Ostberliner Kultfrisör im Interview

„Westberlin war langweilig“

Frank Schäfer war schwul und Punk, als es beides in Ostberlin noch nicht geben durfte. Jetzt ist seine Autobiografie erschienen.

„Als Stotterer habe ich schnell gelernt, dass ich meinen Weg gehen muss“: Frank Schäfer in seinem Frisörsalon Foto: André Wunstorf

Frank Schäfer: So, ich muss erst mal eine rauchen.

taz: Kein Problem.

Ich rauche immer eine Zigarette zum Feierabend, sonst ja nur samstags, wenn ich ins Kit Kat gehe. Mit 40 hatte ich vom Rauchen Kopfschmerzen bekommen und dann zwölf Jahre nicht geraucht, bis ich eine ganz leichte Sorte entdeckt habe.

Da haben Sie spät noch den Rat Ihres Vaters befolgt. Der hatte Ihnen sogar das Rauchen beigebracht. Kann sich heute keiner mehr vorstellen, vor allem nicht hier in Prenzlauer Berg.

War ja eine andere Zeit. Meine Mutter und mein Vater fanden das Rauchen schick, und meinen Vater, der Kettenraucher war, habe ich gebeten, es mir zu zeigen. Damals rauchten alle Mädchen in der Friedrichshainer Berufsfachschule, wo ich Bekleidungsfacharbeiter lernte, und wenn die mich zum Ausgehen mitnahmen, wollte ich so cool sein wie sie. Und meine Eltern waren ja froh, dass ich mit den Mädchen weggehe. Die wussten, dass ich Sex mit Männern hatte, nachdem ich es mal aus Bockigkeit gesagt hatte.

Sie stammen aus einem sehr kultivierten Elternhaus, Ihr Vater war ein berühmter Schauspieler. Trotz ihrer Liberalität fanden Ihre Eltern den Friseurberuf aber nicht so angemessen für Sie?

Meine Eltern sahen besondere Talente in mir. Ich konnte singen, malen, zeichnen, das sollte ich ausschöpfen. Wollte ich aber gar nicht. Ich wollte früh Friseur werden, vielleicht auch, weil ich so anders aufgewachsen bin. Mein Vater war ein Schöngeist mit einer riesigen Bibliothek. Bei uns verkehrten Regisseure und Schauspieler, keine Klempner, Bäcker und Friseure. Dass der Beruf kein Prestige hatte, war mir völlig wurscht. Als Stotterer habe ich schnell gelernt, dass ich meinen Weg gehen muss, ohne darauf zu achten, wie andere mich sehen. Für mich war der Friseurberuf so exotisch wie für andere Kinder vielleicht Dichter. Wie die Friseurinnen in ihren abgewetzten Kitteln im Salon standen und miteinander erzählten, fand ich scharf. Das Haaremachen hat mich eigentlich gar nicht interessiert, rumstehen und quatschen, das wollte ich auch.

Dazu sonnabends nach Feierabend „Goldkrone“ trinken, wie Sie Ihren Lehrlingsalltag in einem Damensalon in Prenzlauer Berg beschreiben. Klingt nach echtem Werktätigen-Rock-’n’-Roll.

Oh ja, da ging die Post ab. Die Kundinnen brachten Schnaps mit, der mit den Friseusen gepichelt wurde.

Geboren wurde der Sohn des Schauspielers Gerd E. Schäfer in Neukölln. Ab 1960 lebte die Familie in Ostberlin. Frank träumte früh vom Friseurberuf. Auf Wunsch seiner Eltern sollte er Kostümbildner werden, lernte Modegestaltung – und wurde doch Friseur, zuerst in der PGH Modische Linie in der Schönhauser Allee. Mit Freund Sven Marquardt tauchte er Anfang der 80er in Ostberlins Undergroundszene ein. 1988 nutzte er den Job als Visagist bei einer Heiner-Müller-Inszenierung, um sich nach Westberlin abzusetzen. Dort arbeitete er nach dem Mauerfall weiter als Friseur. Seit vielen Jahren betreibt er mit einer Kollegin in Prenzlauer Berg den Salon Frank und Amanda.

Schäfer entdeckte früh seine Homosexualität, schon als Teenager verkehrte er mit älteren Männern. Später wirkte er unter anderem in Filmen von Rosa von Praunheim mit. Er genoss sein exzessives Leben, erlebte aber auch üble Schikanen. Nach einer willkürlichen Verhaftung wurde er von einem Polizisten vergewaltigt. Heute lebt Schäfer in einer langjährigen Beziehung mit seinem Ehemann in Prenzlauer Berg.

