Kolumne Minority Report

Rassismus ist kein Sommerlochthema

Viele Linke sehen in Rassismuskritik nur Gejammer auf hohem Niveau und diskreditieren #MeTwo als Elitendiskurs. Eine Erwiderung.

Eine Frau springt in einen See

Schönwetter-Antirassimus kann gerne mit den Flip-Flops im Karton verstaut werden Foto: dpa

Der Zenit des Sommers ist überstanden, sagen Meteorolog*innen. Das Wetter wird kühler, die Ferien gehen zu Ende und wir können endlich aufhören, über diesen Rassismus-Quatsch zu reden. War sowieso nur ein willkommenes Sommerlochthema für deutschen Medien, die ansonsten zu dieser Jahreszeit über Australien berichten – weil da Winter ist und was passiert.

Mal ehrlich: Dieses ganze Mimimi-#MeTwo-Thema, wegen dem jeden Tag irgendwelche Kanaken von ihren persönlichen Rassismuserfahrungen erzählen, geht Ihnen ganz schön auf die Nerven, nicht wahr? Dann sage ich Ihnen mal etwas: Das soll es auch. Es macht nie Spaß, sich mit struktureller Gewalt auseinanderzusetzen. Nicht für die, die davon betroffen sind, und nicht für die, die dafür mitverantwortlich, weil Teil der Mehrheitsgesellschaft sind – ob sie es wollen oder nicht. Letztere hätten zwar theoretisch die Möglichkeit, ihre Verantwortung anzuerkennen und sich gegen institutionellen Rassismus zu positionieren. In der Praxis aber neigen sie eher dazu, jede Äußerung als Lappalie abzuwerten und zu relativieren.

Nicht nur FDP-Chef Christian Lindner ist der Ansicht, dass die Diskriminierungsanklagen bei #MeTwo zu „einseitig“ sind. Auch viele Linke sehen in Rassismuskritik nur Gejammer auf hohem Niveau. So beschrieb die Linken-Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht kurz vor #MeTwo in einem Artikel für die Welt Antirassismus und Minderheitenschutz als „Wohlfühl-Labels, um rüde Umverteilung von unten nach oben zu kaschieren“. Und taz-Kollege Jörg Wimalasena folgte vergangene Woche einer ähnlichen Argumentation, um #MeTwo als Elitendiskurs zu diskreditieren, der sich nicht für Verteilungsfragen interessiere.

Die große Resonanz der Leser*innenschaft zeigt: Viele Linke halluzinieren einen Konkurrenzkampf zwischen Kapitalismus und Rassismus, der natürlich längst entschieden ist. Woher der Drang kommt, das eine Problem gegen das andere auszuspielen, kann ich mir nicht erklären. Zumal jenen, die so argumentieren, klar sein dürfte, dass beide -ismen eng miteinander verknüpft sind.

Die Behauptung, dass sich im Zuge von #MeTwo bloß „privilegierte“ Migrant*innen zu Wort melden, die schon mal eine Uni von innen gesehen haben, ändert nichts an dieser Realität. Wenn wir heute endlich die Chance haben, dieser pseudo-weltoffenen Gesellschaft für ein paar Minuten den Spiegel vorzuhalten, dann tun wir das auch im Namen unserer seit Jahrzehnten putzenden und am Band schuftenden Großeltern und Eltern und Geschwister. Ich weiß, Antirassismus macht Deutschen nur Spaß, wenn Betroffene möglichst bedürftig und ungefährlich für die eigene Position sind. Aber dieser Schönwetter-Antirassimus kann gerne zum Sommerende mit den Flip-Flops im Karton verstaut werden. Denn: Den braucht kein Mensch.

.

Jahrgang 1986, Studium der Germanistik und Amerikanistik in Frankfurt/Main und San Diego, CA. Seit 2012 bei der taz.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben