DIE WAHRHEIT

Scheinbare Klarheit

Meist manchmal immer oft ein Ja und Nein.

„Ein kleines Licht hat der Vater sie genannt, meist immer dann, wenn sie der Mutter beim Tischabdecken nicht zur Hand gehen wollte“, lautet ein Satz in Feridun Zaimoglus Erzählung „Ein Liebesdienst“.

taz paywall

Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?

Mehr Infos

taz.de

Als gewiss klar denkender Mensch ist Ihnen, aufmerksamer Leser, der Fehler zweifellos aufgefallen: „Meist immer“ ist ein Widerspruch in sich. Im Alltag, wo man es sowieso immer nicht so genau nimmt, richtet so was keinen Schaden an und wird kaum einmal bemerkt, wohingegen Sie jetzt die beiden anderen Paradoxien hier in diesem Satz wahrscheinlich sicher bemerkt haben.

Einem Autor und seinem Lektor sollten solche Schwupper besser immer nie passieren. Indes sind im Medienbetrieb Zeit und Gehirnschmalz meistens knapp, und so passiert es: „Zu Beginn jeder Folge fliegt oft ein Auto in die Luft“, sagt Hermann Joha im Spiegel-Interview über seine Autobahnpolizei-Serie „Alarm für Cobra 11“, und dem Spiegel selbst unterläuft in jeder Nummer manchmal ein ähnlicher Missgriff, etwa wenn er über Romy Schneiders Schicksal klagt: „Die Deutschen konnten zunehmend wenig mit ihr anfangen“ – und nicht etwa abnehmend viel.

Zugegeben: Es ist einfach schwierig. Das umso mehr, als die Sprache selbst kein logisches Konstrukt ist und es sogar Wörter gibt, deren Bedeutung ins Gegenteil kippen kann.

„Gewiss“ zum Beispiel meint bisweilen nichts anderes als „ungewiss“, „gewisse Leute“ sind durchaus unbekannte. Schon Kurt Tucholsky ertappte die Juristen dabei, dass sie „zweifellos“ schrieben, wenn sie Zweifel hatten – eine Methode, die mit tierischem Ernst Politiker ebenso anwenden und mit Ironie manchmal oft gewisse Sprachkritiker. Ironie ist ein bewährtes Mittel zur Umdeutung: Das mit allen Schikanen ausgestattete Auto erweist sich öfter, als einem lieb ist, als schöne Bescherung.

Der moderne Klassiker unter den verbalen Kippfiguren ist „sanktionieren“. Die taz berichtet zum einen vom US-Embargo gegen Kuba: „Die Gesetze sanktionierten kubanische Handelspartner und weiteten das Embargo auf Drittländer und Unternehmen aus“, und referiert bei anderer Gelegenheit Jan Philipp Reemtsmas These von „einer zivilisierten Gesellschaft, die in Friedenszeiten diese Art von Gewalt als das Böse ausgrenzt, obwohl sie in Zeiten des Krieges dieses Böse freisetzt und sanktioniert“ – noch besser wäre die Rede von „einer zivilisierten Gesellschaft, die in Friedenszeiten diese Art von Gewalt als das Böse sanktioniert, obwohl sie in Zeiten des Krieges dieses Böse sanktioniert“. Chapeau!

Auf einem ähnlichen Weg zum Gegenteil ist anscheinend „scheinbar“. Eigentlich meint es: Es scheint nur so, ist aber anders. Anders scheint jedenfalls der Sprachgebrauch zu werden, denn „scheinbar“ steht manchmal immer für „offenbar“. „Drei Wochen vor dem Start der Volkszählung suchen viele Kommunen noch nach Interviewern. Der Job ist scheinbar wenig attraktiv“, war im letzten Jahr in der taz zu lesen. Ein Bedeutungswandel von „scheinbar“, den man wahrscheinlich sicher sanktionieren sollte …

Offenbar einen Bedeutungswandel durchlaufen hat bereits eine noch recht neue Redensart. Als 2001 Schalke 04 beste Chancen auf die deutsche Fußballmeisterschaft hatte, grölte ein Fan voller Hoffnung ins „Sportschau“-Mikrofon: „Wenn Schalke Meister wird, brennt hier der Baum!“ Die Meisterschaft wäre für ihn nämlich wie Weihnachten gewesen.

Dass in letzter Sekunde doch wieder Bayern München triumphierte, war gewiss eine schöne Bescherung für ihn. Eine schöne Bescherung ist es zweifellos auch, was mit der Redensart passiert ist – offenbar weil die Leut’ bei einem brennenden Baum „eher nur“ (Sándor Marai: „Bekenntnisse eines Bürgers“, deutsch von Hans Skirecki) an eine Brandkatastrophe denken: Nach einer Reihe von Misserfolgen, heißt es typischerweise in einem kürzlich erschienenen Buch über einen anderen Fußballverein, „brannte in Leverkusen der Baum“.

Dass auch Ausdrücke wie „buchstäblich“ oder Wendungen wie „nichts weniger als“ meist nichts weniger als das besagen, was der Sprecher meint, wissen treue „Wahrheit“-Leser. Woher aber rührt die offenbare Tendenz zum paradoxen Wortgebrauch? Zweifellos will man auf Nummer wahrscheinlich sicher gehen und sich nicht exakt festlegen; die Standardsprache braucht eher nur das Ungefähre, meistens nie wissenschaftliche Präzision.

Gewiss liegt’s auch daran, dass der Zwang zum schnellen öffentlichen Statement zunehmend wenig Zeit zum Nachdenken lässt. Zudem (Obacht!) könnte sicherlich die weitverbreitete Empfindung von einer unübersichtlich und widersprüchlich gewordenen Realität eine Rolle spielen. Was sagt Otto Normalo dazu? Stimmt das alles oder nicht? „Ja! Nein, ich meine …“

Die Wahrheit auf taz.de

 
25. 09. 2012

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Wenn Sie Ihren Kommentar nicht finden, klicken Sie bitte hier.

Ihren Kommentar hier eingeben