Neu im Handel: Schäfers Autobiografie „Ich bin nicht auf der Welt, um glücklich zu sein“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf). Lesungen mit Koschreiberin Patricia Holland-Moritz am 6. April im Rauschgold und am 19. April in der Anton-Saefkow-Bibliothek. (gl)

Theoretisch könnten Sie heute auch Dirigent sein.

Stimmt. Ich ging auf eine Spezialschule für Musik, habe Klavier gespielt und gesungen, sogar ein Solo in einer Lenin-Kinderoper. In der Zehnten bin ich aber von der Schule geflogen, weil ich eine Westplatte von The Sweet mit in die Schule gebracht hatte. Kein Beinbruch, ich war ohnehin nicht so musikalisch, wie man dachte.

Man sieht hier in der Ladendeko etliche Konzerttickets aus Berlin: The Sweet, Morrissey, Billy Idol.

Den fand ich auch toll. Als Jugendlicher landete ich irgendwann auch bei Punkbands, obwohl ich Punk als Musikrichtung eigentlich nicht verstanden hatte.

Punksein aber schon?

Mein Freund Sven [Marquardt, später Berghain-Türsteher, d. Red.] und ich waren eigentlich Popper. Eines Tages, etwa 1980, schickte Sven einen Jungen, der eine Punkfrisur wollte, in meinen Friseurladen in der Leipziger. Ich hatte keine Ahnung und rasierte ihm eine bunte Kreation in den Kopf. Der wurde dafür zu Hause furchtbar verprügelt, und auch ich bekam von seinem Vater im Laden mächtig eine gescheuert. Aber danach wusste ich: Bei so einem Aufriss muss es jut sein. Die Provokation hat Spaß gemacht, also wurden wir Punker. Selbst beim DDR-Modeinstitut, wo ich Anfang der Achtziger nebenbei als Maskenbildner und Friseur tätig war, kam das Punkige nicht schlecht an. Dort war man dankbar, dass jemand frische Luft reinbrachte.

Bei der Berliner Friseurmeisterschaft 1985 haben Sie Ihrem Modell eine Schallplatte ins Haar montiert und ihm eine Zwangsjacke angezogen.

„Wir traten bei Wohnungspartys auf, die haben wir komplett zerlegt, als Showperformance“

Das gab ein Riesentheater. Die Funk­tio­näre haben sofort eine politische Botschaft gesehen, nur ich nicht.

Sie machten in der legendären Punkmodenschau „Chic, charmant und dauerhaft“ mit, die einen legendären Ruf als Underground-Performance hatte.

Allerdings. Sven und ich traten auch bei Wohnungspartys auf. Die haben wir komplett zerlegt, so als Showperformance. Wir haben trainiert, uns mit Metallketten zu schlagen, ohne dass es wehtut. Auch bei Punkkonzerten im Weißenseer Jugendklubhaus Langhansstraße machten wir als Go-go-Tänzer Bambule, bis die Leute ausgerastet sind und sich kloppten. Ich war bei einigen Punkbands Go-go-Tänzer: Happy Straps, Die Firma und Feeling B.

Ex-Feeling-B-Musiker Flake hat das Ostberlin jener Zeit als Abenteuerspielplatz beschrieben. Haben Sie das auch so empfunden?

Ja, aber ich hatte einen festen Job und war sehr zielstrebig. Mit 28 hatte ich mich ausgetobt und bin in den Westen. Mir war klar, dass dort was anderes gespielt wurde, was ich auch spielen wollte.

Westberlin war ja auch ein Abenteuerspielplatz …

Nö, nö, nö.

Für die Zugereisten aus der westdeutschen Provinz schon.

Ja, für die. Ich fand es eher langweilig.

Den Mythos der Mauerstadt haben Sie nicht gespürt?

Vielleicht gab’s den, ich kann die Sache auch erst ab meiner Ankunft im Juni 1988 beurteilen. Da war nüscht, was ich besser fand als im Osten. Klar, ich bin ins Nachtleben eingetaucht, aber nie mit Drogen. Die Exzesse in Westberlin schienen mir so gesteuert: Darkroom, schwule Sauna, hier wird rumgefickt und da wird dit gemacht. Mir fehlten die Spannung und das Verbotene.

