Hengameh Yaghoobifarah
Habibitus

Ab heute bin ich dann wieder antideutsch

Foto: Ilgen-Nur Boral

Voll antideutsch, ey!“ Ob in Kommentarspalten oder an Stammtischen: Wo Menschen ihre düstersten Gedanken ausschütten, fällt oft dieser Spruch. „Antideutsch“ – als sehr schwammiges Synonym für „scheiße“ – benutzen sowohl völkische, äh, besorgte Deutsche, die so meine Kolumnen bezeichnen, als auch andere Linke, die damit „irgendwie israelsolidarisch“ meinen.

Zugegeben: Vor ein paar Jahren gehörte ich noch selber zu der Gruppe, die eine Summe aus Israelsolidarität, Queerbashing, antimuslimischem Rassismus und Adorno-Groupietum (ich bin für Israelsolidariät und für Adorno) mit „antideutsch“ gleichsetzte. Ich schrieb Texte darüber, wie sehr es mich aufregt, dass sie als weiße, christlich sozialisierte Deutsche Jüdinnen_Juden gleichzeitig bevormunden und fetischisieren. Lese ich diese Texte heute, schäme ich mich für manche der Passagen.

Mittlerweile weiß ich: Nicht alles, was antideutsch ist, ist automatisch schlecht. Schließlich bin ich mit antideutscher Jugendkultur sozialisiert worden und habe von Antideutschen viel gelernt. Zum Beispiel, dass sich nicht alle antirassistischen Konzepte aus den USA ohne jegliche geschichtliche Transferleistung auf Deutschland übertragen lassen. Oder über die Komplexität von Antisemitismus, unter dem eben mitnichten einfach nur „was gegen Juden haben“ zu verstehen ist, sondern der sehr häufig den Kitt bildet, der unterschiedliche politische Gruppierungen zusammenhält. (Gut, das meiste brachten mir meine jüdischen Freund_innen bei, aber auch antideutsche Kritik.) Es ist schade, dass nicht alle antirassistischen Aktivist_innen Antisemitismus mitdenken und dass sie ihn zum Teil sogar reproduzieren. Trotzdem sollte Anti-Antisemitismus nicht nur Kartoffeln überlassen werden.

Von sogenannten „Rechtsantideutschen“ über Kommunist_innen bis zu linksradikalen Antifaschist_innen ist die Bandbreite derer, die andere diffamierend als antideutsch bezeichnen, sehr groß. Auch hinter dem Label „Feminist_in“ kann eine böse Überraschung stecken, man denke nur an Alice Schwarzer, Ivanka Trump oder Lena Dunham. Höre ich deshalb auf, mich als Feminist_in zu bezeichnen? Nein.

Es stimmt, dass zu viele antideutsch gelabelte Positionen ressentimentgeladen sind und einen Rattenschwanz aus Rape-Culture-Apologetik, antimuslimischem Rassismus, Kolonialismus-Relativierung, Transfeindlichkeit oder Schmusereien mit Rechten hinter sich herziehen. Und doch gibt es auch antideutsch Gelabeltes, das unverzichtbar ist. Das beweist allein ein Blick auf die Entstehungsgeschichte.

Die Fünftage-vorschau

Mo., 17. 12.

Fatma Aydemir

Minority Report

Di., 18. 12.

Juri Sternburg

Lügenleser

Mi., 19. 12.

Anja Maier

Bauernfrühstück

Do., 20. 12.

Hannah Reuter

Blind mit Kind

Fr., 21. 12.

Peter Weissenburger

Eier

kolumne@taz.de

Vielleicht reclaime ich einfach diese Selbstbezeichnung aus meiner Jugendzeit: Ab heute bin ich wieder antideutsch! Ist doch auch schön: Das Einzige, was Almans mehr Angst bereitet als linksradikale, queere, trans, feministische, antirassistische, dicke Kanax sind antideutsche, linksradikale, queere, trans, feministische, antirassistische, dicke Kanax.