40 Jahre taz: Fototourismus in Osteuropa

Leckerli für wilde Tiere

Fotos von Wölfen und Bären als Urlaubshit, geknipst in Ansitzhütten am Lockfutter: Die Angebote für Hobby-Fotografen sind in Verruf geraten.

Vor zwei Autos mit fotografierenden Touristen läuft ein Bär auf einer Straße

Fotoreisen für Wildtier-Schnappschüsse sind an vielen Orten Teil des touristischen Angebots Foto: imago/blickwinkel

In der Urlaubsregion Bieszczady in Südostpolen wurden Ende Juni zwei Kinder (8 und 10) von einem Wolf gebissen und mussten ambulant versorgt werden; zuvor hatte wohl dasselbe Tier eine Frau leicht verletzt. Der Wolf hatte immer nur kurz „zugeschnappt“. Er wurde kurz drauf erlegt. Der erste Fall dieser Art in Polen, der entsprechend durch die Medien ging. Schon in den Wochen davor hatte er sich häufig im Touristenort Wetlina sehen lassen, wo er in Hinterhöfen nach Futter suchte. Er war offensichtlich auf Menschen und ihre Abfälle konditioniert.

Die Biologin Sabina Nowak macht dafür Fotoshooting-Unternehmen verantwortlich, die Futterplätze für Wölfe, Bären und Adler unterhalten, an denen die Wildtiere an Abfallfleisch und andere Nahrungsreste von Menschen gewöhnt würden. Der bissige Wolf sei vermutlich dort konditioniert worden.

Fotoreisen für Wildtier-Schnappschüsse sind in der Region längst Teil des touristischen Angebots. Die getarnten Unterstände am Lockfutter nutzen auch ausländische Anbieter, darunter die deutsche Firma „Naturblick“, die dort komfortable Ansitzhütten mit Toilette offeriert. Geworben wird mit Fotos von Wölfen, Bären und Seeadlern. Sabina Nowak fordert ein Verbot der Köderpraktiken für Fotozwecke, die ihrer Meinung nach „Problemtiere“ produzieren und gegen das Naturschutzrecht der EU verstoßen.

Auch für die Bären in Rumänien werden Schlachtabfälle ausgelegt und Schokoriegel in die Bäume gehängt, damit Fototouristen zu ihren Bildern kommen. Natürlich gegen Cash. Ähnliches passiert in Nordamerika. Angesichts solcher Praktiken sträuben sich bei Hendrik Bösch die Nackenhaare. Der professionelle Naturfotograf lebt in den kanadischen Rockies, Bären und Wölfe sind seine häufigsten Motive.

Gerd Bauer (68) engagierte sich 1978 – 1980 beim Aufbau des Inland-Ressorts der taz und später in der Regionalredaktion Frankfurt. Danach über 30 Jahre Reporter und Redakteur beim HR-Fernsehen. Schwerpunkt Umwelt und Natur.

„Ich möchte die Natur fotografieren“, sagt Bösch, „und nicht eine künstliche Situation, in die ich ein Tier durch Anfüttern gebracht habe.“ Foto-Ansitze am Lockfutter sieht er als Angebot an die Faulheit von Touristen, die keinen Respekt vor Tieren hätten. Der Unsinn sei völlig überflüssig. „Wenn ich heute keinen Bären sehe, versuche ich es morgen, übermorgen – bis es klappt. Klappt es nicht, muss ich akzeptieren, dass die Natur sich nicht nach meinen Wünschen richtet.“

Zumal es für Hobby-Fotografen in Gattern und Zoos genügend Möglichkeiten gebe, Aufnahmen von großen Wildtieren zu machen. Da müsse man nicht die Habitate mit Störpotenzial aufmischen. Problematisch sei, dass durch dieses „bear baiting“ die Struktur der Reviere gestört würde. Lägen Futterplätze im Territorium eines dominanten Männchens, liefen angelockte Bären Gefahr, vom „Revierinhaber“ getötet zu werden. Haben Bärinnen Nachwuchs dabei, könnte das auch ihre Jungen treffen. Oder sie verwaisen und landen dann in den Wildtier-Stationen.