Warum sind Sie aus der DDR überhaupt abgehauen?

Echten Druck, die DDR zu verlassen, verspürte ich gar nicht. Es gab natürlich Reize, ich wollte auch mal schwule Pornos sehen, vor allem aber was Neues erobern. Im Osten hatte ich einen Namen und merkte, dass ich satt und faul wurde, lief ja alles. Die Freiheit im Westen fand ich extrem toll, obwohl dort eine wirtschaftliche Diktatur herrschte. Ich hatte aber kaum Anpassungsschwierigkeiten. Ich finde, die DDR war mal ein Traum von einer besseren Gesellschaft, aber der Mensch funktioniert so nicht. Er ist letztlich auf Wettbewerb ausgerichtet, jeder will den anderen übertölpeln. Das finde ich nicht gut, aber leider ist es so.

Sie haben in der DDR als Punk und Schwuler viel Schikane erlebt, wurden verhaftet, bekamen Alexanderplatz-Verbot. Trotzdem wären Sie in die SED eingetreten, wenn man Sie gefragt hätte, schreiben Sie.

Ich hatte immer ein Kalkül, wie ich vorwärtskommen könnte. Beruflich, nicht beim Geldverdienen. Wenn man ein Ziel erreicht, macht das einfach Spaß. Viele verwechseln ja Vorwärtskommen mit Geld. Ich finde, dass Geld dafür eher hinderlich ist. Na, die Genossen hätten mich sowieso nicht genommen. Die haben mich auch nie gefragt, und wenn, hätte ich mich wohl doch eher drüber tot gelacht.

Braucht man diese Mischung aus beschwingter Naivität, Anpassungsfähigkeit und Lust am Exzess, um das Leben auch zu genießen, wenn’s mal richtig beschissen ist?

Vielleicht. Ich habe immer versucht, das Beste draus zu machen. Auch wenn meine vielen Partygeschichten das nicht vermuten lassen: Ich fand den Osten immer scheiße. Genauso übrigens mein Vater, obwohl der Starschauspieler und Nationalpreisträger war. Wir wussten aber beide, dass die DDR uns zugleich ein gutes Leben bietet. Ich bin keiner, der sagt: Ich muss frei sein. Muss ich nicht. Ich bin sowieso frei – im Kopf. Ich muss auch nicht aus einer unguten Situation raus. Ich kann die in eine gute Situation verwandeln.

Hat das geholfen, als Sie nach einer Verhaftung auf dem Alex von einem Polizisten vergewaltigt wurden?

Natürlich habe ich gezittert, aber sollte ich verzweifelt sein? Ich dachte nur, davon lasse ich mir mein Leben nicht kaputtmachen. Mein Gott, der Typ mit dem Minischwanz, wat sollte der mir anhaben?! Ich verteidige damit natürlich keine sexuellen Übergriffe, um Gottes willen.

Mich interessiert doch nicht, wie sauber das Hotel auf der Karibikreise war, mich interessiert, wie jemand druff ist“

Warum reichte Ihnen für ein neues Leben im Westen die andere Stadthälfte? Warum wollten Sie nicht nach New York oder wenigstens München?

Ich kenne auch meine Grenzen. Erst mal wollte ich Westberlin erobern. Das wirkliche Geldsystem, wie es in München herrscht, hat mich nie gelockt. Selbst wenn ich den Kapitalismus mag, bin ich nicht an Reichtum und Macht interessiert.

Warum mögen Sie den Kapitalismus?

Weil der in seiner bösen Form relativ ehrlich ist. Wenn ich weiß, ich muss arbeiten, um mir eine Wohnung zu leisten, finde ich das für mich gut. Im Osten herrschte ein unglaublich hierarchisches System aus persönlichen Beziehungen bis in den politischen Apparat hinein. Dass du jemanden kennst, der dir weiterhilft, war immer extrem wichtig. Das hat mir nicht gefallen. Ich bin kein guter Netzwerker.

Ist heute wohl auch nicht nötig. Rennen Ihnen die Kunden den Laden ein, weil Sie ein medienbekannter Friseur sind, oder sind das Stammkunden?

Unsere Kunden kommen aus ganz Berlin und Umkreis, Cottbus, Magdeburg. Meistens komischerweise Lehrerinnen, Schuldirektorinnen, Ärztinnen.

