Anerkennung in der Wissenschaft: Wem Ehre gebührt
Die Nobelpreise rücken Forschende ins Rampenlicht. Aber wer erlangt eigentlich Anerkennung für seine Entdeckungen – und wer nicht?
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Die Nobelpreise in Chemie, Physik und Medizin gehen an Forscher, die das Unsichtbare sichtbar machen. Physiker Francis Halten arbeitet mit Neutrinos aus dem All, sogenannte Geisterteilchen, die er einfängt und sichtbar macht.
Den Nobelpreis für Medizin bekommen Peter Hegemann, Georg Nagel und Karl Deisseroth für ihre Arbeit auf dem Feld der Optogenetik. Sie machen Nervenzellen steuer- und sichtbar: Lichtempfindliche Proteine werden zum Beispiel in Hirnzellen eingebaut, um zu erkennen, welche Zellen für Erinnerungen, Gefühle und Verhaltensweisen zuständig sind. Und die Chemiker Henri Kagan und Kenso Soai finden eine Erklärung zu den undurchsichtigen Prozessen, wegen derer alle Moleküle des Lebens dem gleichen Bauplan folgen und nicht ihrem Spiegelbild.
Sehen hilft Verstehen, so ist das in der Forschung wie in der Gesellschaft. Wir müssen unsere Blicke auf etwas richten, aufmerksam gemacht werden auf die Dinge, auf die es ankommt. So sind auch die Nobelpreise in Physik, Chemie und Medizin dafür gedacht, die großen Fragen der Zeit zu beleuchten – und die Menschen zu würdigen, die ihnen auf den Grund gehen. So ist es jedenfalls gedacht.
Grundlagenforschung mit Aussicht auf Anwendung
Die großen Fragen, das waren zuletzt vor allem Fragen aus der Quantenphysik, dem Zusammenspiel von Erbgut und Immunsystem und maßgeschneiderte Moleküle. Drei Themen mit einem gemeinsamen Nenner: Es geht um Grundlagenforschung mit Aussicht auf Anwendungen, die unser Leben deutlich besser machen können. Doch wer verdient dieses Rampenlicht? Wer erhält die angemessene Wertschätzung? Und wer macht die Forschung für uns sichtbar?
Wer den Nobelpreis gewinnt, schreibt Geschichte, die sonst schnell vergessen würde. Er bringt öffentliche Sichtbarkeit und Geld, die insbesondere die Grundlagenforschung braucht, denn sie lebt von Fördermitteln. Die zahlen sich immer wieder aus. Beruhend auf der Grundlagenforschung entstehen Erfindungen, die schließlich auf einen Markt gebracht werden können.
Albert Einstein, Max Planck, Robert Koch: Viele Forschende sind dank ihres Nobelpreises weltberühmt geworden. Andere Preisträger traten für ihre Erfindungen in den Hintergrund. Frederick Banting und John Macleod für Insulin, Fritz Haber für Kunstdünger, Jack Kilby für Mikrochips.
Und viele Forschende, vor allem Frauen, gingen ohne jede Anerkennung aus, weil stattdessen ihre Kollegen den Vorzug bekamen. Lise Meitner, Mitentdeckerin der Kernspaltung, wurde fast 50-mal für den Nobelpreis nominiert – und ging immer leer aus. Rosalind Franklin, ohne deren Röntgenaufnahmen die Entdeckung der DNS-Doppelhelix kaum möglich gewesen wäre, starb wenige Jahre, bevor ihre Forschung ausgezeichnet wurde.
Statistisch gesehen gewinnt ein Mann
Wer die besten Chancen auf einen Nobelpreis hat, ist statistisch gesehen keine große Überraschung. Man sollte am besten ein Mann, Ende 50, weiß und aus den USA sein. Auch 2026 geht es so weiter: Medizin-, Physik- und Chemiepreis gingen an 6 Männer. Zwischen 1901 und 2025 gingen von 995 Auszeichnungen gerade einmal 68 an Frauen.
