England erreicht das WM-Viertelfinale

Jetzt ist alles möglich

England gewinnt nach Jahren wieder ein Elfmeterschießen bei einer WM. Der Abend in Moskau wird als Wendepunkt in die Geschichte eingehen.

Harry Jane, Torwart Pickford und Kieran Trippier jubeln nach ihrem Sieg gegen Kolumbien

Wenn es ihnen möglich ist, ein Elfmeterschießen zu gewinnen, warum dann nicht auch die WM? Foto: Reuters

MOSKAU taz | So plötzlich kann man Zeitzeuge eines besonderen historischen Ereignisses werden. Minuten zuvor glaubten man noch, bedauernswerter Zeuge eines bedauernswerten Fußballspiels gewesen zu sein.

Zwei quälende Stunden ereignete sich im Spartak-Stadion von Moskau eigentlich nichts, was von sonderlicher Bedeutung gewesen wäre. Die vielen Aufregungen, Proteste, versteckten Fouls, Aggressionen, Gereiztheiten, all das stand in keinem Verhältnis zu dieser an Höhepunkten so bettelarmen Partie, in der beide Teams ihre Energien darauf verwendeten, bloß nicht zu verlieren.

Doch nach dem Schlusspfiff des WM-Achtelfinale gegen Kolumbien konnten die Engländer die Bedeutung dieses Spiels nicht hoch genug veranschlagen. Trainer Southgate blickte auf Jahrzehnte der Enttäuschung zurück, in denen die treuen englischen Fans dem Team zur Seite gestanden hatten, und blickte weit nach vorn: „Der heutige Tag wird den kommenden Generationen den Glauben geben, unserem Beispiel folgen zu können.“

Um dieses merkwürdige Spiel und seine so fundamental weitreichend veranschlagten Folgen zu begreifen, kommt man um den religiösen Zentralbegriff der Erlösung nicht herum. Das englische Team hatte doch tatsächlich ein Elfmeterschießen gewonnen. Etwas, was viele schon aufgrund historischer Fakten als ein Ding der Unmöglichkeit betrachtet haben. In der WM-Geschichte waren die Engländer bei jedem Elfmeterschießen (1990, 1998 und 2006) gescheitert. Und auch bei Europameisterschaften ist die Bilanz negativ.

So hörten sich die Worte von Southgate schon fast nach einer messianischen Botschaft an seine Landsleute an: „Im Leben müssen wir daran glauben, was möglich ist und uns nicht von der Geschichte oder Erwartungen von außen behindern lassen.“Und er verriet: „Wir waren entspannt und haben unsere Scherze darüber gemacht.“

Das ist ein cleverer Ansatz: sich einfach dem Rest der Welt anzuschließen und herzhaft über sich selbst und die schlechten Statistiken in der Vergangenheit zu lachen. Das können nicht viele. Freilich hat man die Angelegenheit auch mit einem gewissen Ernst verfolgt. Viele Experten halten Elfmeterschießen ja für eine Glückssache. Die Erfahrung hat die Engländer jedoch gelehrt, dass man so wenig Glück eigentlich gar nicht haben kann.

Ein Wendepunkt in der Fußball-Geschichte Englands

Fleißige Studien haben sie deshalb in den letzten Monaten angestellt und das mentale Training forciert. Maßnahmen, die als Erfolg gewertet werden können. Vom Fehlschützen Jordan Henderson abgesehen war die Präzision und Sicherheit der anderen beeindruckend. Soutgate lobte: „Sie haben gemacht, was wir besprochen haben. Die Ausführung war exzellent.“

Man ahnt, was dieses Erlebnis von Moskau alles auslösen könnte. Wenn es sogar möglich ist, ein Elfmeterschießen zu gewinnen, warum sollten die Engländer dann nicht auch gleich noch die Weltmeisterschaft gewinnen. Begünstigend kommt schließlich hinzu, dass man frühstens im Finale auf Teams wie Frankreich oder Brasilien treffen würde. Diese Partie am Dienstagabend hatte aufgrund der Verlängerung zwar jede Menge Energie gekostet, aber Southgate wollte der Rechnung, dass das historische Erfolgserlebnis möglicherweise mehr Kräfte freigemacht als verbraucht hat, nicht grundsätzlich widersprechen.

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Im Erfolgsfalle, das ist jetzt schon klar, wird der Abend von Moskau als Wendepunkt in die Geschichte eingehen. Southgate erzählte, er habe mit dem Team schon viel darüber gesprochen, dass man Historisches erreichen könne. Gewinnt die Mannschaft am Samstag in Samara gegen Schweden, fehlen nur noch zwei weitere Erfolge.

Auch jenseits des überwundenen Traumas vom Elfmeterpunkt gibt es einige Gründe, die für England sprechen. Die Stabilität in der Defensive, die Grundvoraussetzung eines jeden Titelgewinns, ist beeindruckend. Erst gegen Ende der regulären Spielzeit kamen die Kolumbianer überhaupt zu Torchancen. Von herben Rückschlägen wie dem späten Ausgleichtstor durch Yerry Mina in der Nachspielzeit, lässt sich dieses Team nur kurzzeitig irritieren.

Und selbst wenn nach vorn wenig gelingt, kann sich die Mannschaft stets auf Harry Kane verlassen, der bereits sechs WM-Tore erzielt hat. Dem ist übrigens so nebenbei auch ein historischer Rekord gelungen. Mit seinem Elfmetertreffer in der 57. Minute hatte er zum sechsten Mal in Folge für England ein Tor erzielt. Das war vor 79 Jahren zuletzt Tommy Lawton gelungen. Aber angesichts des überwundenen Traumas im abschließenden Elfmeterschießen, war das nur eine Randnotiz.

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