Die braucht es nämlich, betrachtet man sich die politischen Gegebenheiten. Hiesige Mütter gebären zwar ihre 1,5 Kinder in einem der reichsten Länder der Welt. Das bedeutet aber nicht, dass das politische System ebendieses Landes für ihr soziales Wohlbefinden, für Sicherheit oder gar Zufriedenheit sorgt.

Statt Bildung von Anfang an kostenlos zu machen, statt Eltern steuerlich zu entlasten und ein der realen Jobwelt entsprechendes Arbeitsrecht durchzusetzen, werden Eltern lieber klein gehalten. Und demütig. Alleinerziehende auf Hartz IV, steigende Mieten, knappe Kitaplätze – wer das zu befürchten hat, wird ängstlich. Und Angst, wir sehen es aktuell bei Pegida und Co, macht aus Menschen übel gelaunte Typen. Zeitgenossen voller Misstrauen, die ihrer Umgebung gegenüber eher missmutig als nachsichtig auftreten.

Schon klar, hier geht keiner vor die Hunde. Aber wäre es nicht Zeit, Eltern das Beste zu geben, was dieses Land anzubieten hat? Geld! In zwei Jahren wird die Bundesrepublik siebzig Jahre alt. Das ist weiß Gott genug Zeit, um endlich mal zu kapieren, dass Familien nicht von Luft und Liebe leben. Sondern dass es in einer begrenzten Lebensphase einfach mal richtig viel Geld kostet, Kinder zu bekommen. Dieses Geld steht Familien – und ich meine jede Art von Familie – zu. Kinder zu kriegen und zu haben als Privatveranstaltung zu sehen, mit der der alternde Rest der Gesellschaft nicht behelligt werden möchte, ist so was von Fifties.

Richtig fette Steuerentlastungen für Familien?

Aus so was, aus den kleckerweise, im Legislaturrhythmus erfolgenden Kindergeld-Erhöhungen, aus dem Zittern um den Job, aus dem Run auf die eine angesagte Schule werden im Alltag Leute, die meinen, ihnen werde schon genug abverlangt. Die Bettelei, die Konkurrenz, der üble Schlafmangel. Da müssten sie nicht auch noch nett sein. Zum Beispiel zu Frauen, die in Kinderboutiquen im Weg stehen. Diese Leute, also Eltern, sollten wir anderen vielleicht mal mit ein wenig Geduld und Freundlichkeit überraschen. Möglicherweise würde dies zu gegenseitiger Wertschätzung führen.

Die Kassen sind voll. Warum reicht es nicht für tipptopp Betreungsschlüssel, für faire Bezahlung von PädagogInnen und für Schulen und Kitas, die die sauteuren privaten Einrichtungen locker über- statt unterbieten? Für richtig fette Steuerentlastungen für Familien?

Ich meine, worum geht es denn? Um Kinder. Diese süßen Sorgen auf zwei Beinen, die die Tage heller machen und die Nächte leider allzu kurz. Die meisten haben welche, alle waren mal welche. Und es geht um Eltern, die alles störungsfrei zusammenkriegen sollen. Im Job bis abends zur Verfügung stehen. Auf dem Nachhauseweg in der Bahn mit den Kindern nicht die alternde Mehrheitsgesellschaft behelligen. Zu Hause vollwertig kochen und wertig spielen. Privat gesund und sexuell attraktiv bleiben. Nebenher aber auch Yoga machen, gute Filme gucken und über was anderes reden können als immer nur die Kinder, Kinder, Kinder.

Diese Leute zu bestärken, ihnen auch mal zuzulächeln oder Platz zu machen, wenn sie schon unbedingt ihre Kinderwagen in jedes noch so kleine Lädchen mitnehmen zu müssen meinen – also diese Leute mit Freundlichkeit zu überwältigen würde nichts kosten. Ihnen alles bereitzustellen, was sie entlasten könnte, kostet die Gesellschaft etwas. Aber keine Sorge, wäre nicht für immer. Das Leben ist ein Hauch. Schon bald stehen sie im Weg.

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1965, ist taz-Parlamentsredakteurin. Sie berichtet vor allem über die Unionsparteien und die Bundeskanzlerin.

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