Am 27. September 1978 erschien die erste sogenannte Nullnummer der taz. Es gab noch keine tägliche Ausgabe, aber einen kleinen Vorgeschmack auf das, was die Abonnent*innen der ersten Stunde von der „Tageszeitung“ erwarten können. Die erste Nullnummer können Sie sich hier herunterladen.

In Erinnerung an die allererste taz-Ausgabe haben die taz-Gründer*innen am 26. September das Ruder übernommen und die Printausgabe der taz vom 27. September 2018 produziert. Dieser Text stammt aus unserer Gründer*innen-Sonderausgabe.

Werden als Lockfutter Süßigkeiten und Küchenabfälle ausgelegt, gewöhnen sich die Tiere an menschliche Nahrung und suchen später Autos, Camps und Siedlungen auf, wo es nach diesen „Köstlichkeiten“ riecht. Konflikte mit Menschen sind dann unvermeidlich. Deshalb haben etliche kanadische Provinzen und US-Bundesstaaten „bear baiting“ unter Strafe gestellt. In British Columbia steht derzeit ein Tour-Veranstalter vor Gericht. Wird ihm das illegale Anfüttern nachgewiesen, drohen bis zu 100.000 Dollar Strafe.

Auch in Slowenien gibt es einen kommerziellen Anbieter solcher Fotoplätze, die aber strengen Regeln unterworfen sind. Mais, Obst und Wildfleisch sind nur in kleinen Mengen erlaubt, Schlacht- und Küchenabfälle verboten. So soll das Risiko, dass Bären das Lockfutter mit Menschen verbinden, möglichst klein gehalten werden. „Zu hundert Prozent kann man nie ausschließen, dass Tiere dort konditioniert werden“, sagt Mario Theus, Naturfilmer und vordem Bärenbeauftragter der Schweiz, der an den Futterplätzen schon gedreht hat.

Illegale Wolfshaltungen

„Aber die Kirrungen sind sehr professionell und mit großer Sorgfalt angelegt.“ Die Forstverwaltung ist Teil des europäischen Forschungsprojekts „LIFE DINALP BEAR“, dessen Bären-Monitoring sich auf eigene Futterstellen stützt, durch die Bestandsgröße und territoriale Verteilung im Blick gehalten werden. Die Grenzen der einzelnen Streifgebiete werden bei der Platzwahl beachtet. „Nahezu alle slowenischen Bären sind regelmäßig an unserem Lockfutter“, sagt Rok Cerne, Koordinator von DINALP BEAR bei der Forstverwaltung, „ohne dass es deshalb zu kritischen Situationen kam.“

Der bissige Wolf in Südostpolen war übrigens „echt“. Kein Mischlingswolf und auch kein verwilderter oder tollwütiger Dorfköter, wie zunächst spekuliert worden war. Das ergab die Obduktion, bei der jedoch auffiel, dass das Tier völlig abgenutzte Krallen hatte. So, wie man sie von Hunden kennt, die in Zwingern mit Betonboden leben. Wurde er früher in einem Käfig gehalten?

Die Naturschutzorganisation „Wilk“ berichtet von illegalen Wolfshaltungen in Polen und seinen Nachbarländern Slowakei und Ukraine. Wolfswelpen würden aus den Wurfhöhlen im Wald geholt und dann zu „Haustieren“ umgebogen. Sollte der bissige Wolf einem Käfig entkommen sein, könnte er auch dort auf Menschen und ihre Abfälle konditioniert worden sein. Die Vermutung liegt jedenfalls nahe, dass er die drei Bissopfer als „Futterspender“ anging und ärgerlich wurde, als es keine Leckerli gab.

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