Keine Männer?

Wenige, wir haben lange Anmeldezeiten. Männer wollen immer fix rankommen und schnell fertig sein.

Da gibt’s ja auch wenig zu quatschen.

Ich bediene deshalb lieber Frauen. Bis Männer anfangen von ihren Ehepro­blemen zu erzählen, uiuiui, das dauert.

Mit Ihren Kundinnen unterhalten Sie sich über solche Dinge?

Je privater, umso besser! Mich interessiert doch nicht, wie sauber das Hotel auf der Karibikreise war. Mich interessiert, wie jemand druff ist, auch in der Beziehung. Gerade weil ich nicht zu ihren besten Freunden gehöre, können die Kunden mir das erzählen. Ich erzähle ja auch aus meinem Leben, und die Kunden ziehen daraus vielleicht etwas für ihr Leben.

„Ich ging auf eine Spezialschule für Musik, habe Klavier gespielt und gesungen, sogar ein Solo in einer Lenin-Kinderoper.“

Gibt’s spezielle Berliner Themen?

Etliche ältere Kundinnen sagen, ihnen mache die Entwicklung mit den Flüchtlingen Angst. Ich sehe das ganz anders, aber mir ist klar, dass vor allem viele ältere Menschen mit den Veränderungen überfordert sind und die Welt nicht mehr verstehen. Aber ich finde, man soll auch nicht alles verstehen. Ich bin froh, dass ich manche Jugendliche nicht verstehe. Wenn mir deren Musik auch gefällt, stimmt doch was nicht.

Berlin gilt als Hauptstadt der Meckerei. Muss ein Friseurladen nicht auch immer eine Meckerstube sein?

Um Gottes willen! Ich rede mit den Kunden ernsthaft, was ja nicht heißt ohne Spaß. Meckerei mag ich aber überhaupt nicht. Ich bin auch nicht prinzipiell gegen Veränderung im Prenzlauer Berg. Ich finde nicht gut, wenn Leute mit wenig Geld verdrängt werden, aber das Gemotze gegen die Schwaben mag ich nicht. Stadtbezirke verändern sich.

Und wenn Sie selbst weggentrifiziert würden?

Ist eher unwahrscheinlich, weil ich mit meinem Mann nur in einer winzig kleinen Wohnung wohne.

Und der Laden?

An dem hänge ich natürlich. Schließlich gefällt es mir hier sehr gut.

Würden Sie den auch woanders aufmachen?

Na klar. Veränderung ist das Leben. Wer Veränderung schrecklich findet, findet das Leben schrecklich. Man kann nichts für immer festhalten. Das ist Quatsch, so wie die Jagd nach dem Glück, die die Leute heutzutage alle verrückt macht. Karriere, Liebe, Geld – da brauchste Glück, klar. Aber entweder kommt es von selber oder eben nicht. Ich habe mich nie gefragt, ob ich glücklich werden will. Aber ich will meine Kunden glücklich machen.

Klingt nicht nach jener schrillen Figur, für die Sie viele halten.

Ich finde mich selbst überhaupt nicht schrill. Ich mag das Chaotische nicht, ich liebe Struktur. Ich lebe ordentlich und extrem auf den Punkt. Ich finde es toll, genau zu sein und mir einen Kopf zu machen. Nicht nachdenken ist das Schlimmste. Aber stimmt, in den Neunzigern musste man schrill sein. Da gab es den „Schrillie der Woche“, alles musste noch mehr glitzern, die Wimpern, das Piercing.

Der legendäre Salon Kaiserschnitt in Kreuzberg, wo Sie arbeiteten, bot sogar Schamhaarfrisuren an. Es sollte ein Witz sein, aber die Story ging um den Globus. Weil sie perfekt zu Berlin passte?

„Die Exzesse in Westberlin schienen mir so gesteuert: Darkroom, schwule Sauna, hier wird rumgefickt und da wird dit gemacht.“

Damals sogen die Leute begierig solche Geschichten auf. Es kamen zwar keine Kunden für solche Frisuren, aber jede Menge Journalisten. Eines Tages stand sogar Jean-Paul Gaultier im Laden, um uns zu interviewen. Ein Verlag machte einen Bildband mit Schamhaarfrisuren, wofür wir die Fotos in Ermangelung echter Kunden mit Freunden inszenierten. Es verkaufte sich weltweit. Das war wirklich schrill.

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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