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Bundesregierung hebt Prognose an Demokratiegefährdend pessimistisch

Simon Poelchau

Kommentar von

Simon Poelchau

Die Konjunktur läuft dieses Jahr besser als gedacht. Trotzdem pocht die Wirtschaftslobby nach wie vor auf Reformen in ihrem Sinne.

E igentlich könnte sich die Wirtschaftslobby jetzt mal etwas entspannen. Die Konjunktur läuft dieses Jahr besser als lange gedacht. Die Bundesregierung hob deswegen ihre Prognose kräftig an. Sie geht von einem Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent aus, im Frühjahr waren es noch 0,5 Prozent. Trotzdem pocht die Wirtschaft auf Reformen. Das ist demokratiegefährdend.

Neoliberale Sparreformen verunsichern die Menschen und spielen damit rechten Rattenfängern in die Hände. Das ist hinlänglich bekannt. Trotzdem will Bundeskanzler Friedrich Merz an den Sozialreformen festhalten. Und das, obwohl gerade das erste Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein rechtsextremer Landtagspräsident gewählt wurde. Es stellt sich die Frage, ob Friedrich Merz und die Wirtschaftslobby denn nichts aus der Geschichte gelernt haben.

Die großen Wirtschaftsverbände machen nach wie vor Druck auf die Koalition, damit sie die Reformen in ihrem Sinne durchsetzt. Sie zeichnen dazu bewusst ein besonders düsteres Bild. Der Aufschwung ist nicht mehr etwas, über das sich die Wirtschaft freuen kann. Er ist lediglich „auf Pump“ oder von „kurzer Haltbarkeit“. Solche Begriffe werden lanciert, um sogleich auf die angeblichen Gründe der Krise zu kommen, die es zu beseitigen gelte: zu hohe Steuern und zu hohe Arbeitskosten. Dabei braucht der Staat eben Steuern, um öffentliche Ausgaben zu finanzieren, und die Angestellten brauchen ausreichende Gehälter für ein würdiges Leben. Das stärkt außerdem auch die Konjunktur. Doch davon will die Wirtschaft nichts wissen.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

So muss frei nach Brecht gefragt werden: Was wäre der Verlust von zwei, drei Prozentpunkten Wirtschaftswachstum gegen die Gefährdung einer ganzen Demokratie? Zumal fraglich ist, ob neoliberale Reformen überhaupt zu einem größeren Bruttoinlandsprodukt führen. Oft genug waren sie stattdessen Auslöser für ökonomische Krisen, weil Sparmaßnahmen erst recht die Konjunktur abwürgen.

Simon Poelchau

Simon Poelchau Redakteur

ist für Ökonomie im taz-Ressort Wirtschaft und Umwelt zuständig.
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12 Kommentare

  • Axel Schäfer

    Also als Boomer kenne ich das Gerede von Krise und man möge sich einschränken und man müsste wieder Leistungen streichen oder besser noch privatisieren. Wenn dann zwischenzeitlich die Wirtschaft "wächst" oder DAX neu Höhen erklimmt merke ich davon auch nichts*, aber von den kontinuierlichen Reallohnverlusten schon.



    Daher interessiert mich das Geschwätz aus der Wirtschaft immer weniger, das die Superreichen ihre Vermögen trotz Krise exponentiell steigern konnten kann ja wohl nur daran liegen, dass es besser läuft als man uns weiß machen möchte. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, das sich z.b. die BASF mal gemeldet hätte als sie sich mit russischen Gasgeschäften komplett blöd verdient haben. Wo wird das viele Geld wohl geblieben sein....

    *) wenn jetzt wieder das Laberrhabarber von wegen Aktien kaufen oder in ETF investieren kommt, soll man auch mal erzählen, wie man an die Summen kommen soll die man da investieren müsste um die Verluste zu kompensieren und auch Kurseinbrüche zu überstehen, wenn man nicht als alleinstehender Frugalist lebt sondern auch eine Familie versorgen muss.

  • Mondschaf26

    Und von Rüstung kein Wort.

    • Martin Rees

      @Mondschaf26:

      Dazu schon vor 13 Monaten:



      makroskop.eu/31-20...tung-als-jobmotor/



      /



      "Hans-Peter Roll studierte Philosophie und Volkswirtschaftslehre in Bayreuth und Freiburg. Sein Interesse gilt vor allem der politischen Ökonomie und heterodoxen ökonomischen Theorien. Seit Anfang 2022 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter bei MAKROSKOP."

  • FtznFrtz

    Es ist ja grundsätzlich richtig, dass der Staat Geld ausgibt, in der Krise investiert, zumal ja gerade die Infrastruktur veraltet, marode und ein Hemmschuh für die Wirtschaft ist.