Dass sich dieser Trend dreht, ist nicht in Sicht. Das liegt einerseits am Zeitverzug. Weil Preise oft erst Jahrzehnte nach einer Entdeckung vergeben werden, spiegeln sie auch die Geschlechterverteilung in den Laboren von damals. Der Lithium-Ionen-Akku entstand in den 1980ern, die blaue LED in den 1990ern, die Preise kamen 2019 und 2014. Auch die Optogenetik wird erst jetzt geehrt, gut zwei Jahrzehnte nach den ersten Arbeiten.
Zum anderen ist eine Spitzenposition für eine Würdigung hilfreich. In Deutschland ist nicht einmal jede dritte Professur mit einer Frau besetzt, in Mathematik und Naturwissenschaften jede vierte, in der Physik nur etwa jede siebte. Schließlich hat die Fachwelt selbst nicht die gesamte Welt im Blick. Forschende aus einkommensschwächeren Ländern werden viel seltener als ErstautorInnen genannt. Rund 4 von 5 PreisträgerInnen stammen aus Europa oder Nordamerika, dort, wo am meisten Geld in die Forschung fließt.
Auch persönliche Kontakte helfen. Viele NobelpreisträgerInnen haben miteinander zu tun, weil sie verwandt oder verschwägert sind oder weil sie MentorInnen hatten, die selbst ausgezeichnet wurden. So ein wieder und wieder ausgezeichnetes Netzwerk brachte, ausgehend vom Physiker John W. Strutt, über Generationen hinweg mehr als 200 NobelpreisträgerInnen hervor. Nur wer nominiert wird, kann den Preis überhaupt gewinnen. Es ist nur logisch, dass frühere PreisträgerInnen den eigenen Nachwuchs oder KollegInnen aus der Forschung vorschlagen.
Wer kommt auf die Liste?
Wie genau ein Name auf die Liste der Nominierungen kommt, bleibt jahrzehntelang unter Verschluss. Bekannt ist nur der Ablauf bis zur Vergabe. Ein Komitee schickt in einem rotierenden Verfahren Einladungen an ausgewählte Universitäten. Daraus entstehen einige Hundert Vorschläge, die geprüft und diskutiert werden. Wenn die Entscheidung der Jury steht, werden die PreisträgerInnen angerufen und kurz darauf öffentlich gemacht.
Ole von Uexküll, Geschäftsführer Right Livelihood Award
Die Auswahl ist groß. Dementsprechend ist für eine Auszeichnung und Anerkennung entscheidend, wer eine Entdeckung mit welchen Beweggründen sucht und findet. Natürlich fallen darum viele wichtige Ideen durchs Raster des Nobelpreises, das allein schon durch seine sechs Kategorien vorgegeben ist.
Alfred Nobels Testament verlangt nach einer einzelnen Entdeckung mit großem Nutzen für die Menschheit. Ole von Uexküll sieht genau darin ein Problem: „Es kann nicht nur um den kalten, wissenschaftlichen Blick gehen, der die Menschheit voranbringt“, sagt der Geschäftsführer des Right Livelihood Awards. „Dieser Blick hat uns den Sieg des Menschen über die Natur gebracht. Aber eben auch deren Zerstörung und dadurch in der Konsequenz unsere eigene Zerstörung. Fragen von Macht und Moral sind in dieser Sichtweise ausgeklammert.“
Der Right Livelihood Award, der auch als „Alternativer Nobelpreis“ bekannt ist, soll deshalb Personen wertschätzen, die akute Probleme vor Ort bekämpft und damit eine gesellschaftliche Transformation in Gang gesetzt haben. Der Preis würdigt seit 1980 Umweltschutz, Menschenrechte und Demokratie – Themen, die damals keine Nobelkategorie erhielten, als der Preis um die Kategorie Wirtschaftswissenschaften erweitert wurde.
Edward Snowden, die syrischen Weißhelme, Greta Thunberg bekamen den Award. Vergangene Woche erhielten ausnahmslos Frauen beziehungsweise von Frauen geführte Organisationen den Preis: die pakistanische Anwältin Jalila Haider, die US-Informatikerin Timnit Gebru, eine Menschenrechtsorganisation aus Georgien sowie die Rural Women’s Assembly aus dem südlichen Afrika.
