Nobelpreisverkündungen: Stockholm calling
Wenn das Nobelpreiskomitee bei Preisträger:innen anruft, ereignet sich so mancher kurioser Moment. Auch dem Presserummel liegt oft ein Zauber inne.
Foto: Birgit Reitz-Hofmann/imago
Wir blicken nun wieder, wie alljährlich im beginnenden Herbst, auf eine Woche zurück, die uns Normalos, die wir Physik und Chemie möglichst früh abgewählt haben, staunenswerte Erkenntnisse und übermäßig kluge Forscher und Tüftler naturwissenschaftlicher Disziplinen – patriarchatsystemisch bedingt tatsächlich immer noch vor allem Ers – präsentiert hat.
Das war sie, die Woche der Nobelpreisbekanntgabe in verschiedenen Kategorien, gipfelnd im Literatur- und Friedensnobelpreis, die aber im Prinzip ja jede und jeder von uns zugesprochen bekommen könnte, ganz ohne eine fundierte wissenschaftliche Ausbildung, Erkenntnislust und Forschergeist. Man müsste halt nur sehr gut schreiben können oder in Zeiten und Regionen leben, die entschlossene Friedens- und Freiheitskämpfende auf den Plan rufen. Ganz so weit ist es bei uns ja – noch – nicht.
Kurzer gedanklicher Exkurs, zurück zu den Nobelpreisen für Medizin, Chemie, Physik. Herrlich, immer zu sehen, wenn sich diese zwei Welten berühren – die der vor so viel Wissen ergriffen staunenden Normalos und die der in Laboren eifrig vor sich hin denkenden und tüftelnden Forscher. Immer wieder erzeugt das anrührende Geschichten. So soll sich der wohl sehr scheue Spitzenphysiker Peter Higgs 2013 ohne Mobiltelefon – er hatte eh keins – in einem Baumarkt regelrecht versteckt haben, um für das Nobelkomitee unauffindbar zu sein. Er erfuhr dann auf der Straße von der Ehrung, als ihn eine Nachbarin darauf ansprach. Alle wussten es, nur Higgs noch nicht.
wochentaz
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Oder Mary Brunkow, Immunologin aus den USA, die im Oktober 2025 einen nächtlichen Anruf irgendwo aus dem Ausland wegdrückte, weil sie schlafen wollte und dachte, das sei Spam. So erfuhr sie erst am nächsten Morgen vom Medizin-Nobelpreis, der ihr zugesprochen worden war.
Vom Labor ins Licht der Öffentlichkeit
Es sind die Momente, in denen bahnbrechende Forschung aus dem Schatten der Labore ins Licht der Öffentlichkeit gelangt und das Unprätentiöse dieser Forschenden zutage tritt. Forschende, die nie den Eindruck erwecken, mit ihrer Forschung Stars werden zu wollen, die aber dann doch, einer medienwirtschaftlich bedingten Verwertungslogik folgend, zu Stars gemacht werden. Auf den Moment der Bekanntgabe, die inzwischen per Livestream aus Stockholm weltweit übertragen wird, folgen Interviews, in denen die Forschenden erstmals einer breiten Masse außerhalb ihrer Forschercommunity bekannt gemacht werden.
Auch das sind anrührende, manchmal skurrile Momente. Oft sympathisch linkisch stehen sie dann da, manchmal in ihrem Garten oder in irgendeinem Laborgebäudeflur, nehmen die Glückwünsche des Moderators oder der Moderatorin entgegen und müssen dann ihre irre komplexe Forschungsarbeit erklären, weil es im journalistischen Betrieb ja niemanden gibt, der das übernehmen könnte, die meisten sind Geisteswissenschaftler, Physik und Chemie frühzeitig abgewählt. Den frisch Gekürten wird in diesen Momenten auch immer die Hoffnung einer ganzen Nation aufgebürdet, als Forschungsstandort doch noch nicht ganz abgemeldet zu sein.
Beispielhaft für diese Art von Moment war in dieser Woche das Interview des „Tagesthemen“-Moderators Ingo Zamperoni, studierter Amerikanist, mit Medizin-Nobelpreisträger Peter Hegemann von der Humboldt-Universität, studierter Biologe mit Schwerpunkt Algen. Auch Hegemann war für das Nobelkomitee telefonisch nicht erreichbar, weil er im Labor forschte; er bekam dann eine Mail aus Stockholm mit der Bitte, mal zurückzurufen.
Dunkelheit im Menschenhirn
Zamperoni fragt, ob er sich noch zwicken müsse, um sich klarzumachen, dass er jetzt Nobelpreisträger ist – und es ist der Moderator, der dabei guckt, als müsse er sich selbst zwicken, weil er mit einem echten Nobelpreisgewinner spricht, während Hegemann aussieht, als wolle er lieber wieder ins Labor. Seine Antwort: sekundenlanges Schweigen, dann, extrem nüchtern: „Ja, ich bin natürlich überwältigt, und man weiß am Anfang gar nicht, wie man damit umgehen muss.“ Inzwischen habe es sich aber gesetzt, und er denke schon, „dass es irgendwie real ist“.
Ganz wunderbar dann diese Passage, in der Hegemann erklärt, was es mit den Entdeckungen im Bereich lichtgesteuerter Ionenkanäle und Optogenetik auf sich hat, für die er – gemeinsam mit dem Würzburger Biologen Georg Nagel und Karl Deisseroth aus Stanford – ausgezeichnet wurde.
Zamperoni: „Sie und die beiden anderen Nobelpreisträger haben ja buchstäblich Licht ins Dunkel des Gehirns gebracht.“
Hegemann: „Ja, Licht ins Dunkel kann man in gewisser Weise sagen. Aber das gilt sicher für das Fliegengehirn, das man belichten kann, oder das Zebrafischgehirn. Beim Mausgehirn wird es schon schwieriger – und das menschliche Gehirn ist weitgehend dunkel. Wenn Sie da optogenetisch arbeiten wollen, müssen Sie einen Lichtleiter ins Gehirn reinstecken, und dann können Sie ein kleines Volumen von ein bis 5 Quadratmillimetern belichten. Mehr nicht.“
Dieses „Mehr nicht“ ist das große Unbegreifliche, das Hegemann versteht, und zum Glück gibt es andere, die es als auszeichnungswürdig betrachtet haben. Wir Normalos wären darüber hinweggegangen. Licht ins Gehirn, krass, puh, aber: häh?
Mögen Hegemann und all die anderen ihren Erfolg feiern, mögen sie weiter forschen können, möge ihre Forschung dem Guten dienlich sein.
Uns bleibt das Staunen und der Dank ans Nobelpreiskomitee, dass es uns wenigstens einmal im Jahr mit dem Unbegreiflichen konfrontiert.
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