    Das alte Credo der Konservativen und Liberalen: weg mit Hemmnissen, Steuern runter, damit der Unternehmergeist frei walten kann, dann kommen Wachstum, Beschäftigung und die Sanierung der öffentlichen Finanzen praktisch von selbst. Ist zigfach widerlegt, allerdings immer wieder wiederholt, seit dem Thatcherismus, seit den Reaganomics in den 80ern.



    Warum nicht intelligent rangehen, Reform (im eigentlichen Sinn, nicht als reine Kürzung) im Sozialstaat tut Not, Leistungen müssen geordnet, vereinfacht und effizienter gemacht werden. Die extrem teure, ineffiziente Einzelfallgerechtigkeit in jedem Winkel muss aufhören.



    Andere Länder verwalten sich nicht zu Tode, da kann Deutschland lernen. Wir brauchen einen gut laufenden Sozialstaat, der aber nicht teurer ist als nötig.



    Angriffe auf den Sozialstaat im Sinne der Connemanns schaden, auch der Demokratie.

  • Kaboom

    Die primär von der konservativen Kampfpresse lancierte Gehirnwäsche läuft ja schon seit einigen Jahren. Deindustrialisierung !!EINS!!ELF!!



    In Wahrheit haben wir eine kleine Krise, primär hervorgerufen durch den Angriffskrieg des Massenmörders im Kreml und den Irrsinn des verrückten Königs im Weißen Haus.



    Eine relevante Rolle spielen noch die dilettantischen Entscheidungen der Vorstände bzw. Aufsichtsräte diverser deutscher Konzerne.



    Diese Krise wollen substantielle Teile der CDU und der rechte Flügel der SPD nutzen, um sich mal wieder an der Vernichtung des Wohlstandes deutscher Arbeitnehmer auszutoben.



    Dass man bei der Union dumm genug ist, nicht zu verstehen, dass der taliberale Nonsens nun den Rechtsextremisten hilft, konnte man fast erwarten.

  • Encantado

    "Die Konjunktur läuft dieses Jahr besser als lange gedacht. Die Bundesregierung hob deswegen ihre Prognose kräftig an. Sie geht von einem Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent aus..."



    1,3 Prozent Wachstum implizit mit brummender Wirtschaft gleichzusetzen ist natürlich auch ein interessanter Gedankenansatz.

    • Martin Rees

      @Encantado:

      Das stimmt, real und nominal sind auch zu berücksichtigen. Das Thema ist komplex, aber Wirtschaft ist auch viel Psychologie...



      wirtschaftsvision....t-reales-wachstum/

  • Martin Rees

    "So muss frei nach Brecht gefragt werden: Was wäre der Verlust von zwei, drei Prozentpunkten Wirtschaftswachstum gegen die Gefährdung einer ganzen Demokratie?"



    Genau der Verlust dieser "paar" Punkte gefährdet die Demokratie, weil Credo und Mantra der Konsumgesellschaft auch den wachsenden Wohlstand als Basis und Ziel ausloben, damit "Ruhe ist im Karton".



    "Am Wirtschaftswachstum hängt mehr als die Zukunft der neuen Bundesregierung. Es stellt sich die Frage, ob es auch mit der Demokratie zu Ende geht, wenn der Wohlstand schwindet."



    Bei spiegel.de 2025



    www.spiegel.de/wir...-91da-828f109f6b8f

  • Elite123

    Die Konjunktur wurde nur durch öffentliche Mittel am Leben erhalten, das ist nicht nachhaltig.

  • Sole Mio

    Wir haben eine Rekordzahl an Insolvenzen!



    4,9 Mio erwerbsfähige Menschen die nicht arbeiten



    Die Chemiebranche taumelt sehr stark



    Die Automobilbranche ebenso

    Der Verlust von 2-3% Wirtschaftswachstum? Dafür müsste man erst einmal ein solches Wachstum haben!

    Haben wir aber nicht! Also wäre es unterm Strich nun ein Schrumpfen von 0,7-1,7%.

    Das wäre eine wesentliche heftigere Situation wie zuletzt. Ich befürchte dies würde die Ränder (vorwiegend rechts) stärken und der Demokratie schaden

    Ich

  • Horst Sörens

    Wenn das stimmt, Das hohe Gehälter gut für die Wirtschaft sind wegen der erhöhten Binnennachfrage, ist es erstaunlich, Warum die Arbeitgeber nicht permanent die Gehälter erhöhen.

  • So,so

    Tja, und das Schliessen von Steuerschlupflöchern wird als "Steuererhöhung" geframed.



    Neoliberalismus zerstört unsere Gesellschaft.



    €DU.