Ein Preis für die, die Aufmerksamkeit brauchen
Mit rund 200 Vorschlägen beschäftigt sich Uexkülls Team jedes Jahr. Die internationale Jury konzentriert sich dann darauf, welche Themen neu und wichtig sind, wer mehr Aufmerksamkeit braucht, und welche Strategien für den gesellschaftlichen Wandel etwas bewegen können.
Vergleicht man dieses Vorgehen mit dem Nobelpreis, wird deutlich, wie entscheidend die Perspektive auf die großen Fragen unserer Zeit ist: „Für den Nobelpreis schaut der Mensch auf die Welt, als Magier hinter dem Vorhang“, sagt Ole von Uexküll. „Subjekt und Objekt sind in der westlichen Wissenstradition strikt voneinander getrennt.“
Das habe ohne Zweifel unglaubliche Erfolge gebracht. „Doch das System stößt an seine Grenzen, sobald das Subjekt als Teil des Ganzen mitgedacht werden muss.“ Für Uexküll ist daher insbesondere die indigene Perspektive interessant, weil sie die westliche Erkenntnisfähigkeit wesentlich erweitere. In seiner Jury sind indigene Weltsichten aus Kenia und den Philippinen vertreten.
Das bedeutet nicht, dass Grundlagenforschung deshalb weniger Beachtung verdient. In der Optogenetik zum Beispiel ging es zuerst darum, wie ein Einzeller Licht wahrnimmt. 20 Jahre später wurde daraus ein Werkzeug der Hirnforschung. Doch wie viel das der Welt besonders nützt, kann man hinterfragen. Über eine Milliarde Menschen leiden an Tropenkrankheiten. Lange Zeit wurde kaum an ihnen geforscht, wohl auch, weil sich kein Markt damit erschließen lässt. Wo geforscht wird, entscheidet das Geld.
Wer den Nobelpreis bekommt, entscheidet ein Gremium in Stockholm. Vielleicht drängen aber in Kenia oder auf den Philippinen andere Fragen als an den Universitäten der westlichen Welt. Immerhin können sich beide Welten berühren: 2015 bekam Tu Youyou als erste Chinesin den Medizinnobelpreis für ein Malariamittel, für dessen Entdeckung sie auch alte Heilkundebücher ausgewertet hatte.
KI verändert die Frage nach Anerkennung
Welche Antworten also verdienen die Anerkennung und die Erinnerung im kollektiven Gedächtnis der Öffentlichkeit? Und wer soll es sein, der darüber urteilt? Können wir uns überhaupt darauf einigen, dass es Menschen sein sollen, die unsere Wertschätzung erhalten sollen?
Die Nobel Turing Challenge ist eine Initiative rund um den japanischen Forscher Hiroaki Kitano. Sie will bis 2050 KI-Systeme entwickeln, die selbstständig Wissenschaft vorantreiben und auf Entdeckungen stoßen, die schließlich einen Nobelpreis erhalten. Eine Maschine, vor der selbst Nobelpreisträger wie Geoffrey Hinton warnen, und der gerade in den vergangenen Tagen immer öfter der Weltuntergang zugetraut wird? Das klingt in etwa so zynisch, als wenn Donald Trump den Friedensnobelpreis erhalten würde.
Schon heute werten KI-Systeme Massen an Fachartikeln und Patenten aus, schlagen Experimente vor, entwerfen Therapieansätze, erstellen Simulationen und arbeiten in Laboren mit. Wie konkret das werden kann, zeigt die Mathematik.
Anfang September erklärte OpenAI, KI-Agenten hätten binnen weniger Tage ein Matheproblem gelöst, für dessen Antwort ein Institut eine Million Dollar ausgesetzt hat. Der Beweis der KI ist veröffentlicht und formal geprüft. Ob die Fachwelt ihn akzeptiert, ist offen. Der Professor, der das Problem beschrieben hat, sieht die Lösung bei den Mathematikern, die den KI-Agenten den Weg dorthin geebnet hätten.
Eine komplett eigenständig forschende, mit Doktortiteln auf allen Gebieten garnierte Super-KI gibt es noch nicht. Und manche Forschende zweifeln daran, dass sie das in naher Zukunft tatsächlich kann. Dass Mensch und Maschine aber zunehmend im Team forschen, gerade wenn riesige Datenmengen durchkämmt werden müssen, ist längst Realität.
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