Kolumne Press-Schlag

Özil verteidigt sich. Reue ist anders

Mesut Özil verteidigt via Twitter sein Treffen mit Erdoğan. Seine Mutter habe ihm beigebracht, respektvoll zu sein. Aber Mami spielt nicht beim DFB.

Mesut Özl sitzt auf einem Fußballplatz auf einem Ball, er ist von hinten zu sehen

Fußball-Nationalspieler Mesut Özil schwieg lange. Nun folgte die Breitseite via Twitter Foto: dpa

Das lange Schweigen ist vorbei. Nationalspieler Mesut Özil hat sein Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan via Tweet verteidigt. Die deutschen Medien wiederum griff er in einem zweiten Tweet scharf an: Sie hätten seinen „Hintergrund“ und das Foto benutzt, um „rechte Propaganda“ zu unterstützen, so Özil am Sonntag via Twitter auf Englisch. Mit dem Foto habe er Respekt vor seinen türkischen Wurzeln ausdrücken wollen, ganz unabhängig davon, wer gerade Präsident sei. Im Gespräch mit Erdoğan, betonte Özil, sei es um Fußball gegangen und nicht um Politik. Ein dritter Tweet wurde angekündigt.

Mesut Özil hat am Sonntagabend in einem dritten Tweet bekannt gegeben, dass er aus der deutschen Nationalmannschaft zurücktritt. Er begründete seine Entscheidung mit einem „Gefühl des Rassismus und der Respektlosigkeit“. Mit der Entscheidung, die ihm „extrem schwer“ gefallen sei, ziehe er die Konsequenzen aus dem Verhalten hochrangiger Vertreter des Deutschen Fußballbundes.

Angedeutet hatte sich die Haltung des Mittelfeldspielers von Arsenal London schon vorher. Es lag auch daran, dass der DFB vor und während der WM in Russland so verzweifelt herumruderte, um einen vernünftigen Umgang mit der Tatsache zu finden, dass Mesut Özil alles andere als Reue zeigen wollte. Anders als sein DFB-Teamkollege İlkay Gündoğan verzichtete Özil darauf, sich für die PR-Aktion zu entschuldigen, was für helle Aufregung gesorgt hatte. Jetzt, nach langer und reiflicher Überlegung, hat sich Özil zum Gegenangriff entschlossen.

Damit ist klar, dass die Aufarbeitung der WM-Schlappe insbesondere für den DFB noch ein hartes Stück Arbeit wird. Auf eine Disziplinarmaßnahme, wie sie vermutlich bei einem x-beliebigen Bundesligaverein vorgenommen worden wäre, hatte der DFB bei Özil verzichtet; vermutlich der Pfründen des Spielers und des Starrsinns des Bundestrainers wegen, der auf seinen Spielmacher auf keinen Fall verzichten wollte. Mesut Özil ließ sich in Russland nichts anmerken, die geballte Wut von Medien und Fans bekam er trotzdem ab: Der DFB hatte, wenn auch eher unfreiwillig, einen Sündenbock kreiert.

Und jetzt? Muss der DFB Stellung beziehen. Hätte man auf Özil verzichten müssen? Wird der Arsenal-Star, dem seine offensichtliche Qualität in großen Spielen gern einmal abgesprochen wird, jetzt zum Rücktritt aus der Nationalmannschaft gedrängt? Weil er immer noch nicht „die Werte des DFB“ vertritt? „Ich habe zwei Herzen, ein deutsches und ein türkisches“, heißt es in seinem ersten Tweet. „Meine Mutter hat mir beigebracht, respektvoll zu sein und nie zu vergessen, wo ich herkomme – an diese Werte denke ich bis heute.“ Mami ist also schuld.

Mami wurde allerdings nicht in den Kader berufen. Dem DFB bleibt jetzt nur, „Härte zu zeigen“ oder tatsächlich eine Trennung von Sport und Politik zu vollziehen. Lothar Matthäus, immer noch Ehrenspielführer, hat sich ja bereits mit Putin ablichten lassen. Der Möglichkeiten für politische Irrungen und Wirrungen sind derzeit leider recht viele.

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schreibt für die taz gern über Sport, Theater, Musik, Alltag, manchmal auch Politik, oft auch Literatur, und schreibt letzteres auch gern einmal selbst.

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