DIE WAHRHEIT

Drahtpenisfrauen

Zu den sieben Weltwundern der Globalisierung zählt gewiss die Tatsache, dass die Sat.1-Comedyserie „Knallerfrauen“ in China sehr populär ist.

Zu den sieben Weltwundern der Globalisierung zählt gewiss die Tatsache, dass die Sat.1-Comedyserie „Knallerfrauen“ in China sehr populär ist. Sie läuft zwar nicht im Fernsehen, doch auf verschiedenen chinesischen Internetportalen, und zwar im deutschen Original mit Untertiteln. Inzwischen kann man die „German comedy micro-power“ (Teaser auf dem Cover) auch in jedem gutsortierten Raub-DVD-Laden Pekings erwerben.

taz paywall

Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?

Mehr Infos

taz.de

Allerdings ist das deutsche Comedy-Gerumpel weniger wegen seines Inhalts ein Renner, selbst wenn der dem durchschnittlichen chinesischen Komikverständnis sehr entgegenkommt. Grimmassenschneiden und bauerntheatermäßiges Overacting ist auch hierzulande für einen Comedian unverzichtbar. Und gegen Blowjob- und Brüllaffenkomik hat man ebenfalls nichts einzuwenden.

Trotzdem liegt es wohl eher an dem seltsamen chinesischen Titel der Serie, dass Hauptdarstellerin Martina Hill unter Chinesen fast schon den Bekanntheitsgrad von Rowan Atkinson („Mr. Bean“) erreicht hat. „Knallerfrauen“ heißt hier diaosi nüshi, eine Wendung, die nicht so einfach zu übersetzen ist. Dabei macht nüshi kein Problem, denn das heißt einfach „Dame“ oder „Frau“. Diaosi ist schon schwieriger. Zumindest will keiner den empfindlichen Menschen im Westen erzählen, welcher Bedeutungskern in dieser erst jüngst aufgekommenen, beliebten Szene-Vokabel steckt.

Und so liest man auf Deutsch nur allerlei Verdruckstes: „Eine (ursprünglich nur von Männern gebrauchte) Selbstbezeichnung für Angehörige mittlerer und unterer Gesellschaftsschichten“ sei diaosi, ein „Kunstwort“, das aus einem Internetforum stamme und für das sich „vielleicht der eingedeutschte Begriff ’Loser‘ anbiete.“

Die wörtliche Bedeutung trifft es aber wieder mal viel besser. Diao ist nämlich ein Slangwort für Penis, und si kann „Seide“ bedeuten, aber auch „Draht“. In diesem Fall ist wohl „Draht“ die richtige Vokabel, denn nur so ergibt sich ein aussagekräftiges Bild: Aufgrund seines niedrigen sozialen Status ist der Schwanz eines Diaosi-Manns wie mit Draht umwickelt. Auf Deutsch: Er kriegt keine Frau ins Bett.

„Knallerfrauen“ heißt also auf Chinesisch wörtlich so etwas wie „Drahtpenisfrau“ – auch wenn man sich auf dem DVD-Cover für den dadaistischen Titel „Cock the silk Ms. KnallerFrauen“ entscheidet. Und die von einer weiblichen Hauptdarstellerin geprägte Serie ist offenbar hauptsächlich nur deshalb so erfolgreich, weil man für sie den populären, auf statusarme Männer zielenden Szenebegriff gekidnappt hat. Das grenzt schon an bewusste Täuschung.

Andererseits: Je länger ich über den chinesischen Titel nachdenke, desto besser gefällt er mir. Und wäre „Drahtpenisfrau“ nicht auch in Deutschland eine passendere Überschrift zur Serie? Schließlich verhält sich der Witz in dieser Comedy ganz wie ein Penis, den man sich mit Draht ans Bein gebunden hat. Zumindest hat Martina Hill in den Folgen, die ich bisher sah, allenfalls zwei, drei Witze so hoch bekommen, dass sie zum Lachen waren.

Die Wahrheit auf taz.de

 

Um einen Kommentar zu schreiben, registrieren Sie sich bitte.

Bitte halten Sie sich an unsere Netiquette.

Sie finden Ihren Kommentar nicht?

Ihren Kommentar hier eingeben