Kommentar zum Elfmeterschießen

Anlauf! Schuss! Aus!

Über den Elfmeter lässt sich streiten. Ein Nervenspiel, ein TV-Spektakel, an Spannung kaum zu überbieten. Doch eins ist es nicht: Glücksspiel.

Jordan Pickford hält den Elfmeterschuss von Kolumbianer Carlos Bacca.

Jordan Pickford hält den Elfmeterschuss von Kolumbianer Carlos Bacca Foto: Reuters

Es gibt den handelsüblichen Fußball, wie er bei der WM gespielt wird, in der Bundesliga und in der Kreisklasse. Es gibt den Hallensport Futsal. Auch als Beachsoccer kann man mittlerweile unter dem Dach der Fifa spielen. Und es gibt das Elfmeterschießen. Es ist eine eigene Disziplin. Sie wird benötigt, um Spiele zu entscheiden, bei denen es einen Verlierer und einen Gewinner geben muss. Es ist ein Spiel nach dem Spiel. Und was für eins!

Nicht jede Mannschaft beherrscht diese Disziplin. Manche Teams brauchen wie die Engländer Jahrzehnte, um sie zu erlernen. Am Ende gewinnt nicht die Mannschaft, die besser Fußball spielen kann, es gewinnt die Mannschaft, die im Elfmeterschießen besser ist. Fußballpuristen mögen das bedauern. Da siegt kein ausgeklügeltes Positionsspiel gegen athletisches Pressing. Da siegt ganz einfach, wer häufiger ins Schwarze trifft. Rumms! Peng! Alles klar!

Es ist ein Nervenspiel, klar, das als TV-Ereignis an Spannung kaum zu überbieten und für die Fans im Stadion schier unerträglich ist. Aber eins, und das macht das Elfmeterschießen so schön, es ist nicht: eine Lotterie – auch wenn man das bisweilen immer noch hört. Es beginnt mit einer Lotterie. Die Münze wird geworfen, um auszulosen, wer mit dem Spektakel beginnen darf. Wäre das Elfmeterschießen eine Lotterie, man könnte an dieser Stelle aufhören und den Gewinner benennen. Aber nein, jetzt geht es erst los. Es soll gewinnen, wer es besser kann.

Wer das Elfmeterschießen als Glücksspiel bezeichnet, der muss auch die Schießwettbewerbe aus dem Olympischen Programm als solches bezeichnen. Die wären dann ja auch nur Lotterie. Niemand würde das behaupten. Und jeder weiß, dass auch bei Olympia am Ende nicht immer diejeinige die Goldmedaille um den Hals gehängt bekommt, die eigentlich die beste Schützin ist und im Training nie auch nur einen halben Punkt verschenkt.

Es gewinnt, wer im Nervenkampf neben den anderen Schützinnen stehend die meisten Punkte macht. Das Nervenspiel ist Teil des Wettkampfs. Nicht anders ist es beim Elfmeterschießen. Man muss eben mehr als gut kicken können. Das ist Teil des Spiels.

Wenn nicht Elfmeter, was dann?

Ja, es ist die Fußballweltmeisterschaft, es wird nicht der Weltpokal im Elfmeterschießen vergeben. Schon richtig. Aber die Spiele müssen nun mal entschieden werden. Noch länger als 120 Minuten zu spielen und wie im Eishockey Spieler vom Feld zu nehmen, um mehr Platz zu schaffen? Nein, das will niemand sehen. Schon jetzt ist es kaum mit anzusehen, wie manch ein Spieler seinen von Krämpfen geplagten Körper über das Feld schleppt.

Es soll ja bloß nicht die fitteste Mannschaft gewinnen. Es wird eh schon genug mit allen möglichen pharmazeutischen Hilfsmitteln auch im Fußball gearbeitet, man sollte ihn nicht zum totalen Ausdauersport machen.

Ball auf den Punkt, fertig aus! Aber ist es nicht unschön, dass durch das Elfmeterschießen vielleicht eine Mannschaft ausscheidet, die das ganze Spiel über dominiert hat, während ein Team weiterkommt, dass nur verteidigt hat? Man kann sich das fragen nach einem Spiel wie Russland gegen Spanien und glatt eine Idee aus den 50er Jahren ausgraben. 1957 und 1958 gab es neben dem DFB-Pokal den Flutlicht-Pokal. Der wurde in Hin- und Rückspiel ausgetragen. Bei Torgleichheit entschied das Eckenverhältnis über das Weiterkommen.

Die Spiele möchte gewiss niemand sehen, in denen es den Mannschaften darum geht, in der Eckenstatistik Punkte zu machen. Spanien hätte in der Tat gewonnen, allerdings nur hauchdünn. Das Eckenverhältnis betrug 6:5. Wäre das gerecht gewesen?

Und wenn der weiterkommt, der fairer war? Um Gottes willen! Irgendwann würde dann ein Kommentator sagen: „Eine Gelbe Karte würde dem Spiel jetzt gut tun.“ Das hätte dann mit Fußball wirklich nichts mehr zu tun. Wie schön ist es da doch, dass dieser wunderbare Sport die schöne Disziplin des Elfmeterschießens entwickelt hat. Möge der bessere gewinnen! Anlauf! Schuss! Aus!

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64 Spiele, ein Weltmeister. 12 Stadien, ein Putin. Vier Wochen Fußball und mehr. Alles zur WM in Russland.

1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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