Kommentar 1. Mai in Paris

Feige bis unverantwortlich

Warum ließ die Pariser Polizei den Schwarzen Block bei der Randale gewähren? Von links und rechts hagelt es jetzt Rücktrittsforderungen.

Ein brennendes Auto liegt neben einem Auto, dessen Scheiben zerschlagen worden sind

Bilder der Verwüstung: Maikrawalle in Paris Foto: dpa

Mit ihrer Gewalt haben rund tausend Autonome des Schwarzen Blocks den Gewerkschaften am 1. Mai in Paris die Show gestohlen. Wer interessierte sich am Dienstag noch für den Bahnstreik, die Konflikte bei Air France, der Post, bei Carrefour oder für die Proteste an den Hochschulen? Ein McDonald's-Restaurant ist zerstört worden, zudem gingen ein paar Autos in Flammen auf – für die Medien war die Gewichtung sofort klar, sie sprachen nach dem Desaster des 1. Mai in der Hauptstadt ausschließlich von den „Black blocks“.

Schon in den ersten Kommentaren wurde aber auch die Frage gestellt, warum die Behörden, die laut eigenen Angaben seit Tagen von den gewaltsamen Provokationen Kenntnis hatten, so spät reagiert haben. An ihren Anarchistenfahnen und ihrer Vermummung und schwarzen Verkleidung waren die „Blacks“ selbst für Laien leicht erkennbar. Sie versammelten sich ungestört und deutlich sichtbar auf einer Brücke beim Bahnhof Austerlitz vor dem Gewerkschaftsumzug zu einem Block von schätzungsweise 1200 Personen. Erst etwa eine Stunde später schritten sie zur Aktion.

Die Ordnungspolizei hatte auf allen Seitenstraßen Position bezogen, bekam aber offenbar keinen Befehl einzuschreiten. Dabei wussten alle ganz genau, was danach passieren würde. Dasselbe Spektakel hat sich mehrfach bei Gewerkschafts- oder Schülerdemonstrationen wiederholt.

Nach schweren Ausschreitungen in Paris sind nach Polizeiangaben 109 Menschen in Gewahrsam genommen worden. Am Abend des Maifeiertags war es in der französischen Hauptstadt bei einer Kundgebung von mehr als tausend vermummten Demonstranten zu schweren Ausschreitungen gekommen. Sie steckten eine McDonald's-Filiale in Brand und zündeten zahlreiche Autos an. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein. Bei drei der Festgenommenen wurden nach Polizeiangaben illegale Waffen entdeckt. An den Mai-Demonstrationen der Gewerkschaften hatten sich zuvor zehntausende Menschen beteiligt. Dabei blieb es weitgehend friedlich. Die Kundgebungen fanden vor dem Hintergrund einer Streikwelle im Öffentlichen Dienst statt. (afp)

Auch nach dem nicht ganz so überraschenden Angriff auf das Fastfood-Lokal dauerte es noch eine Viertelstunde, bis die Wasserwerfer der Polizei vorfuhren, um Beteiligte und Zuschauer zu vertreiben. Zwar wurden später 200 Leute festgenommen, die „Blacks“ aber hatten die Schlacht um die Öffentlichkeit bereits gewonnen.

Was war die Absicht dieser zögerlichen Behördentaktik? Wenn sich eine Regierung in solcher Weise einer sträflichen Untätigkeit verdächtig macht, gibt es traditionell zwei Hypothesen: Entweder sie ist mitverantwortlich, indem sie vorsätzlich oder aus Feigheit gewähren ließ, oder aber sie ist unfähig, weil sie nicht in der Lage war, die Situation richtig einzuschätzen und entsprechend rasch zu handeln. So der so müssen sich heute Frankreichs Innenminister und dessen Pariser Polizeichef harte Kritik anhören. Der Ruf nach Rücktritten kommt von rechts und links.

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Frankreich-Korrespondent der taz seit 2009. Er hat Germanistik, Philosophie und Publizistik studiert und ist seit 1987 als Journalist für deutschsprachige Medien in Paris tätig. Er schreibt über Politik, Wirtschaft, Umweltfragen und Geschichten aus dem französischen Alltag auch für „Die Presse“ (Wien), die „Basler Zeitung“ und die „Neue Zürcher Zeitung“.

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